Schwellenländer: Das große Bangen um die kleinen Bürger

A woman and two girls ride a scooter as it rains in Hyderabad
A woman and two girls ride a scooter as it rains in Hyderabad(c) AP (Mahesh Kumar A)
  • Drucken

In nur eineinhalb Jahrzehnten gelang es 1,2 Milliarden Menschen in den Schwellenländern, sich aus der Armut zu befreien. Eine lange Krise könnte die boomende Mittelschicht in die Armut zurückwerfen.

WIEN. Es sah alles so gut aus. In nur eineinhalb Jahrzehnten gelang es 1,2 Milliarden Menschen in den Schwellenländern, sich aus der Armut zu befreien. Mit dem neuen Mittelstand ging es, im Kielwasser einer Weltkonjunktur unter vollen Segeln, nicht nur zügig voran – er explodierte geradezu. Erst in China, seit Kurzem auch in Indien oder Brasilien.

Das Muster ist immer dasselbe: Bauern ziehen in die Städte. Sie arbeiten in Fabriken oder gründen ein kleines Gewerbe. Statt ihre Kinder auf die Felder zu schicken, sparen sie für die Schulausbildung. Sie setzen, oft gegen den Willen der Eliten und Machthaber, Freihandel und liberale Wirtschaftsreformen durch. Jetzt geraten auch sie in den Sog der globalen Wirtschaftskrise – und erweisen sich als besonders verwundbar.

Das ist das Ergebnis einer neuen Studie der Weltbank. Ihr Ausgangspunkt klingt harmlos: In unseren Industrienationen versteht man unter Mittelschicht etwas anderes als in den Schwellenländern Asiens, Südamerikas und Afrikas. Die Grenze zwischen Armen und Mittelständlern liegt dort für unsere Verhältnisse sehr niedrig, bei zwei Dollar Einkommen pro Tag. Wer darüber liegt, ist schon ein Kleinbürger, und als solcher weder arm noch reich. Doch wer zwischen den Stühlen sitzt, kann auch am leichtesten auf den Boden fallen.

Reiche sind krisenresistent

Die Reichen sind durch Landbesitz und Rohstoffe krisenresistent. Aber auch die Armen sind nicht die wahren Opfer der Rezession. Sie blieben ohne Anschluss an die globalen Märkte, und eben das schützt sie, wenn die Märkte einbrechen, vor noch größerer Armut.

Die neue Mittelschicht aber hatte sich mit Haut und Haar der Globalisierung und dem Export ihrer Wertschöpfung verschrieben. Sie produzieren an chinesischen Werkbänken Waren für die westliche Welt, telefonieren in indischen Callcentern für westliche Konzerne. Nun aber fällt die Nachfrage des Westens aus. Das kann, wie die Weltbank-Studie zeigt, fatale Folgen haben. Denn das Einkommen jener, die der Armut entkommen sind, liegt meist nur knapp über der Armutsgrenze, zwischen zwei und neun Dollar pro Tag. In den Mittelstand, wie wir ihn verstehen, haben es erst acht Prozent von ihnen geschafft. Der Rest hat kaum Ersparnisse, im schlimmsten Fall noch einen Kredit. Verlieren sie ihren Job, drohen sie in die Armut zurückzufallen.

Doch es geht um mehr. Dieser Mittelstand in der Zweiten und Dritten Welt hat Ziele und Überzeugungen, die nach dem Wunsche des Westens auch globale politische Entwicklungen befördern sollten. Die Zwei-Dollar-Grenze ist nicht willkürlich gewählt: Wer sie überschreitet, setzt sein Einkommen nicht zur Gänze dafür ein, satt zu werden und ein Dach überm Kopf zu haben. Er hat einen festen Job oder ein kleines Gewerbe und kann über einen relevanten Teil seiner Verdienste frei verfügen – zum Konsum, aber auch zum Sparen, etwa für die Ausbildung seiner Kinder, denen es „einmal besser gehen soll“ als ihm selbst.

Genau darin lag jene „revolutionäre Rolle des Bürgertums“, die schon Karl Marx so sehr bewunderte, dass er sie möglichst rasch überwinden wollte. Stattdessen triumphierte sie in Europa und den USA und führte, in mehreren Wellen, zu historisch einmaligem Wohlstand, sozialem Frieden, Demokratie und Rechtsstaat.

Hoffnungsträger Mittelschicht

Kein Wunder, dass die westliche Welt in die neuen Mittelschichten große Hoffnungen setzte. Zwar wurden sie auch enttäuscht – vor allem in China und Russland, wo autoritäre Regime weiter fest im Sattel sitzen, von einer urbanen Bourgeoisie gestützt oder zumindest geduldet. Doch eine aktuelle Abfrage des Pew Research Center gibt diesen Hoffnungen neuen Auftrieb. Ihr Fazit ist, von Chile bis Russland, von Indien bis Südafrika, dasselbe: Der Mittelstand unterstützt Demokratie, Rechtsstaat und Freiheitsrechte stark – und signifikant stärker als ärmere Schichten.

Das ist erklärbar: Die Armen sind angewiesen auf Subventionen, also Almosen der wirtschaftlichen Elite oder des Staates. Dass diese nach den Regeln eines Rechtsstaats agieren, ist erst für den relevant, der irgendetwas besitzt – einen fixen Job, ein Geschäft, ein Stück Land – und für die Durchsetzung seiner Ansprüche auf Rechtssicherheit angewiesen ist.

Die Reichen wurden nicht gesondert befragt, dürften aber die schlechteren Verbündeten des Westens sein – weil sie ihr Vermögen oft auch mit Macht, Einfluss und Geld verteidigen können. Auch ökonomisch geht von ihnen meist eine geringere Dynamik aus, weil ihr typischer Besitz – Land und Rohstoffe – sie nicht zwingt, neue Geschäftsideen zu entwickeln und internationale Märkte zu erobern.

Die Chinesen durften nicht gefragt werden, aber auch diesen Sonderfall sieht der „Economist“, der die Abfrage in Auftrag gab, in seiner letztwöchigen Ausgabe auf dem richtigen Weg: Immerhin hätten die aufstrebenden Schichten eine wirtschaftliche Liberalisierung und einen leistungsorientierten Staatsapparat durchgesetzt, der heute ähnlich funktioniere wie ein US-Konzern in den 50er-Jahren.

Kurze Krise: Erfolg geht weiter

Die Hoffnung auch auf China erscheint plausibel, wenn man die Entwicklung in Lateinamerika betrachtet. Dort waren ebenfalls zwei Anläufe nötig: Vor dreißig Jahren noch unterstützten die bürgerlichen Schichten die jeweilige Militärjunta, heute sind sie überzeugte Anhänger der Demokratie.

Was aber passiert nun mit dem Mittelstand in Schwellenländern? Dauert die Krise nur ein oder zwei Jahre, dürfte er seine Erfolgsgeschichte vermutlich ohne tiefe Schrammen fortsetzen. Dauert sie länger, könnten seine liberalen Überzeugungen ins Wanken geraten – und in der Folge die politische Dynamik ins Stocken geraten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.02.2009)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.