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Nur neun Mal im Leben in die Schule gehen müssen

Für häuslichen Unterricht genügt ein Antrag beim zuständigen Schulamt – und eine Externistenprüfung am Jahresende.

WIEN (tes). Genau neun Mal muss ein Kind in Österreich eine Schule betreten: Um am Ende jedes Schuljahres in einer bewilligten öffentlichen Schule eine Externistenprüfung über den staatlichen Lehrplan zu absolvieren. Wer will, kann natürlich öfter kommen – und am Ende die Matura ablegen.

Schneidet das Kind bei der Externistenprüfung positiv ab, kann es im nächsten Jahr wieder in „häuslichen Unterricht“ gehen. Andernfalls muss es die Schulstufe an einer öffentlichen Schule oder einer Privatschule mit Öffentlichkeitsrecht wiederholen.

Das kommt allerdings recht selten vor. In Wien etwa sind derzeit rund 280 Kinder für häuslichen Unterricht gemeldet; die Zahl sei gleichbleibend, sagt Arno Langmeier, Dezernatsleiter des Externistenreferats im Wiener Stadtschulrat. „Pro Jahr sind es etwa zehn Kinder, die die Prüfung nicht positiv abschließen.“

Wie die Prüfung abläuft, hängt von der jeweiligen Schule ab. In manchen treten die Externisten als „Klasse“ gemeinsam an, an anderen lernen sie eine ganze Woche lang mit oder verbringen mit einem Lehrer einen Vormittag.


Wunsch nach mehr Kontakt

Einige Familien wünschen sich allerdings selbst mehr Interaktion mit einer Schule und Kontakte, die über diese jährliche Prüfung hinausgehen. „Regelmäßigere Lernüberprüfungen, etwa dreimal pro Semester, wären mir lieber“, meint die Wienerin Tina Partsch. „Einige Familien sind deshalb auch gerade in intensivem Kontakt mit den Behörden“, berichtet die Steirerin Joya Marschnig. Sie selbst hat auch bereits Verbindung zu jener Hauptschule, die ihre Tochter Lisa im nächsten Jahr „extern besuchen“ wird. Geplant ist, dass sich das Mädchen dort immer wieder präsentieren kann, Arbeiten vorlegt und mit ihren künftigen Lehrern via E-Mail kommuniziert.

Wer sein Kind zu Hause unterrichten will, muss bis Ende August beim zuständigen Stadt- bzw. Bezirksschulrat einen Antrag stellen. Die Behörde kann den häuslichen Unterricht allerdings auch verweigern, nämlich dann, wenn „mit großer Wahrscheinlichkeit anzunehmen ist, dass die geforderte Gleichwertigkeit des Unterrichts nicht gegeben ist“.

Wie viele Kinder in Österreich tatsächlich statt der Schulbank die Wohnzimmer-Couch oder den Küchenhocker drücken, ist nicht bekannt. Denn für „häuslichen Unterricht“ abgemeldet werden auch jene Kinder, die eine alternative Schule ohne Öffentlichkeitsrecht besuchen. Eine Diplomarbeit aus dem Jahr 2007 schätzt die Zahl dieser Kinder auf bis zu 1000 – eine Größenordnung, die auch Rahim Taghizadegan vom „Institut für Wertewirtschaft“ für realistisch hält. Taghizadegan hat sich im Zuge der deutschen Debatte dem Thema erst aus akademischem Interesse gewidmet und fungiert in Österreich mittlerweile als eine Art Vermittler, der Eltern zusammenführt und Veranstaltungen organisiert.


Flucht aus Deutschland

Er verzeichnet eine steigende Zahl an Anfragen – und eine starke Wanderung deutscher Familien nach Österreich. „Dort sind zahlreiche Familien tatsächlich auf der Flucht, weil sie Kinder etwa mit gesundheitlichen Problemen oder besonderen Lernerfordernissen selbst unterrichten wollen. Dabei sind es in der Regel sehr engagierte Eltern – die eben ganz eigene Vorstellungen haben.“

Während in Deutschland oft auch religiöse Gründe für Hausunterricht ausschlaggebend sind, sei das in Österreich eher selten der Fall. Vielmehr seien die Eltern auf der Suche nach der „besten Lösung für das Kind“. Gerade für Familien auf dem Land, wo oft keine echten Alternativschulen zur Verfügung stehen, sei „Homeschooling“ – allein oder in Gruppen – eine „schöne Alternative“ zum Schulsystem.


Motiv: Selbstwertgefühl

Welche Motive für neun niederösterreichische Familien ausschlaggebend waren, diese Alternative zu wählen, hat Christina Koller, Autorin der oben erwähnten Diplomarbeit, untersucht. Ihr zufolge ist der Hauptgrund die Stärkung des Selbstwertes des Kindes, gefolgt von der Stärkung des Zusammenhalts der Familie und der Möglichkeit zu einem individualisierten, effizienteren Unterricht. Moralische und religiöse Wertvorstellungen spielen hingegen „eine untergeordnete Rolle“.

Für Familien, die häuslichen Unterricht praktizieren – oder sich dafür interessieren –, findet von 25. bis 29. März eine Wienwoche statt, bei der es Gelegenheit zum Erfahrungsaustausch gibt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.02.2009)