Erstmals seit 26 Jahren gilt bei Europas größtem Autobauer Kurzarbeit. Betroffen von der Maßnahme, die auf diese Woche beschränkt ist, sind rund 61.000 Beschäftigte, zwei Drittel der Belegschaft.
BERLIN. Krisenstimmung in der Karnevalswoche: Auch bei Volkswagen ist nun – erstmals seit 26 Jahren – Kurzarbeit angesagt. Betroffen von der Maßnahme, die auf diese Woche beschränkt ist, sind rund 61.000 Beschäftigte, also zwei Drittel der Belegschaft des größten Autobauers Europas. Entscheidungen über weiteren Zwangsurlaub gibt es nach Angaben von VW derzeit nicht.
In Wolfsburg, Hannover und Emden stehen die Produktionsbänder bis zum 1.März komplett still, in Salzgitter, Braunschweig und Kassel sowie im ostdeutschen Zwickau ist ein Großteil der Belegschaft betroffen. Ausgenommen von der Kurzarbeit sind die Forschungs- und Entwicklungsabteilung in Wolfsburg sowie Teile der Komponentenfertigung. Auch die Ausbildung läuft weiter.
Kampf gegen Überkapazitäten
Mit dem Schritt will VW verhindern, dass Autos auf Halde gebaut werden. Angesichts trüber Branchenaussichten rechnet der Konzern mit einem Absatzeinbruch von zehn Prozent. Keine Angaben gibt es darüber, wie stark die Autoproduktion sinken soll. Wegen der Abwrackprämie sind derzeit vor allem Kleinwagen wie Fox und Polo gefragt, die jedoch nicht in Deutschland gebaut werden.
Volkswagen meldete Ende Jänner Kurzarbeit an, nachdem der Betriebsrat der Maßnahme zugestimmt hatte. Die aktuelle Marktlage habe auch Auswirkungen auf VW, sagte Betriebsratschef Bernd Osterloh, die Überstundenkonten seien mittlerweile fast komplett abgebaut. Den Beschäftigten entstünden aber keine Nachteile, da VW das Kurzarbeitergeld weitgehend aufstocke, so Osterloh.
Entgegen dem Trend in der Autoindustrie hatte Volkswagen im vergangenen Jahr noch einen Absatzrekord erzielt und weltweit 6,23 Millionen Fahrzeuge ausgeliefert – 0,6 Prozent mehr als im Vorjahr. An Wachstumstempo hatte VW im Jahresverlauf allerdings deutlich verloren.
Da die Wirtschaftskrise die Unternehmen der Autobranche besonders hart trifft, produzieren die Autobauer derzeit Kurzarbeiter wie am Fließband. So greifen etwa auch die VW-Tochter Audi (25.000 betroffene Mitarbeiter), BMW (26.000) oder Daimler (50.000) zu Kurzarbeit, um angesichts der Absatzkrise vor allem in den wichtigen Märkten USA, Westeuropa und Japan gegen Überkapazitäten zu kämpfen. Viele Zulieferer – etwa Bosch, Continental, Schaeffler – haben ebenfalls ihre Produktion gedrosselt und schicken die Belegschaften früher nach Hause.
Die Branche agiert dabei ganz im Sinne der deutschen Regierung, welche die Bedingungen für das Kurzarbeitergeld in ihrem Konjunkturpaket verbessert hat. Dadurch soll im Superwahljahr 2009 der Anstieg der Arbeitslosigkeit abgemildert werden.
Die Bundesagentur für Arbeit (BA), bei der Kurzarbeit angemeldet werden muss, wird derzeit von Anträgen überflutet. Allein im Dezember registrierten deutsche Unternehmen fast 300.000 Beschäftigte bei der BA aus konjunkturellen Gründen zur Kurzarbeit – 30-mal so viele wie im Dezember 2007. Für das erste Quartal 2009 erwartet man bis zu 800.000 Erstanträge und mindestens eine Verdreifachung der veranschlagten Ausgaben für das Kurzarbeitergeld von 300 Millionen Euro.
Kurzarbeit kein Allheilmittel
Arbeitsmarktforscher rechnen zugleich damit, dass drohende Massenentlassungen auf diese Weise nur verschoben werden – verhindert würden sie bei länger andauernder Krise nicht. Die Kurzarbeit, auf die auch viele Unternehmen anderer Branchen in Deutschland zurückgreifen, sei kein Allheilmittel. Führende Wirtschaftsexperten prognostizieren ab dem Sommer einen starken Anstieg der Arbeitslosigkeit. Für 2009 erwartet Deutschland einen wirtschaftlichen Einbruch zwischen 2,5 und drei Prozent.
Auf einen Blick
■Volkswagen rechnet für das laufende Jahr angesichts der trüben Branchenaussichten mit einem konzernweiten Absatzeinbruch um zehn Prozent. Um zu verhindern, dass Autos auf Halde gebaut werden, hat sich nun auch VW zur Kurzarbeit entschlossen. Die Maßnahme ist allerdings auf die Karnevalswoche beschränkt; in mehreren Werken stehen erstmals seit 26 Jahren die Produktionsbänder still. Betroffen sind rund 61.000 Beschäftigte.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.02.2009)