Konjunktur: Sohle des Jammertals erreicht

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Rolltreppen(c) EPA (Jens Kalaene)
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Im Konjunktur-Kaufhaus geht es nach unten – oder bald wieder nach oben? Der Wifo-Chef macht leise Hoffnung. Aiginger erwartet eine Wende im Herbst und kritisiert Ratingagenturen.

WIEN. Wenn die Nachrichten schlecht sind, muss man sie wenigstens gut verpacken. Karl Aiginger ließ im „Club der Wirtschaftspublizisten“ wenig Zweifel daran, dass das von ihm geführte Wifo die Konjunkturprognose für 2009 im März nach unten korrigieren wird. Im Dezember war das Institut noch von einem moderaten Rückgang (0,5 Prozent) ausgegangen. Seitdem reißen die Hiobsbotschaften nicht ab: leere Auftragsbücher, Kurzarbeit und ein frostiger Winter – „kein einziger Indikator ist positiv“.

Denn die Finanzkrise ist noch nicht gelöst, die Realwirtschaft blutet, und beides „befruchtet sich in unseliger Weise“. Das erste Halbjahr werde schlechter, als viele erwarten: „Die Krise erreicht gerade ihren Höhepunkt.“

Das lässt sich aber auch positiv drehen: Die Sohle im Jammertal ist bald erreicht, ab dem zweiten Halbjahr werde vieles besser. Für den leisen Optimismus sieht der Wifo-Chef zwei Gründe: „Die Systembanken sind gesichert“, und damit sei in der Finanzkrise das Schlimmste überstanden, auch wenn es noch weitere Kapitalspritzen, Teilverstaatlichungen oder Bad Banks geben mag. Und dann wären da noch die Konjunkturpakete, die fast überall „riesig ausgefallen sind“. Bis jetzt haben sie „nichts bewirkt“, was wieder umgekehrt heißt, dass sie wohl im zweiten Quartal wirken werden.

Das bedeute freilich keinen starken, schnellen Aufschwung: „Wir haben es mit einer asymmetrischen Krise zu tun – es geht steil runter, aber nur langsam wieder hinauf.“ Ihr Hintergrund ist ein „ungeordneter Rückzug“ der Finanzwirtschaft aus einer hohen Verschuldung, die man nun als zu unsicher empfindet: „So etwas geht nicht von heute auf morgen.“ Für die meisten Industrienationen bedeutet das fürs Erste nicht mehr als eine „Stabilisierung“.

Für Österreich aber hofft Aiginger auf ein moderates Wachstum im zweiten Halbjahr. Denn die Voraussetzungen seien besser, weil das höhere Wachstum der letzen Jahre Polster und Reserven beschert hat – den Banken durch die Ostgeschäfte, der Industrie durch hohe Produktivität, den Haushalten durch die unerwartete Reallohnsteigerung im Vorjahr.

Steuern senken statt bauen

Ratingagenturen sehen die Lage Österreichs freilich bei Weitem nicht so rosig – nach dem Rückzieher von Moody's am Wochenende hat gestern Fitch das „AAA“-Rating für Österreich in Zweifel gezogen.

Das ärgert Aiginger: „Das Ost-Risiko der Banken ist doch nur ein Kriterium. Unsere Wachstumsvorteile sehen sich die Analysten nie an.“ Dass die Krise die Transformationsländer stärker trifft, ist für Aiginger normal: „Ihre Strukturen sind weniger gefestigt. Aber ohne Auslandskapital gibt es keinen Aufholprozess“, und der ging schneller als erwartet. Bald werde die Region wieder stärker wachsen und Österreich mitziehen: „Das sollen sich die Ratingagenturen hinter die Ohren schreiben.“

Und das Konjunkturpaket? Seine Größe sei gut, aber bei Inhalt, Timing und Marketing laufe vieles schief. Steuersenkungen sollten Vorrang vor staatlichen Investitionen haben. Sie hätten zwar einen kleineren Multiplikator, aber wirken schneller als Bauprojekte, die erst später starten können – und in dieser Krise gehe es vor allem ums Tempo. Zudem sei es „ganz falsch“, bei Forschung und Bildung weniger auszugeben als versprochen. „Wenn man Lehrer einstellt, wirkt das so unmittelbar wie ein Bauprojekt“, und die bessere Wettbewerbsfähigkeit komme als willkommene Spätfolge dazu.

Aiginger ist „kein Fan“ der Details der Steuerreform, aber wenn es die Maßnahmen schon gebe, müsse man sie besser timen und verkaufen. Unternehmen können sich zu viel gezahlte Steuern erst im Juni zurückholen, „das ist unintelligent“. Viele wüssten gar nicht, wie sie Steuern sparen können. Den Politikern empfiehlt Aiginger deshalb Nachhilfeunterricht aus den USA: „Die Amerikaner wissen, wie man jeden kleinen Steuerscheck groß verkauft.“

ZUR PERSON

Karl Aiginger (60) ist Chef des Wifo (Wirtschaftsforschungsinstitut). Er studierte an der Uni Wien sowie in den USA und habilitierte sich 1984 (Volkswirtschaftslehre). Als Wifo-Forscher arbeitet er seit 1970, seit 2005 leitet er das Institut. [APA]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.02.2009)

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