Genetik. Die gesamte Familie von Zar Nikolaus II. wurde durch ein Exekutionskommando ausgelöscht, das zeigen Genanalysen. Sie tragen das alte Gerücht zu Grabe, die Zarentochter Anastasia und ihr Bruder seien entkommen.
"Was?" Der ungläubig-erboste Ausruf soll das letzte Wort des letzten Zaren – Nikolaus II. – gewesen sein, als ihm der Chef des bolschewistischen Exekutionskommandos, Jakow Jurowski, in der Nacht zum 17. Juli 1918 im Hausarrest im sibirischen Jekaterinburg (heute: Swerdlowsk) mitteilte, dass er und seine Familie erschossen würden. Dann traf ihn eine Kugel von hinten ins Herz, er hatte sich umgedreht zu den Seinen, anschließend ging auf die ein Kugelhagel nieder, dessen Pulverdampf das Zimmer verdunkelte. Nicht alle starben gleich, manche Kugeln prallten ab, auch Bajonette, die Frauen hatten Schmuck und Gold in ihre Korsetts eingenäht. „Wir haben etwas Großes vollbracht und die Dynastie ausgelöscht“, resümierte Jurowski, dann wurde ihm angst: Zarentreue Truppen waren im Anmarsch, die Spuren mussten beseitigt werden.
Feuer und Säure über die Leichen
Deshalb wurden die elf Leichen – die sieben der Familienmitglieder und vier von Bediensteten – in einen Bergwerksschacht geworfen. Aber Jurowski bekam Zweifel an der Qualität des Verstecks, in der Folgenacht ließ er sie wieder herausholen: Zwei wurden mit Benzin überschüttet, verbrannt und verscharrt, die anderen neun in eine Grube geworfen, mit Schwefelsäure übergossen und mit Erde und Baumstämmen bedeckt, es sollte aussehen wie eine Wegbefestigung.
Die Tarnung hielt lange: 1978 fanden der Geologe Awdonin und der Autor Ryabin das größere Grab, sie nahmen die Schädel heraus und wollten sie forensisch untersuchen lassen; aber kein Forscher fand sich bereit, die Zeit war nicht reif, also gruben die beiden ihre Funde wieder ein. Offiziell ans Licht kam alles nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, 1991: Teile von neun Skeletten, fünf weiblichen, vier männlichen.
Die anderen beiden – eine Frau, ein Mann – blieben verschollen, und, wer weiß? Bald nach dem Tod der Zarenfamilie tauchte eine Überlebende auf, Anastasia, die jüngste Tochter. Diese „Anastasia“ war die erste in einer langen Reihe, mindestens zehn Frauen beanspruchten die Ehre für sich, am hartnäckigsten Anne Anderson, die jahrzehntelang darum prozessierte, sie heimste Ruhm ein – es war ein gefundener Stoff für Hollywood, dort ging die Geschichte mit Happy End aus –, vor Gericht verlor sie, und im DNA-Labor auch: Sie starb 1984, aber sie hinterließ Gewebeproben, 1994 verglich man deren Gene mit denen des Großneffen der Frau von Nikolaus II. – Prinz Philip, Duke of Edinburgh –, es gab keine Übereinstimmung.
Im Juli 2007 fand man das Grab mit den bisher verborgenen Leichen, nun ging es wieder an die Genanalyse, eine russisch-amerikanische Gruppe um Jewgeni Rogajew (Moskau) führte sie aus und besorgte sich zunächst Referenzproben von heute lebenden Abkömmlingen verwandter Adelshäuser, vor allem denen der „Queen-Victoria-Linie“ und denen der Linie der Prinzessin Dagmar, der Mutter des Zaren. Zudem fand man lebende Verwandte von Nikolaus I., sie stehen für die väterliche Linie.
Alle passten zu sieben Gebeinen, aber man hatte noch eine ganz besondere Referenz: 1891 war Zar Nikolaus II. bei einem Attentatsversuch in Japan verletzt worden, das blutige Hemd blieb als Reliquie aufbewahrt. Seine DNA stimmt so extrem gut mit der eines Skeletts überein, dass das Skelett das Nikolaus II. sein kann. Und sie stimmt mit immer noch so großer Wahrscheinlichkeit mit denen von sieben der Toten überein, dass die Forscher sicher sind: „Unsere Analyse zeigt über jeden vernünftigen Zweifel, dass die Reste des Zaren, seiner Frau, ihrer vier Kinder und ihres Sohns identifiziert sind: Keines der Familienmitglieder hat das Massaker überlebt.“ (Pnas, 21. 2.)
Wem weniger am Schicksal der Zarenfamilie liegt, der darf darüber staunen, dass man 117 Jahre lang eingetrocknetes Blut und halb verbrannte, halb von Säure zerfressene Knochen auf ihre DNA analysieren kann. Man hat es mit größter Vorsicht getan, in zwei neu eröffneten Labors, in denen noch keine Menschen-DNA analysiert worden ist, also die Kontaminationsgefahr gering war.
(Die Presse, Printausgabe, 24.02.2009)