Trotz Krise können Freihandel, Industrie und Arbeitsteilung die Entwicklungsländer aus der Armut befreien. Doch ohne Aufbauhilfe des Westens drohen Flüchtlingsströme.
Wien. So sehen Kinder der Globalisierung aus: Kandeh Yumkella kommt aus dem ärmsten Land der Welt, aus Sierra Leone. Aber er hat seine Chance auf Bildung bekommen und sie genutzt. Jetzt ist er, mit 49 Jahren, Präsident der UN-Organisation für industrielle Entwicklung in Wien – und wird in der UNO für höchste Jobs gehandelt.
Im Dezember hat er vier Wochen lang sein Heimatdorf, in dem es nicht einmal Elektrizität gibt, besucht. Er lebt in zwei Welten, und das macht ihn zu einem leidenschaftlichen Verfechter des Freihandels, auch in der Krise:
„Die Globalisierung hat hunderte Millionen Menschen aus der Armut befreit. Und wir dürfen nicht zulassen, dass sie in die Armut zurückfallen.“ Mit diesen Worten präsentierte der charismatische Ökonom gestern den ersten „Industrial Development Report“ der Unido unter seiner Ägide. Sein klares Fazit: Die Zukunft der Entwicklungsländer liegt im Aufbau einer vielfältigen, spezialisierten und global vernetzten Industrie.
Das ist, in Zeiten der Krise, nicht selbstverständlich. Denn jene Länder, die sich am weitesten geöffnet haben, haben sich am schlimmsten mit dem Krisenvirus infiziert. Bitterarme Länder in Westafrika, die den Anschluss verpasst haben, bleiben hingegen geschützt und können sich über Wachstumsraten von fünf Prozent freuen. Hatten die Menschen dort Glück, der Globalisierung zu entrinnen?
Im Gegenteil, meint Yumkella, wenn sie das glauben, leben sie in einem „Paradies der Narren“. Denn der paradoxe Effekt gelte nur kurz in der Krise. Falsch handeln auch Entwicklungsländer, die nur auf Landwirtschaft setzen oder ihrem Reichtum an Rohstoffen vertrauen. Der ist, wie der Bericht mit Beispielen zeigt, oft eher ein Fluch als ein Segen.
Rohstoffreichtum als Fluch
Im Gespräch mit der „Presse“ erklärt Yumkella eine typische Falle: „Ein Rohstoffboom führt oft zu einem Bauboom. Doch gebaut werden protzige Villen – das macht den Zement teuer, und dann fehlen Mittel für neue Straßen oder Fabriken.“ Einige werden sehr reich, die Armen bleiben arm, dazwischen entsteht nichts Neues. Die Folge: Wenn die Party vorbei ist und die Rohstoffpreise sinken, fallen diese Länder auf ihr altes Niveau – oder noch tiefer – zurück.
Ein Loblied singt der UN-Bericht jedoch der Industrie – sofern sie arbeitsteilig ist: Es sei für ein Entwicklungsland besser, Komponenten zu bauen statt komplette und komplexe Produkte, die dann mangels Know-how nicht wettbewerbsfähig sind. Dafür gibt es leuchtende Beispiele, wie etwa die Stadt Qiaotou in China, wo man seit Mitte der 80er-Jahre Knöpfe herstellt. Heute kommen zwei Drittel aller Knöpfe dieser Welt aus dieser einen Stadt.
Viele Ökonomen befürchten, so würden arme Länder in der Produktion primitiver Teilchen stecken bleiben. Der UN-Report widerlegt diese These: Höherwertige Produkte mit mehr Wertschöpfung sind eine Chance für jede Industrie, egal ob sie nur Teile, einfache oder komplexe Produkte herstellt. „Man muss nur richtig definieren, was hochwertig bedeutet – auch simple Produkte wie Möbel können es sein, wenn man Design oder Logistik zur Wertschöpfung zählt“, erklärt Yumkella.
Afrika als Chance und Gefahr
China ist gerade dabei, auf der Leiter der Wertschöpfung eine Stufe höher zu steigen – und damit den Wohlstand zu mehren. Das ergibt Chancen für ärmere Länder in Afrika mit keinerlei Industrie, in die entstehende Lücke vorzudringen. Dieser Aufholprozess werde aber nur möglich sein, wenn ihn die Industrienationen mitfinanzieren – auch an korrupten Regimen vorbei. „Dazu muss man gezielt investieren, etwa in Bewässerungssysteme oder klimaresistentes Saatgut.“ Auch erneuerbare Energien gehören dazu, denn eine umweltgefährdende Industrialisierung „nach dem Muster der 70er-Jahre“ sei nicht das Ziel der Unido.
Viel brauche es nach westlichen Maßstäben nicht. Yumkella hält sich an die Weltbank: 0,7 Prozent der weltweit aufgelegten Konjunkturpakete würden für eine Initialzündung in Afrika genügen.
Fällt sie aber aus oder fällt der Westen in den alten Fehler des Protektionismus zurück, prognostiziert Yumkella in fünf Jahren Auswanderungswellen bisher ungeahnten Ausmaßes. Nicht nur, weil die Menschen arm sind – das sind sie auch heute –, sondern weil ihre Länder mangels Hoffnung dann in Krieg und Chaos versinken. Yumkella bleibt ein kämpferischer Optimist, und seine Vision sieht anders aus: „Wir Afrikaner sollen nicht als illegale Flüchtlinge nach Europa kommen, sondern als Touristen.“
Zur Person
■Kandeh K. Yumkella (49) ist seit Ende 2005 Chef der UN-Organisationfür industrielle Entwicklung (Unido). Er stammt aus Sierra Leone, studierte Ökonomie in den USA und arbeitet seit 20 Jahren in der internationalenEntwicklungszusammenarbeit.
Mitte der 90er-Jahre war er Handels- und Industrieminister in seiner Heimat. [Unido]
("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.02.2009)