Süßwarenmesse: Knautschzone

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Wo eine Handvoll Salznüsse zur einzigen Rettung wird: Auf der Süßwarenmesse liefern sich blutunterlaufene Gummiaugen und Sponge-Bob-Oblaten ein hartes Gefecht.

Der Schokobrunnen am Salzburger Eck des österreichischen Gemeinschaftsquartiers trocknet einsam vor sich hin, während Besucher und Messemitarbeiter fieberhaft auf der Suche nach ein paar salzigen Erleichterungen sind. Bringt doch die Süßwarenmesse in Köln den Zuckerhaushalt für Tage durcheinander. Dunkle Schafmilchschokolade mit Himalayasalz mutet da zwar wie eine willkommene Abwechslung an, entpuppt sich dann allerdings als doch ein wenig gar fremd. Spargelschokolade klingt zwar anregend nach Gemüse, ist allerdings auch nichts als süß, und von den gesalzenen Pistazien an der Budel eines belgischen Keksherstellers sind nur mehr zwei da.

Für den schaumgummigesättigten Gaumen bleibt da nur noch, Interesse am Schokobrunnen zu heucheln, den Standmitarbeiter in ein Gespräch über Tunkrituale zu verwickeln und beiläufig ein paar Nüsse, Ananasstücke und unreife Erdbeeren aufspießen. Wenn das verbale Ablenkungsmanöver greift, schafft man vielleicht ein paar ungetunkte Bissen, ohne empört angesehen zu werden. Denn wenn schon nicht Salz, dann bitte möglichst sauer und vielleicht mit ein paar Vitaminen. Weiter geht’s zu einem deutschen Zuckerlriesen, der heuer saure Chiliheringe präsentiert, deren Lakritznote sich sogar als leicht salzig entpuppt. Dann mit freundlichem Kopfschütteln das Angebot ablehnen, ein einfrier- und daher gastronomietaugliches gefülltes Schokomoussegupferl zu kosten, und mit starrem Blick am Stand mit den knallbunten Riesenkaugummikugeln vorbei, denn irgendwo hat die Nase eine Spur gebratenen Specks gewittert.

Paradoxerweise in der Nähe eines Eingangs, was Neuankömmlinge beim Eintreten kurz in Verwirrung versetzen mag. Und der Geruchssinn hat sich nicht geirrt: ein Imbissstand mit Weckerln, Suppe, Antipasti und – Bier. Der Gusto auf ein kühles Blondes ist nach ein paar Runden zwischen den Keks-, Schokolade- und Kaugummiständen groß. Kohlehydrate braucht man zwar nicht mehr wirklich, aber etwas Herb-Prickelndes darf’s schon sein. Dringend.

Akustikschokolade. Apropos prickelnd: In Spanien dürfte man irgendwie eine besondere Vorliebe für Zuckerprodukte mit Knisterfaktor, für popping candy, haben: Sticks zum Eintauchen und Ablecken oder bunte Brausebrösel für Eis oder Pudding, beide in Verpackungen, die an Feuerwerkskörper erinnern.

Oder ein Schokoriegel, dessen Verzehr buchstäblich ins Ohr gehen kann, legt sich doch auch noch nach fünf Minuten nicht das penetrante Knistergeräusch neben dem Trommelfell. Je mehr Luft man dem in der Schokolade eingeschlossenen Spezialzucker durch diverse Lippen- und Zungenbewegungen verschafft, desto lauter wird die Schokolade. Die Damen am Stand betrachten gespannt die ungläubigen Gesichter der Besucher – „Amazing, yes?“ Amazing auch die Beteuerung eines amerikanischen Vertreters, dass seine gestreiften neonpinken Riesenlollys „with pure nature“ gefärbt seien, gewiss doch, gewiss.
Eine tschechische Dame will keines ihrer tausenden customized Zuckerln mit der Aufschrift Opel, Esso oder EURO08 für ein Foto entbehren. Könnte man ja noch einmal brauchen.

Voll krass. Wie international die Süßwarenmesse ist, wie vernetzt der Markt, zeigt sich nicht zuletzt am Kletzenbrot eines kleinen Salzburger Betriebs, der sein Produkt im biederen Prospekt auch auf Arabisch anbietet. Das chinesische Eck im Untergeschoß hingegen gibt sich weniger traditionell: Zeichentrickhelden, von Sponge Bob bis zu Homer Simpson, matchen sich mit Hello Kitty um die Vorherrschaft auf Schaumgummi, Oblaten und Riesenschleckern. Die „Gummy Body Parts“ entpuppen sich unter anderem als knautschige Zuckerfinger samt blutigen Bissspuren, und auch für Ostern hat man hier in Sweet Chinatown eine etwas andere Variante parat: Statt eines debil lächelnden Schokohasen empfiehlt die Jin Chang Food Co. große Hasenzähne aus Schaumgummi, die man sich unter die Lippe stecken soll.

An einem anderen Stand zeigen gesetzte Herren in seriösen Anzügen einander die Zunge: Esspapier mit Zungentattoos sind einer der Hits auf der Süßwarenmesse. „Voll krass“ oder „Love“ steht dann da im offenen Mund zu lesen.
Auf wie viel Gegenliebe die neuen Schokoladesorten stoßen werden, wird sich erst zeigen: In den Startlöchern stehen heuer Zartbitter mit Kirsche und Senfkorn, Pfirsich und Bärlauch oder Vollmilch mit Kümmel...

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