Der Südbahnhof wird eh abgerissen

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Es passierte eines hektischen Freitagabends.

30 Jahre lang hatte ich meine Bankomatkarte nicht verloren (gut, ja, zwei Drittel meines Lebens besaß ich gar keine) – und dann ließ ich sie einfach im Ticket-Automaten am Südbahnhof stecken. „Macht nichts, der wird eh bald abgerissen“, wollte Kollege S. Mut machen. Blöde Sache. Blöd auch, wenn man den Verlust erst im Zug bemerkt und dank des Empfangslochs auf der Südbahn weder die Sperrhotline noch sonst wen anrufen kann. „Die Kart'n hat sicher niemand abgeben, wissen'S eh, was da für Leute rumlaufn“, gibt sich der Zugbegleiter optimistisch. Eine Frau im Abteil erinnerte sich, ja, da sei eine Karte im „Automaten ganz links, gell?“ gesteckt. Rausgezogen und abgegeben? Nein, das habe sie nicht getan. Danke.

Dem Empfangsloch entkommen, stellt der Zugbegleiter Kontakt zum Südbahnhof-Security-Dienst her. „Name?“ Marits. „Na, Moritz hamma net. Aber eine Karte von einem Thomas Wagner hätt'ma. Des is net Ihre, oder?“ Eher nein. Tags darauf will man telefonisch erfragen, ob die Bankomatkarte doch abgegeben wurde. Bei der ÖBB-Hotline wird man zum Diensthabenden für Fernreisen verbunden, der sich nicht wirklich zuständig fühlt. Nein, zum Südbahnhof könne er leider nicht durchstellen. „Da ist heute niemand.“ Was ist mit den Mitarbeitern bei den Ticketschaltern? „Ja, die sind schon da.“ Aber? „Die kann man telefonisch nicht erreichen.“ Gar nicht? „Gar nicht.“ Wie praktisch. Gibt es kein Fundbüro? „Oja“, sagt er. „Montag bis Freitag halt.“ Heute ist Samstag. „Genau.“ Dann ist dort heute niemand? „Genau.“ Und die Security-Mitarbeiter? Puh, sagt er. Ja, da hat er jetzt keine Nummer. „Am besten selber am Bahnhof vorbeischauen.“ Ich bin aber nicht in Wien. „Ja, dann halt, wenn Sie wieder da sind. Die Karte ist sowieso weg.“ Vielen Dank. Die Karte war, nur zur Info, da. Und der Südbahnhof wird eh abgerissen.


mirjam.marits@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.02.2009)

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