"Guys and Dolls": Erst Ohrfeigen, dann Ohrwürmer

(c) APA (Helmut Fohringer)
  • Drucken

Vorschau auf die Volksopern-Premiere diesen Sonntag – mit Robert Meyer als Spielerkönig. Eine Geschichte über den Komponisten „Furios Frank“ Loesser – sowie Musical in den USA und in Europa.

Er tyrannisierte den Männerchor, schrie und fluchte. Dann ohrfeigte er die zweite Hauptdarstellerin, wozu er eigens einen Schemel besteigen musste. Als die Attacke vorbei war, überwältigten ihn Gewissensbisse. Er flehte um Vergebung, die auf sich warten ließ...“

Neo-Marcel-Prawy Christoph Wagner-Trenkwitz hat diese herrlich-schreckliche Episode über den „Guys and Dolls“-Autor Frank Loesser (1910–1969) zutage gefördert. „Also das würde ich mir nicht gefallen lassen“, sagt Sigrid Hauser, bekannt als Kabarettistin, Comedy-Darstellerin und -Autorin. Ab Sonntag spielt sie die Hauptrolle der Miss Adelaide in „Guys and Dolls“ in der Volksoper: „Bei uns geht es in den Proben meist friedlich zu. Allerdings: Der Robert Meyer und ich spielen ein Paar. Da streiten wir richtig. Aber dann gehen wir wieder von der Bühne herunter und sind Darstellerin und Direktor. Das finde ich ganz witzig.“

Miss Adelaide ist eine Nachtklub-Sängerin, als Rolle ein Selbstläufer. Hauser lacht: „Na ja, hoffentlich. Sie ist eine Stripperin, die den ganz biederen Wunsch hat zu heiraten. Sie ist schon 14 Jahre mit demselben Mann zusammen, ganz konträr zum Image ihres Berufes. Ihrer Mutter hat sie geschrieben, dass sie verheiratet ist und fünf Kinder hat. Da steht sie jetzt unter starkem Druck, dass die Eheschließung endlich klappt.“

Hauser, die mit ihrer Soloshow „Sex and the Sigrid“ am 23./24.4. wieder im Kabarett Simpl zu erleben ist, wollte Opernsängerin werden, dann Schauspielerin. „Weil die Leute immer gelacht haben, wenn ich was gemacht habe, bin ich bei der komischen Schiene gelandet.“ Dass sie im Privatleben „eher schüchtern“ ist, mag man kaum glauben. Das Klavierspielen musste sich die Tochter eines Gestalters von Golfplätzen selbst beibringen; nach den Erfahrungen mit den zwei älteren Brüdern glaubten die Eltern nicht mehr, dass es gut sei, Kindern das Klavierspielen einzutrichtern. Also, keine Pianostunden für Klein Sigrid.

Hauser hat in Musicals wie „Hello Dolly“ oder „Jesus Christ Superstar“ gespielt, Sendungen für den ORF gemacht. Ihr Vorbild ist Caterina Valente, mit der sie auch befreundet ist: „Sie ist extra nach Österreich gereist, um zu einem meiner Soloprogramme zu kommen. Am Ende ist sie als Erste aufgestanden und hat geklatscht. Ich dachte, oh Gott, jetzt breche ich gleich in Tränen aus!“ In ihrer Freizeit reist Hauser am liebsten herum: „Leider habe ich aber in letzter Zeit Flugangst entwickelt. Wenn es rüttelt, kriege ich Panikattacken.“ Ihre Karriere hat Hauser ohne Angst in Gang gebracht: „Ich hatte von Anfang an Glück. Ich habe sehr viele Angebote bekommen.“ Österreich sei „ein guter Platz für Entertainment, Musical. Viele kommen aus Deutschland her, es gibt eine ganz eigene Fankultur. Bei neuer Popmusik, Chansons ist wieder Berlin besser.“

Wien, Wien nur du allein... Es fehlt nicht viel, der Amerikaner Joseph R. Olefirowicz würde dieses Lied anstimmen. Ein Grund: Der Dirigent von „Guys and Dolls“ liebt das subventionierte Theater. Er war viel für private Musical-Produzenten (die deutsche „Stella“) tätig: „Ich bin ein altmodischer Mensch. Die älteren Musicals sind gerade auf dem Weg zu einer Wiederentdeckung. Im subventionierten Theater hat man mehr Freiheit, Sachen auszuprobieren. Im kommerziellen Theater muss man heutzutage auf Nummer sicher gehen. Vor 50 Jahren war das am Broadway noch anders...“

Ein Flop am Broadway kostet viel

„Die Kosten für Musicals am Broadway sind sehr hoch, das meiste wird heutzutage in die Optik der Shows investiert“, beklagt Olefirowicz, „dafür wird bei den Orchestern eingespart. Da kann man dann froh sein, wenn man 14 Musiker hat – und nicht gleich nur Playback. Auch in Deutschland gibt es jetzt ein Musical, da spielt eine Live-Band von fünf, der Rest sind Tracks. Die Kunst ist im subventionierten Musiktheater besser aufgehoben. Darum habe ich mich auch entschieden, in Europa zu arbeiten. Ich liebe den üppigen Klang. Hier sitzen 20 echte Streicher im Graben – und das hört man!“

„Guys and Dolls“, die Story liest sich wie eine Versammlung von (New Yorker) Klischees: Ein illegal tätiger Spielerkönig (Volksoperndirektor Robert Meyer), eine Barsängerin, Kerle, die Benny Banana und Rusty Charlie heißen, ein Wettkünstler, eine Dame von der Heilsarmee: „Ja“, stimmt Olefirowicz zu, „es sind Archetypen des angelsächsischen Unterhaltungstheaters. Aber man kann sich mit diesen Figuren identifizieren und die Melodien sind grandios. Dieses Stück wird jedes Jahr von vielen Bühnen an Schulen oder Universitäten in den USA gemacht. Es ist die amerikanische Fledermaus. Am selben Tag wie in der Volksoper hat auch am Broadway „Guys and Dolls“ Premiere. Aber das Überleben für Musicals ist dort nicht einfach. „Wenn eine Aufführung nicht funktioniert, das Publikum nicht kommt, schließt die Show oder gleich das ganze Theater.“ In Wien kann das nicht passieren. An der Volksoper plant Olefirowicz, auch Konzertorganist und Sänger-Coach, schon die nächste Musical-Premiere.

GANGSTER & GIRLS

Oldtimer Heinz Marecek inszeniert Oldtimer „Guys and Dolls“. Uraufführung: 1950 in New York (1200 Aufführungen), 1953: Londoner West End (555 Aufführungen). 1955: Verfilmung mit Frank Sinatra, Marlon Brando. Deutschsprachige Erstaufführung: Bremen, 1969. Vorstellungen in der Volksoper u.a. am 3., 5., 6., 9., 14.3. ? 51444/3670.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.02.2009)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.