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Neues U2-Album: Und Bono schmachtet dazu

(c) AP (Kai-Uwe Knoth)
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Das neue Album „No Line On The Horizon“: Man hört in jedem Song, in jedem Arrangement die unendliche Mühe, sich selbst neu zu erfinden.

Wenn Beständigkeit die erste Tugend ist, dann ist diese irische Band die tugendhafteste von allen: U2 spielen seit 1978 in der gleichen Besetzung. 31 Jahre: Das ist mehr als dreimal so viel, wie den Beatles beschieden war. Doch in ihren Jahren haben die Beatles, knapp gezählt, elf Alben produziert. U2 veröffentlichen nun ihr zwölftes.

Diese Band verschwendet sich nicht, man denkt an die Maxime, die Thomas Mann seinem Gustav von Aschenbach gestellt hat: „Durchhalten“. Aschenbach strebt an, heißt es, „auf allen Stufen des Menschlichen charakteristisch fruchtbar zu sein“. Gilt das auch für die längst zu Männern gereiften vier Buben von U2? Oder sind sie nur noch après? Arbeiten nur mehr ihre – pathetische, gloriose – Vergangenheit auf?

Das neue Album „No Line On The Horizon“ spricht für die zweite Antwort: Man hört in jedem Song, in jedem Arrangement die unendliche Mühe, sich selbst neu zu erfinden. Drei Produzenten waren beschäftigt, Brian Eno, Daniel Lanois, Steve Lillywhite, alles Meisterköche, man meint sie gegeneinander kochen zu hören, Nouvelle Cuisine plus neue Rustikalität plus Grande Cuisine, gedünstet, eingebrannt, püriert, alles in einem Topf. In „Breathe“ etwa stolpert ein biederes Rockriff (ganz untypisch für Gitarrist The Edge) über einen halbherzigen Dub-Rhythmus, ein Klavier klimpert, ein Cello raunt, und Bono schmachtet dazu.

Was schmachtet er? Wovon er seit 31 Jahren schmachtet: nach dem Herzen, aus dem man singen soll; nach der Liebe, die man nicht besiegen kann; nach der Gnade, die er gefunden hat, diesmal in einem Sound. Anderswo träumt er von schneeweißen Herzen, von Vergebung, von göttlicher Liebe; er sucht den Rhythmus seiner Seele, den Augenblick der Hingabe; er ruft in die Finsternis.

Einst, als Bono seine Firmung erst ein paar Jahre hinter sich hatte, war solche halb religiöse, halb überspannte Lyrik erträglich. Weil sie wenigstens frisch, unschuldig klang. Und vor allem, weil dieses Pathos völlig ungebrochen war. Glorios unreflektiert. Das war es bis 1988 (zehn Jahre nach Gründung!). Dann gingen U2 mit „Rattle And Hum“ auf die Suche nach amerikanischen Wurzeln, die sie sich hörbar erst wachsen lassen mussten; dann entdeckten sie Berlin („Achtung Baby“), Koketterie („Zooropa“), ironische Brechung („Pop“), die Unschuld war perdu, das Paradies geschlossen. Auch wenn U2 ab 2000 nur mehr zurück wollten. – „I was born to sing for you, I didn't have a choice but to lift you up“, singt Bono Vox auf „Magnificent“. Das ist eine Anmaßung, aber das ist nicht das Problem. Anmaßend war er auch 1987, aber man hörte, dass er sich tatsächlich als Missionar der Herzen fühlte. Heute ist es entweder peinlich, wenn er sich mit fast 50Jahren noch immer so fühlt. Oder es ist Theater, das Timbre spricht dafür. Immerhin, die Gitarre feuert, der U2-typische Sturm-und-Drang-Rhythmus rattert noch.

Wenn der Pfarrer anzüglich sein will

Wirklich armselig ist der Rückblick auf die ironische Pop-Phase in „Get on Your Boots“: Wenn Bono zu einem gezwungenen Glitterrock-Zitat von „sexy boots“ faselt, klingt das wie ein Pfarrer, der sich einen anzüglichen Scherz abquält. „Let me in the sound“, ruft er dann, der Ruf kehrt in der konfusen Collage „FEZ“ wieder, eine seltsame Fürbitte für sich selbst. Wo er doch die Gnade in einem Sound gefunden haben will?

Erst im letzten Song, dem ruhig zitternden „Ceders of Lebanon“, hört man einen Bono Vox, der auf platte Bilder, verbrauchte Beschwörungen verzichtet, der einfach Eindrücke, Gedanken schildert. „Bono hat die Seele eines antiken Dichters“, schrieb Bob Dylan: „Er sagt Dinge, denen sich niemand entziehen kann.“ Vielleicht hat Dylan da etwas vorausgesehen, vielleicht zahlt sich das Durchhalten aus, vielleicht kommt noch ein würdiges Alterswerk. Auf „No Line On The Horizon“ findet sich nur eine Ahnung davon.

U2: ZWÖLF STUDIOALBEN

Boy (1980), October ('80), War ('83), The Unforgettable Fire ('84), The Joshua Tree ('87), Rattle and Hum ('88).

Achtung Baby (1991), Zooropa ('93), Pop ('97), All That You Can't Leave Behind (2000), How to Dismantle an Atomic Bomb (2004), No Line on the Horizon (2009).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.02.2009)

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