Liberec: Weltmeister der Ausreden

(c) APA (Barbara Gindl)
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Japan gewann erstmals seit Thunder Bay 1995 Staffel-Gold vor Deutschland und Norwegen. Österreich wurde nur Fünfter – die schlechteste Platzierung seit zehn Jahren.

WIEN/LIBEREC. Die Zeiten, in denen Felix Gottwald als Aushängeschild und Zugpferd der Nordischen Kombination für Siege sorgte, sind vorbei. Der Salzburger hatte 2007 seine Karriere beendet, nach vierzehn Medaillen bei Großereignissen. Unter der Leitung von Günther Chromecek und Andreas Felder war das Team bei den Winterspielen von Turin 2006 sogar zu Staffel-Gold gelaufen. Seit damals aber blieben Mario Stecher, Christoph Bieler, Wilhelm Denifl und Bernhard Gruber Medaillen und Co. stets verwehrt.

Die WM in Sapporo 2007 endete (mit Gottwald) als Flop, auch in Liberec droht das Team leer auszugehen. Nach Massenstart, Einzel und der Staffel (Platz fünf) steht die Truppe von Cheftrainer Alexander Diess ohne Edelmetall da. Somit wartet am Samstag die letzte Chance, sich zu beweisen. Misslingt es erneut, rollen Köpfe.

In der Loipe zu schwach

Die Gründe dieser Erfolglosigkeit sind leicht erklärt. Die Sprungleistungen entsprechen nicht den Anforderungen einer WM, das rächt sich im neuen Wertungssystem (nur ein Sprung, zehn km Langlauf) daher doppelt. In der Loipe laufen die Österreicher nur hinterher. Sensationell gewann Japan Gold vor Deutschland und Norwegen.

Über diese Talfahrt enttäuscht, aber nicht verwundert ist Günther Chromecek. Der „Goldschmied“ von einst werkt nun als Springertrainer für den Schweizer Nachwuchs und beobachtet das Treiben in Liberec genau. Und er kennt seine „Pappenheimer“: „Die sollen kämpfen und nicht nur Ausreden suchen!“, findet Chromecek, 46, klare Worte. „Sie sollen beweisen, dass sie springen können. Dass sie nicht so viel in der Loipe draufhaben, hat eh jeder gewusst!“

Die Arbeit von Alexander Diess, der im April 2006 zum Cheftrainer (der Norweger Helge Bartnes hat kurzfristig abgesagt, Anm.) ernannt wurde, will Chromecek nicht kritisieren, „das steht mir nicht zu, das ist sein Bier“. Nur das ewige „Gejammer von Unglück, Pech, Verletzungspausen, Materialproblem etc.“, das könne er nicht mehr hören. Weltcupsiege in einer Zwischensaison oder kurz vor einer WM würden über vieles hinwegtäuschen, da zumeist nicht die komplette Spitze vertreten sei. Man könne daher trotz fehlender Kontinuität den Eindruck gewinnen, so Chromecek, dass alles „eine g'mahte Wies'n ist“ und das vermeintlich harte Training Wirkung zeigt. Beim Event wenig später folge für die Athleten („Alle brave Buam“) aber das böse Erwachen. Der Fehler liegt somit im vorgelebten System.

Auf Gottwalds Ende gehofft

Nach Turin 2006 sei keineswegs die Luft draußen gewesen, sagt Chromecek, auch nach dem Karriereende von Gottwald nicht. „Im Gegenteil! Die hatten sich ja alle eigentlich gewünscht, dass der Gottwald endlich aufhört, damit sie im Rampenlicht stehen. Aber sie haben es nicht zusammengebracht. Ihnen hat im Langlauf bislang der Biss gefehlt!“

Über Ideen, Änderungsvorschläge oder Konzepte hält sich Chromecek bewusst bedeckt, mit dieser Sache müsse sich ÖSV-Direktor Anton Innauer beschäftigen. Als Cheftrainer habe man beim Skiverband sofort Erklärungsbedarf, wenn Erfolge – trotz guter Aussichten – ausbleiben. Günther Chromecek weiß, wovon er spricht. 1999 rettete ihm nur Mario Stechers Silbermedaille den Job. Die Staffel wurde damals Siebenter, zehn Jahre danach Fünfter – der Tiefpunkt. Eine zweite WM ohne Medaille für den ÖSV droht. Diess ist schwer angezählt.

Demong – Pechvogel des Tages

Bei einer WM wehe eben ein eisiger Wind. Da zeige sich, wer es verstehe, seine erarbeitete Form auszuspielen – wie Todd Lodwick. Vom Amerikaner hält Chromecek übrigens große Stücke, der habe trotz seiner „Babypause“ nämlich täglich eisern trainiert. Das Vorurteil, Lodwick hätte nach einem Jahr Bier und Schweinsbraten quasi als Spaziergänger zwei Mal Gold gewonnen, sei falsch.

Den dritten Sieg verhinderte am Donnerstag nur ein unfassbarer Fauxpas. Sein Teamkollege Bill Demong wurde disqualifiziert, weil er seine Startnummer „verloren“ hatte. Sie war in seinen Sprunganzug gefallen und das Bein hinuntergerutscht. Erst in der Umkleidekabine bemerkte Demong sein Unheil und wollte am liebsten aus seiner (zweiten) Haut fahren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.02.2009)


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