Psychologie: Ekel, Ahn der Moral

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Was uns gallige Speisen meiden lässt,
lässt uns auch auf unfaires soziales Verhalten spucken.

Wenn uns das Verhalten eines anderen nicht gefällt, dann sagen wir, es „schmecke“ uns nicht, und wenn es uns gar nicht gefällt, finden wir es „zum Kotzen“. Diese Verbindung – zwischen oral und Moral – gibt es in vielen Sprachen, sie hat den Verdacht geweckt, sie sei mehr als metaphorisch, und hinter unseren hohen – vernunftgeleiteten – moralischen Urteilen stünde eine schlichte körperliche Reaktion, die des Ekels.


Den haben nur wir, und auch wir müssen ihn erst erwerben: Zwar spucken auch Tiere Nahrung aus, wenn sie bitter oder sauer schmeckt und damit anzeigt, dass sie giftig ist; aber eine Verbindung zur Umgebung und/oder Geschichte ziehen sie nicht, sie lassen sich von einer toten Fliege im Wasser beim Trinken nicht stören, sie würden auch aus einem Nachtgeschirr schlürfen; bei kleinen Kindern ist das auch so, aber mit dem Reifen stellen sich die Bezüge her, man muss die Fliege in der Suppe nur sehen, schon stellt sich Brechreiz ein, und das Gesicht nimmt den typischen Ausdruck an, gerümpfte Nase, hochgeschobene Oberlippe.


Das ist kulturell überbaut – in vielen Gesellschaften gehören Insekten auf den Tisch, in anderen drehen sich die Mägen beim bloßen Gedanken an Schweinefleisch um –, aber es ist generell. Und es stuft sich auf, das Gesicht stellt sich auch bei anderen Gelegenheiten ein, etwa wenn wir etwas nur sehen, was wir als unappetitlich – potenziell gesundheitsgefährdend – empfinden, Fäkalien etwa an einem Ort, wo sie nach unserem Geschmack nicht hingehören.


Auch dann werden die Muskeln von Oberlippe und Nase aktiv, und zwar im gleichen Muster wie dann, wenn uns etwas wirklich nicht schmeckt, Psychologen um Hannah Chapman (Toronot) haben es gezeigt: Man bat Testpersonen ins Labor und gab ihnen zuerst etwas Gallenbitteres zu trinken (und zur Kontrolle etwas Süßes), dann zeigte man ihnen Fotos, etwa von Fäkalien, auch von Spinnen (und zur Kontrolle neutrale Fotos oder solche mit traurigem Inhalt), das Ganze wurde mit Video dokumentiert und dann exakt vermessen: Der Gesichtsausdruck ist identisch (und unterscheidet sich stark von dem bei den Kontrollreizen).


Das war er auch in der dritten Runde, diesmal ging es um Moral bzw. den Hunger nach Fairness und Gerechtigkeit. Dazu wurde das „Ultimatum-Spiel“ gespielt, bei dem zwei Spieler Geld teilen: A erhält vom Experimentator 10 Dollar und kann davon B abgeben, so viel er will, B kann akzeptieren oder nicht. Zu unfaire Angebote – etwa das von einem Dollar – werden abgelehnt (dass sie gemacht wurden, dafür sorgten die Experimentatoren: A machte das Angebot nicht aus freien Stücken, sondern nach Maßgabe eines Zufallsgenerators). Dabei stellte sich wieder das Ekelgesicht ein: „Amoral ruft den gleichen Ekel hervor wie übler Geschmack“ (Science, 323, S. 1222).
Hüter des Körpers, auch des sozialen
Das hatte früher schon Jonathan Haidt, Psychologe an der University of Virginia, bemerkt, an einem anderen Kriterium: Er vermaß nicht den Gesichtsausdruck, sondern den Herzschlag, der verlangsamt sich beim Ekel (bei Ärger beschleunigt er sich); er zeigte auch andere Bilder, keine von Fäkalien, sondern solche von soziale Szenen, etwa von einer Versammlung von US-Neonazis. Der Ekel der Betrachter war messbar.


Aber verlassen möchte man sich auf ihn nicht müssen: Der Ekel stellte sich auch bei Bildern etwa von Verwahrlosten und Obdachlosen ein. Das klingt böse vertraut, nicht nur Individuen ziehen die Grenze zwischen innen und außen mit dem Ekel, auch soziale Verbände tun es und definieren Missliebige etwa als „Kakerlaken“ oder „Untermenschen“ aus der Menschheit hinaus: „So wie der materielle Ekel der Hüter des Körpers ist, ist der moralische Ekel der Hüter des sozialen Körpers“, schließt Haidt: „Dort zeigt der Ekel seine hässlichste Seite“, seine ekelhafteste (Nature, 447, S. 768).

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