Während Lehrer ihren Status quo verteidigen, suchen deren Arbeitgeber nach Antworten. Vergeblich.
Als im Herbst des vergangenen Jahres die Weltwirtschaftskrise erstmals am weiten Horizont zu sehen war, stand ein Mann am Ufer, der seine unruhig werdenden Schäfchen mit ein paar sanften Worten zu beruhigen verstand: „Fürchtet euch nicht, das geht uns überhaupt nichts an!“ Fritz Neugebauer weiß eben sehr genau, was die knapp 400.000 Staatsbediensteten von ihm hören wollen.
Der oberste Beamtengewerkschafter des Landes hat auch nicht gelogen. Noch im Herbst trotzten die von Neugebauer angeführten Beamten ihrem der Wirtschaftskrise schon tief in die Augen blickenden Arbeitgeber eine Lohnerhöhung von 3,55 Prozent ab. Nicht schlecht für eine Gruppe, die eine Arbeitsplatzgarantie in der Tasche hat. Die Staatsdiener dürften heuer die kräftigste Reallohnerhöhung ihrer gesamten Berufslaufbahn einfahren. Und das in einem Jahr der globalen Wirtschaftskrise.
Unter derartig schwierigen Umständen so einen Lohnabschluss zustande zu bringen, verdient vor allem einmal eines: Respekt. Herr Neugebauer versteht seinen Job.
Etwas differenzierter wird dessen Durchschlagskraft naturgemäß von jenen beurteilt, die auf der anderen Seite stehen – auf jener der Zahler. Wer dieser Tage beispielsweise in Kurzarbeit geschickt wird, wird es kaum verstehen, wenn die Gewerkschaft längere Arbeitszeiten für Lehrer kategorisch ausschließt.
Die nicht unterrichtende Bevölkerung des Landes, die ihren Arbeitsplatz jederzeit verlieren kann, steht mehrheitlich jedenfalls auf der Seite von Bildungsministerin Claudia Schmied (SPÖ), die von den Lehrern einen „Solidarbeitrag“ einfordert: Zwei Stunden pro Woche mehr in der Klasse zu stehen halten zwei von drei Österreichern laut einer Blitzumfrage für zumutbar (siehe Bericht, Seite 2).
Weniger Arbeit, mehr Lohn
Das hat sehr viel mit dem schlechten Image der Lehrer zu tun. Sie gelten als urlaubsaffin, stundenzählend und frühpensionsfreudig. Allerdings lassen auch internationale Studien reichlich Spielraum für Mehrarbeit vermuten: Österreichs Lehrer (AHS-Unterstufe, Hauptschulen) stehen laut OECD pro Jahr um 473 Stunden weniger in der Klasse als ihre Kollegen in den USA. Damit unterrichten Lehrer in den USA um 77 Prozent länger als deren Kollegen in Österreich; in Deutschland und den Niederlanden wird um knapp ein Fünftel länger in der Klasse gestanden als hierzulande.
Heimische Pädagogen verdienen allerdings um sechs Prozent mehr als deutsche und um zehn Prozent mehr als niederländische. Überhaupt werden Lehrer weltweit nur in Luxemburg, Korea, der Schweiz und Japan besser bezahlt als in Österreich.
Verheerendes Anreizsystem
Es ist auch zu begrüßen, wenn der Nachwuchs des Landes von bestens ausgebildeten und gut bezahlten Pädagogen unterrichtet wird. Die Arbeit an den heimischen Schulen ist schließlich alles andere als einfach. Das wissen nicht zuletzt die tausenden Eltern, deren Kinder noch zur Schule gehen. Allerdings sind nicht nur die Pädagogen in Österreich einem deutlich steigenden Druck ausgesetzt – sondern die Lehrer in aller Welt.
Hohe Löhne sind auch nicht das zentrale Problem des heimischen Bildungswesens – sondern die fehlenden Anreize. Das staatliche Schulsystem unterscheidet nicht zwischen engagierten Lehrern und jenen, die längst die Früchte der Unkündbarkeit genießen. Wer lang genug durchhält und kurz vor der Pension steht, verdient beachtlich, wer gerade erst begonnen hat, deutlich weniger. Wer politisch „richtig“ vernetzt ist, wird Direktor, wer ideologisch nicht „verlässlich“ ist, hat keinerlei Aufstiegschancen.
Wer mehr arbeitet, bekommt im besten Fall gleich viel Geld wie sein Dienst-nach-Vorschrift-Kollege. Wer Kinder zu besseren Leistungen führt, wird nicht besser bezahlt als der Kollege, der jede Schularbeit wiederholen muss, weil der Großteil der Klasse einen „Fleck“ nach Hause bringt. Leistungsorientierte Löhne werden Geld kosten – das dürfte aber in jedem Fall eine bessere Investition in die Zukunft des Landes sein als der Bau einer weiteren Brücke zur Ankurbelung der Konjunktur.
Viele Fragen, keine Antworten
Die Lehrerschaft ist ihren Arbeitgebern (= Steuerzahlern) aber auch jede Menge Antworten schuldig. Etwa auf die Frage, ob die Ganztagesschule nicht die beste Lösung wäre (aus Sicht der Schüler, nicht der Lehrer). Oder auf jene, warum Vorbereitungen und Korrekturarbeiten nicht in der Schule erledigt werden können. Immerhin verbringen die finnischen Kollegen den ganzen Arbeitstag in der Schule. Mit dem Vorteil, dass schwache Schüler anwesende Lehrer um Hilfe bitten können. Das ist allemal besser, als Schüler nach Hause vor den Fernseher zu schicken.
Auf derartige Fragen gibt es keine Antworten. Der Grund dafür heißt im Vornamen Fritz und im Nachnamen Neugebauer. Er sichert den Lehrern nicht nur hohe Lohnabschlüsse – sondern auch das Image der „Eisenbahner im Klassenzimmer“.
franz.schellhorn@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.02.2009)