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Linz 09: „Das wäre mir unerträglich“

(c) Linz09 (Gabu Heindl)
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Künstlerin Hito Steyerl erforschte für „Linz09“ die NS-Geschichte der Brückenkopfgebäude.

Zehn Tage lang entstand an der Fassade des östlichen der beiden 1939 bis 1941 errichteten Brückenkopfgebäude am Linzer Hauptplatz ein bedrückendes Labyrinth: Den Fluchtlinien folgend, die ehemals auf diesem Gelände lebende, von den Nazis vertriebene jüdische Familien durch die ganze Welt zogen, bis nach Los Angeles, ließ Architektin Gabu Heindl den Putz herunterschlagen. In Schaufenstern darunter laufen dazu Videointerviews mit Experten, Historikern, Steinmetzen über die Entstehung des Baus. Soweit die am Freitag „eröffneten“ sichtbaren Ergebnisse des Linz09-Projekts „Unter uns – Dekonstruktion eines Gebäudes“, erdacht von documenta-XII-Teilnehmerin Hito Steyerl (*1966, München). Acht Monate beschäftigte sie sich mit der Linzer NS-Geschichte – „das reicht für dieses Leben“.

 

Die Presse: Was hat Sie dabei überrascht?

Hito Steyerl: Mehreres. Vom Wiener Historiker Bertrand Perz etwa habe ich gerade erst ein E-Mail bekommen, in dem er berichtet, dass noch nach dem Krieg Installationen aus den SS-Baracken im KZ Mauthausen in die Brückenkopfgebäude eingebaut wurden. Oder die Geschichte einer jüdischen Familie, die hier gewohnt hat und vertrieben wurde. Einer hat in Mauritius in einem britischen Internierungslager überlebt. Seine Flucht begann in Wien auf dem Schiff Schönbrunn – und genau dieses Schiff liegt jetzt, nur 100 Meter vom Brückenkopfgebäude, in Linz vor Anker. Sehr erstaunt hat mich auch die heutige Situation in Gusen, einem brutalen Außenlager von Mauthausen. Die Lagerstraße ist eine Wohnstraße, das Foltergefängnis eine Privatvilla, das Lagerbordell ein Doppelreihenhaus und auf den Häftlingsbaracken steht „Fabrik Danner“ drauf.

Die Recherche hat außer Ihnen vor allem der Historiker Sebastian Markt betrieben. War es schwierig?

Steyerl: Ja, es gibt in Linz fast keine archivarischen Bestände zu diesen Gebäuden, sie wurden ferngesteuert aus Berlin und München errichtet. Was mich fasziniert hat, sind die Beziehungen in die ganze Welt, die von hier aus zu verfolgen sind.

Haben Sie mit Zeitzeugen reden können?

Steyerl: Ja, aber ich werde dieses Material in dieser Version nicht verwenden – ich fürchte, dass ein Ziegelstein durch die Scheibe fliegt. Das wäre mir unerträglich.

Sie haben sich als Künstlerin mehrfach mit der NS-Zeit beschäftigt. Bemerken Sie bei den Reaktionen Unterschiede zwischen Deutschland und Österreich?

Steyerl: Interessant ist, dass sich zwar die Linzer Historiker stark mit der NS-Zeit beschäftigt haben – aber man das Gefühl hat, die Öffentlichkeit hat davon nicht viel mitbekommen. Eine breite Auseinandersetzung hat jedenfalls nicht stattgefunden.

Haben Sie diese fehlende Auseinandersetzung hier auch konkret bemerkt?

Steyerl: Die Anzahl der offen antisemitischen Kommentare war beträchtlich, etwa die geäußerte Mutmaßung von Passanten, dass unser Projekt „sowieso von den Juden“ organisiert sei. Aber vor allem die Jüngeren zeigen überraschend viel Interesse. Es ist eine sehr gespaltene Gesellschaft, deutlich eine Altersfrage.

 

Bis Frühjahr 2010 wird der Fassadenabschlag zu sehen sein. Dann wird das Brückenkopfgebäude wieder neu verputzt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.02.2009)