Einfallsloses Historien-Panorama, optisch gewohnt opulent. Wieso bieten die neuen Musical-Komponisten nicht so schöne Melodien wie die alten?
Der Blick ins Programmheft lässt hoffen. Viele jugendliche Gesichter strahlen einem da entgegen. „Rudolf – Affaire Mayerling“, seit Donnerstag im Raimundtheater, hätte Schluss machen können mit Plüsch und Backenbärten; das Fin de Siècle endlich einmal aufrollen als Zeit eines großen geistigen Aufbruchs, der ein großes Reich zerriss; Akteure, die in modernen Kostümen auftreten, heutigen Popstars ähnlich sehen. Aber nein, das von Musical-Intendantin Kathrin Zechner engagierte angelsächsische Team für die „Uraufführung“ – die ungarische „Rudolf“-Version wurde 2006 in Budapest gezeigt – machte es sich bequem in Klischees. Die Produktion wirkt wie ein altdeutscher Schrank, bunt angemalt.
Die Texte sind meist schrecklich: „Wie lange kannst du noch zusehen? Wie lange muss ich dich noch anflehen? Wir sind geworden, was wir sind.“ Die Liedtitel klingen nach Musikantenstadl: „Die Liebe lenkt“, „Du bist meine Welt“, „Wie jeder andre Mann“. Sehr selten sind nette Weisen zu erlauschen, das meiste ist ein Klangbrei. Dieser zumindest wird gekonnt dargeboten (Dirigent: Caspar Richter). In Erinnerung bleibt Rauschen wie von einem Wasserfall.
Wieso bieten die neuen Musical-Komponisten nicht so schöne Melodien wie die alten? So wurde im Publikum geseufzt, vor allem im Hinblick auf „Guys and Dolls“, ab Sonntag in der Volksoper. Schwer zu sagen, es gibt sie auf jeden Fall, die Nachfolger von Stephen Sondheim & Co. Im Pop. Viele der dortigen Sternchen werden von ihren Erfindern, Machern mit mehr Power in Wort und Ton ausgestattet, als das hier der Fall ist. Wie überhaupt diese ganze Popszene, die in ihrer Masse im TV oft nervt, von „Highschool Musical“ bis zum deutschen Rap, wesentlich flotter, zeitgemäßer ist als diese Kreation.
Dabei hat „Rudolf“-Komponist Frank Wildhorn eine eindrucksvolle Biografie aufzuweisen. U.a. ist er der erste Komponist seit George Gershwin, der drei Shows gleichzeitig am Broadway laufen hatte. Eine davon war „Jekyll&Hyde“ – gar nicht schlecht –, das auch im Theater an der Wien zu sehen war. Dieses war damals noch kein erfolgreiches Opernhaus. Heute lässt die Oper das Wiener Musicaltheater selbst für die Touristen einigermaßen alt ausschauen. Das beginnt schon bei den Plakaten beider Institutionen. Also ganz furchtbar, die neue Musical-Kreation der Vereinigten Bühnen? Nein. Hier sind schließlich Profis am Werk. Und ist ihnen auch nichts Besonderes eingefallen, so haben sie doch die beträchtlichen Ressourcen ordentlich verwaltet.
Wunderbar ist das Liebespaar: Drew Sarich, ein Kronprinz von heute. Er war ein braver Bub, er ist ein guter Kerl. Er mag durchaus nicht alle Welt brüskieren, aber sein Vater (gar nicht gütig: Claus Dam) springt einfach zu brutal mit ihm um. Die Frauen lieben Rudolf, er liebt nur seine Mary, die nicht nur hübsch, sondern auch eine Geistesverwandte ist: Lisa Antoni und Sarich haben berührende, innige Szenen, ob sie nun mit einem putzigen Schneemann auf Inline-Skatern über die Bühne fahren oder einander im Schlafzimmer herzen.
Kleinmütige Programmierung
Diese zwei werden dem jungen Publikum gefallen, die Entourage weniger. Die vielen kleinen Szenen, vor allem vor der Pause, sind teils wirr und sagen wenig aus über den damaligen Zustand der Donaumonarchie. Man wollte offenbar die politische Lage nicht auslassen, geht ja auch nicht; es ist aber auch nicht gelungen, sie einprägsam darzustellen. Nach der Pause hat dann noch einmal jeder seine „Nummer“, das ist zwar konventionell, aber wirkungsvoller.
Das Attraktivste am minimalistischen Bühnenbild (Mike Britton) ist die erleuchtete Skyline von Wien. Ansonsten gibt es bewegliche Passepartouts für kleinere Szenen, ein Bordell. Nach dem Schuss erscheint über dem Bett ein riesiger, schief hängender Bilderrahmen. Laura Hopkins (Kostüme) kleidete die Akteure streng im Stil der damaligen Zeit, bloß keine Experimente. Nur Rudolf erscheint am Schluss in Schwarz mit Ledermantel. Nachdem er sich der Uniformen entledigt hat, sieht er tatsächlich aus wie ein Journalist oder Künstler, als sei ihm endlich die richtige Haut gewachsen.
Carin Filip?i? ist eine warmherzige Gräfin Larisch, Wietske van Tongeren eine lautstark wütende Kronprinzessin Stephanie, die auch in einer TV-Soap auftreten könnte. Uwe Kröger ist als Graf Taaffe mehr ein Revuestar als ein Politiker. Kröger, der als „Tod“ in „Elisabeth“ Furore machte, hat seine Aura, aber er wirkt starr und angestrengt.
Der Applaus klang wie üblich enthusiastisch. Der Kurs von Musical-Chefin Zechner wirkt dennoch zunehmend fragwürdig. Zwar lockte sie mit der effektvollen „Rebecca“ über 500.000 Besucher und verkaufte diese sogar an den Broadway. Die altbacken aufgemachten „Producers“ aber mussten vorzeitig abgesetzt werden, zum Glück nahm Berlin sie. „Rebecca“ hatte über 90 Prozent Auslastung. Zuletzt legte man sich die Latte mit 70 Prozent gleich um 20 Prozent niedriger. Das gibt zu denken. Nun kommt auch noch „Tanz der Vampire“: Eine Show, die schon einmal im Raimundtheater war, den Witz von Roman Polanskis Film weitgehend entbehrt und mit üppigen Spesen der damaligen Crew das Kontrollamt verdross.
Wenn die Vereinigten Bühnen schon so teuer sind, wäre es angebracht, dass sie hin und wieder künstlerisch Originelles wagen. Gewiss würde es auch den Touristen gefallen, wenn sich die Intendantin mehr traute.
DICHTUNG UND WAHRHEIT, STÄDTISCHES MUSICAL UND POLITIK
■Muss sich ein Musical um Realitäten scheren? Nur am Rande. Über die Tragödie gibt es viele Bücher. Das Bekannteste: „Kronprinz Rudolf“ von Brigitte Hamann (Piper). Neu: „Ich bin andere Wege gegangen“ von Katrin Unterreiner (Styria, 2008). Aus der Zeit, nur mehr antiquarisch: „Mayerling ohne Mythos“ von Fritz Judtmann (Kremayr & Scheriau), „Die Familien Baltazzi-Vetsera im kaiserlichen Wien“ von Heinrich Baltazzi-Scharschmid und Hermann Swistun (Böhlau); Letzteres bei Amazon um happige 178 Euro.
■Die Wiener Oppositionsparteien kritisieren immer wieder heftig das städtische Musical, ebenso tut dies das Kontrollamt. „Die schwache Auslastung von ,The Producers‘ war schon vor der Premiere ablesbar. Trotzdem gab es keinen Plan B. Wie ist das bei ,Rudolf‘?“, fragt Marie Ringler, Kultursprecherin der Wiener Grünen. Der Vertrag der Musical-Intendantin Kathrin Zechner läuft bis 2010. Nach ihren kritischen Anmerkungen in der „Presse“ zum ORF fragen sich manche, ob sie ins Mediengeschäft zurückkehren will.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.02.2009)