Die Rache der Misshandelten

Streit über Arbeitszeitregelungen ist meiner Familie nicht fremd.

Einmal vor einigen Semestern, als bereits die Dämmerung der Ära von Bildungsministerin Elisabeth Gehrer eingesetzt hatte, nahmen meine Kinder dieses zeitlose Thema auf. Journalismus sei ein blöder Beruf, meinten die Zwillinge, ständig gehe der Papa ins Theater. „Er vernachlässigt uns“, meinten sie unisono und für ihr Alter recht geziert. Damals besuchten sie noch den Kindergarten.

Ihr großer Bruder, der schon erste Schulerfahrungen hatte, protestierte. „Papa hat den besten Beruf der Welt! Er kann gratis ins Kino gehen – und darf auch noch darüber schreiben.“ Die Zwillinge glauben seither, dass ich im Burgtheater mit Popcorn, Keksen und Cola versorgt werde.

Ich finde diese Wahrnehmung sehr selektiv. Sie trifft insbesondere Schaustellerberufe, Hutschenschleuderer. Wer weiß denn schon, um welchen Preis das bisschen Glamour, das man als Kritiker beobachten darf, erkauft wird? Wer weiß zum Beispiel, wie hart sich selbst die begabtesten Tragöden erarbeiten müssen, für ein paar Szenen im Rampenlicht zu stehen? Die Mühsal soll eben nicht allzu deutlich sichtbar sein. Oberflächlich betrachtet dürfen diese Privilegierten ständig ins Kino gehen, auch und vor allem in die Filme mit Jugendverbot.

Ähnlich subjektiv urteilt das Gros der Erwachsenen, wenn es um die Beurteilung von Lehrern geht. Jeder war dieser Spezies in den wunderbaren Jahren ausgeliefert und sieht sich also imstande, über Erziehung mitzureden. Dieses Besserwissen klingt oft wie die Rache misshandelter Schüler. Deshalb ist auch der Ton schrill, wenn es um die zwei Unterrichtsstunden Mehrarbeit geht, die Österreichs Pädagogen nach dem Willen der Bildungsministerin leisten müssen. Als ob es eine Strafaufgabe wäre.

Auch der Lehrberuf ist zuweilen ein blöder. Ständig muss man demonstrieren, dass man Kinder mag. Dabei sind die nicht selten, um im Jargon der Lehrer-Kritiker zu bleiben, verhaltensauffällige Monster, die von überforderten Eltern nicht erzogen, sondern zur Maßregelung in die Schule abgeschoben werden – in der es wiederum wenig Möglichkeiten zur Disziplinierung gibt.

20 Stunden gut vorbereitete Show pro Woche auf der Kleinbühne Schule sind ein Kraftakt. Gratispopcorn ist nicht drin, nicht einmal ein Gratisbleistift. Ich behaupte, dass sich so mancher Jungmanager den Bonus leichter verdient als ein anständiger Klassenvorstand 2000 Euro Gehalt.

Deshalb mein bescheidener Vorschlag in kargen Zeiten: Man sollte die Stundenanzahl kürzen (allein schon aus Mitleid mit den Schülern, die oft mehr als 40 Stunden pro Woche arbeiten). Dafür sollte man die drei Monate unterrichtsfreie Zeit pro Jahr auf eineinhalb reduzieren. Wer braucht schon große Ferien? Die sind so nutzlos wie Frühpensionen.


norbert.mayer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.02.2009)

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