„Guys and Dolls“ ist keine Trouvaille. Das Liebespaar gefiel. Sonst ist die Aufführung eher langatmig.
Wiens Musical-Stars plagt nervöser Schnupfen. Kronprinz Rudolf und seine Mary niesen im Raimundtheater. In der Volksoper hat es die Nachtclub-Tänzerin Adelaide erwischt. Hatschi! Am Sonntag ist die zweite große Musical-Premiere dieser Woche über die Bühne gegangen: „Guys and Dolls“ von Frank Loesser. Beide Kreationen kranken an Ähnlichem: deutschen Texten, die bei der Übertragung aus dem Englischen beschädigt, banalisiert wurden – und einem antiquierten Erscheinungsbild; außerdem sind beide Aufführungen zu lang.
Doch es gibt auch Positiva, die „Rudolf“ und „Guys and Dolls“ verbinden: beide haben ein sympathisches Liebespaar anzubieten. In der Volksoper sind das Axel Herrig und Johanna Arrouas. Sie ist das fromme Heilsarmee-Mädchen Sarah, das Bacardi für einen Aromastoff hält und bei der ersten Begegnung mit diesem alle Hemmungen verliert. Ihr Verehrer Sky ist ein Spieler. Herrig sieht von fern Clark Gable ähnlich. Seine „Puppe“ verführt er mit Raffinement, Schmäh, schließlich sogar Herz. Hübsch.
Der Amerikaner Joseph F. Olefirowicz sorgt im Orchestergraben für warmen Sound, zündende Entladungen, zu den Sängern ist er nicht immer nett. Sam Madwar baute die Bühne, mit Prospekten aus old New York (Reklamen rauchender Kaffeetassen). Nachhaltig prägen sich seine Projektionen aus dem alten Kuba ein, gewaltige Architekturen rotieren auf der Drehbühne. Gleich möchte man sich ins Flugzeug werfen und hinfliegen – wie Sarah und Sky.
Ungut verzeichnet: Hauser als Adelaide
Frank Loesser (1910–1969) hat Musik und Texte zu „Guys and Dolls“ verfasst, die Musik ist eingängiger als bei „Rudolf“ aber ebenso arm an Hits, ausgenommen das Liebeslied von Sarah und Sky („Ich war bis heut noch nie verliebt“). Meiner musikalisch interessierten Julia (14) hat übrigens „Guys and Dolls“ besser gefallen als „Rudolf“.
Heinz Marecek hat inszeniert. Er und Choreograf Ramesh Nair (bekannt von der Telering-Werbung, „Frag den Inder!“) organisieren das Riesen-Ensemble (Spieler, Chor, Tänzer) ordentlich, aber uninspiriert: Vielleicht liegt es daran, dass wie oft bei angelsächsischen Musicals die ursprüngliche Optik bewahrt werden musste. Bei einem Werk, das 1950 uraufgeführt wurde und in die Zwanziger-, Dreißigerjahre zurückblendet, führt das notwendig zu Musealität.
Sigrid Hauser und Robert Meyer geben das zweite „Liebespaar“, Adelaide und den Veranstalter illegaler Würfelspiele, Nathan Detroit. Hauser, die in natura jugendlich frisch und auf der Bühne oft schräg und amüsant wirkt, ist unvorteilhaft kostümiert wie eine Matrone. Sie muss trippeln und zwitschern. Unwürdig. Klar, zu Zeiten Loessers durfte man solche Frauen, heiratswütig, liebessehnsüchtig, der Lächerlichkeit preisgeben, heute wirkt dergleichen irritierend, wie überhaupt das ganze Getue um den Mann als Beute. Das gibt es heute auch. Aber es läuft völlig anders ab als damals, wie, das kann man des Öfteren im TV sehen. Den Nathan hätte Marecek besser selbst gespielt, seine Stimme kommt kurz und mit perfidem Witz aus dem Off, wenn er den Würfel-König, der verzweifelt nach einer Halle für seine Spieler sucht, auflaufen lässt.
Robert Meyer, als Volksoperndirektor gern Zugpferd in „seinem“ Haus, wirkt mit seiner orgelnden Burgschauspieler-Stimme die meiste Zeit extrem unecht. Wenn man sich an Frank Sinatra (1915–1998) und seine Boys mit ihren in den Nacken geschobenen Hüten in verrauchten Hinterzimmern beim Pokern erinnert, stehen einem bei diesem ebenso bemühten wie angestrengten Nachstellen verflossener Zeiten immer wieder fürchterlich die Haare zu Berge.
Wieso schafft es das Theater nicht, wenigstens annähernd an den Film heranzukommen? Der hat dieses Milieu und diese Zeit, die Amerikaner vielleicht mit ähnlichem Sentiment betrachten wie Österreicher die Monarchie, so oft und wunderbar umrundet. Und wenn das Theater das nicht schafft, warum versucht es nicht einmal etwas ganz anderes statt alte Klamotten notdürftig abzustauben und zu polieren. Es darf ruhig nostalgisch sein. Bei „My Fair Lady“ hat es funktioniert. Der Applaus klang angetan. Man liebt trotz allem das Musical, weil dort wie in der Operette Romantik zelebriert wird, die der heutigen Kunst oft fehlt.
VOLKSOPER – WAS NOCH
■Diese Woche gibt es dreimal „Guys and Dolls“ (3., 5., 6.3.), außerdem Klassisches wie „Zauberflöte“ (Mittwoch, Sonntag) und „Figaros Hochzeit“ (Samstag). Was Modernes: Tanz-Hommage an die berühmte Popgruppe Queen (10.3.) ? 51444/3670
("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.03.2009)