Die Vienna Capitals verspielten in den Play-offs gegen Graz eine 3:1-Führung. Bereits am Dienstag könnte die Saison vorzeitig enden, Präsident Hans Schmid zittert.
WIEN. Bei den Vienna Capitals liegen die Nerven blank. Sie haben zwei Spiele in Folge gegen Liga-nachzügler Graz verloren und einen 3:1-Vorsprung in den Eishockey-Play-offs (Best of seven) verspielt. Der Tiefpunkt ist am Sonntag erreicht, als der ehemalige Wien-Legionär Toni Iob den Siegtreffer der 99ers zum 2:1 in Unterzahl erzielt. Nach der Schlusssirene entlädt sich der Frust, es fliegen die Fäuste. Den Grazern ist es recht, sie teilen auch in der Schlägerei ordentlich aus und das Publikum applaudiert – ihre Saison ist mit dem Einzug in die Top acht der Liga ohnehin gerettet. Wien hingegen droht heute (19.15 Uhr, Schultz-Halle) im „Endspiel“ eine Blamage. Eine weitere Abfuhr und der Urlaub beginnt früher als gedacht.
„Wir sind einfach keine Play-off-Mannschaft“, schimpft Capitals-Präsident Hans Schmid, „warum, das ist mir einfach ein Rätsel!“ Seit dem Gewinn der Meisterschaft in der Saison 2004/2005 endeten alle Anläufe, das zu wiederholen, jäh. Salzburg ist im Halbfinale stets eine Nummer zu groß, in den vergangenen drei Spielzeiten gelingt den Wienern in insgesamt zwölf Spielen (1:4, 0:3, 04) nur ein Sieg. Nun stehen die Capitals bereits im Viertelfinale gegen Graz am Abgrund. Die „Schuldigen“ dafür hat der in seiner Loge leidende Schmid längst gefunden: die Torhüter.
Während aufseiten der Grazer mit Sebastian Charpentier ebenfalls ein ehemaliger Wien-Spieler in Höchstform agiert und mit Paraden glänzt, leistet sich sein Capitals-Nachfolger Jean-Francois Labbe durchwegs Patzer. Schmid: „Das ist grotesk. Bei uns hat Charpentier unfassbar schlecht gespielt, in Graz blüht er jetzt auf. Und Labbe, was soll ich sagen? Wir bekommen zu viele Eiertore!“
Im Spitzensport sind Nerven gefragt, vor allem in wichtigen Duellen sollten Leistungsträger nicht versagen. In den Reihen der Capitals aber gelingt nichts, es fehlt der letzte Biss. Entweder landet die Scheibe einfach daneben, das will Schmid bemerkt haben, oder sie wird Charpentier regelrecht serviert. Eine Besserung sei nicht in Sicht, „der Eishockey-Gott hat keine Freude mit uns...“
Gilligans Genugtuung
Wenn die Graz 99ers heute aufs Eis laufen, wird das ihren Trainer mit besonderem Stolz erfüllen. Vor knapp dreißig Jahren trumpfte Bill Gilligan in Wien auf, seine Spielweise (67 Tore, 64 Assists) war ebenso legendär wie sein anschließender Siegeszug mit dem KAC (viermal Meister, Anm.). Eigentlich wollte Gilligan bei seiner Rückkehr nach Österreich in Wien arbeiten, im Sommer 2008 führte er auch Gespräche, sie verliefen aber im Sand. Nun kann der 54-jährige Coach mit Graz – erstmals seit 2004 wieder in den Play-offs – die Sensation schaffen. „Warum nicht? Es ist ein tolles Team und wir haben Ideen.“ Und im Gegensatz zu Wien haben in Graz die meisten Spieler noch keinen neuen Vertrag erhalten. Sie müssen bis zur letzten Sekunde um ihr Leiberl kämpfen.
Linz – VSV 2:0 (2:0, 0:0, 0:0). Endstand 4:2.
Innsbruck – KAC 1:3 (0:0, 0:2, 1:1). Endstand 2:4.
Graz – Capitals 2:1 (1:0, 0:0, 1:1) Stand: 3:3.
Heute (19.15 Uhr): Capitals - Graz.
Halbfinale: KAC – Linz, Salzburg – Graz/Wien.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.03.2009)