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Der Hofmaler im Leichenhaus

Die toten Soldaten von Königgrätz
Adolph Menzel Leichenkammer zu Königinhof. Aquarell über Bleistift 1866. Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen Berlin. Volker H. Schneider.(c) Adolph Menzel Leichenkammer zu Königinhof. Aquarell über Bleistift 1866. Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen Berlin. Volker H. Schneider.
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Die Alte Nationalgalerie Berlin zeigt die erschütternden Soldatenbilder des Malers Adolph Menzel. Niemals zuvor wurde die Würdelosigkeit des Sterbens im Krieg eindringlicher illustriert.

Die Leichenkammer ist eine Scheune, drei tote Soldaten wurden hier hineingeworfen, sie tragen keine Uniform mehr, sondern weiße Lazaretthemden, sie sind blutbefleckt und man sieht Spuren von vergeblicher medizinischer Behandlung auf den ausgemergelten, fast gänzlich entblößten Körpern. Man meint, den Verwesungsgeruch zu spüren, so nahe ist der Maler an die Personen herangegangen. Durch die Nähe ergibt sich eine besondere Perspektive: Bei den beiden linken Männern sind durch die Schrägsicht von den Füßen her die Gesichter dem Betrachter entzogen, der rechte Leichnam ragt nur mit Kopf und Brust in das Bild hinein.

Wie ein Fotograf hat der Maler die Perspektive frontal von oben gewählt, die Nähe zu den Leichen muss ihm allergrößte Beherrschung abverlangt haben. Mit der Aquarellierung der Bleistiftzeichnung erreicht der Künstler noch zusätzliche Effekte: Die Haut ist fahl gelblich, lässt an die beginnende Verwesung denken, das Stroh weist ein breites Spektrum von Schattierungen auf, bis hin zu dunkelbraun und braunschwarz, was an ausfließende Körperflüssigkeit denken lässt. Am unteren Rand die Signatur, sie vermengt sich mit der Strohstruktur, der Kunsthistoriker Michael Fried würde sagen, sie„inkorporiert“ die Person des Künstlers in die Darstellung.

Die Signatur gibt auch das genaue Datum und den Ort an: „Leichen-Kammer zu Königinhof – Drei gefallene Soldaten in einer Scheune. 21.7.1866.“ Am 16. Juli hatte sich der Berliner Maler Adolph Menzel, der sich durch seine realistische Darsteller des bürgerlichen und höfischen Lebens bereits als der „Maler Preußens“ etabliert hatte, auf den Weg zu den böhmischen Schlachtfeldern von Königgrätz gemacht. Zwei Wochen zuvor, am 3 Juli, war hier die Entscheidungsschlacht zwischen der preußischen und österreichischen Armee geschlagen worden. Sie endete desaströs für die Österreicher, der Kampf um die Vorherrschaft in Deutschland war damit zugunsten Preußens entschieden. Vier Tage vor der Entscheidungsschlacht hatte sich beim Gefecht von Königinhof bereits die Niederlage der Österreicher abgezeichnet.

Pflicht, "Dieses und Jenes zu wissen“

Nach zeitgenössischen Quellen müssen die überfüllten Lazarette von Königinhof einen schrecklichen Anblick geboten haben. Was hat den Maler bewogen, hierher zu reisen, „vierzehn Tage die Nase in Graus Jammer und Stank zu stecken“, wie er selbst schreibt? Kleinwüchsig wie er war, war Menzel von jedem Kriegsdienst ausgeschlossen, er sah es als seine patriotische Pflicht an, sich wenigstens ein Bild machen zu können, „Dieses und Jenes zu wissen“. Vermutlich hatte er sich das alles nicht so schrecklich vorgestellt, er geriet nämlich in die Nähe eines extrem blutigen Nachgefechts, bei dem ein österreichisches Kürassierregiment, das den Rückzug seiner geschlagenen Armee zu decken suchte, niedergemetzelt wurde und sah voller Entsetzen, wie noch die „toten Pferde, Tornister, Käppis, Helme etc.“ herumlagen. Als er in die Feldlazarette kam, traf er auf die Verwundeten und Sterbenden.

Diesen Grad von Authentizität hatte Menzel bisher nicht gekannt, obwohl er bereits zuvor in seinem graphischen Werk Krieg und Tod als Thema verwendet hatte. Doch er hatte in den Blättern, die sich dem „Großen Friedrich“ widmeten, kämpfende und sterbende Soldaten gemalt, ohne je welche aus der Nähe gesehen zu haben. Daran erinnerte er sich jetzt mit Scham über seine „naive Vermessenheit.“ So kam es zur Entscheidung vom Juli 1866: „Und so bin ich denn das Schlachtfeld von Königgrätz durchfahren - - -.“ Selten noch haben drei Gedankenstriche so viel Aussagekraft gehabt. Sein Enthusiasmus für die preußischen Ideale von Zucht und Ordnung geriet angesichts der mörderischen Konsequenzen, die sie hier hatten, gehörig ins Wanken. In seiner zweiten Lebenshälfte wird der Krieg und die Welt der Soldaten nicht mehr zu seinen Themen gehören.

Noch ein Lebensweg wurde durch die Schilderung der Leichenberge von Königinhof beeinflusst: Bertha von Suttner las bei den Recherchen für ihren Roman „Die Waffen nieder“ zwei Jahrzehnte danach die Berichte der Kriegskorrespondenten und Militärärzte zu den Schlachten von Solferino und Königgrätz. Ihre Sätze klingen wie eine literarische Widerspiegelung von Menzels Bild: Die Verwundeten „sehen fahl und zerstört aus, grün und gelb, mit stierem, stumpfsinnigem Blick; oder aber unter wütenden Schmerzen sich krümmend … Hungrige Hunde aus den Dörfern kommen herbeigerannt und lecken das Blut der Wunden.“

Die Ausstellung in der Alten Nationalgalerie Berlin läuft vom 14. Oktober 2014 bis zum 18. Jänner 2015. Die Aquarelle und Zeichnungen von Adolph Menzel stammen aus dem Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin und zeigen drei Werksequenzen aus den Soldatenbildern des Malers: Königgrätz 1866, die Überführung der ersten französischen Kriegsgefangenen nach Berlin 1870, die Soldatenmumien nach der Öffnung der Offiziersgruft in der Garnisonskirche 1873.