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Foo Fighters: Auf Dave Grohls Schallautobahnen

(c) EPA (HERBERT P. OCZERET)
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Die Foo Fighters sind in acht Geburtsstädte der amerikanischen Musik gereist. Daraus wurden eine großartige Fernsehserie und ein bemerkenswertes Jubiläumsalbum.

Wir machen das jetzt seit genau 20 Jahren“, sagt Dave Grohl zu Beginn von „Sonic Highways“, einer neuen dokumentarischen Fernsehserie von HBO. Einst war er Nirvanas Schlagzeuger, nach dem Suizid von Sänger Kurt Cobain gründete er 1994 die Foo Fighters. Viel Zeit dafür, den Fans die Ursprünge seiner Musik näherzubringen, hatte er weder hie noch dort: „Wenn die Leute mehr über die Orte erfahren, an denen Musik entsteht, werden sie sich ihr stärker verbunden fühlen.“

Und so sind die Foo Fighters losgefahren, um in acht Städten in den USA die Wurzeln der amerikanischen Musik aufzuspüren: vom Blues in Chicago über den Punk in Washington bis zum Country in Nashville. An jedem dieser Orte haben sie zumindest einen Song für ihr gleichnamiges Jubiläumsalbum eingespielt, das am 10. November erscheint; die Serie dazu ist in Österreich ab Freitag in „Spiegel Geschichte“ bei Sky zu sehen.

Wo Blues und Punk einander finden

Einen „Liebesbrief an die Geschichte der amerikanischen Musik“ nennt Grohl seine Fahrt auf den Schallautobahnen; wer als Passagier einsteigt, staunt rasch über die verblüffenden Querverbindungen zwischen augenscheinlich so konträren Musikstilen wie Blues und Punk. Auch die Bandmitglieder lernen dabei einiges, schon bei der ersten Station. „Ich liebe Chicago“, sagt Schlagzeuger Taylor Hawkins. „Aber mir ist der Blues egal. Wenn ich an Chicago denke, fällt mir Cheap Trick ein.“ Deren Gitarrist, der ebenso virtuose wie wahnwitzige Rick Nielsen, hatte als junger Mann mit Bo Diddley und Chuck Berry gespielt. Nielsen ist auch auf dem neuen Foo-Fighters-Album zu hören (wenn auch nicht mit seiner legendären fünfhalsigen Gitarre), auf dem dunkelschönen „Something from Nothing“.

Etwas aus nichts zu machen, das ist das Ethos, das Blues und Punk eint. Grohl ist ein großer Verehrer von Buddy Guy, der 1957 als bitterarmer junger Mann („Ich war ein Bub aus New Orleans, der Baumwolle pflückte“) nach Chicago kam und dort zum musikalischen Ziehsohn von Muddy Waters wurde. „Wenn man Blues hört, ist es kaum vorstellbar, dass er käuflich ist, weil er so echt klingt“, schwärmt Grohl.

Chicago ist für diesen behüteten Sohn einer Familie aus der Obermittelschicht im Speckgürtel um Washington D. C. ein besonderer Ort: Hier hörte Grohl erstmals Punkmusik. Mit 13 Jahren nahm ihn seine Cousine Tracey – sie hatte mit Freunden die Chicagoer Kinderpunkband „Verboten“ gegründet – zu einer Show in die Bar Cubby Bear mit, im Schatten der Footballarena der Chicago Bears. So lernte Grohl auch den Punkpionier Steve Albini kennen, der später Nirvanas drittes und letztes Album „In Utero“ produzierte (und auch Alben der Pixies, der Breeders und von Gogol Bordello).

Obskure Bands, berühmte Fans

„Sonic Highways“ ist ein Leckerbissen für Musikkenner, den Laien nimmt der fachkundige und unprätentiöse Grohl mit enzyklopädischem Wissen und ansteckender Begeisterung an der Hand. Wer – außer dem harten Kern echter Liebhaber – erinnert sich zum Beispiel daran, dass in der popkulturell eher öden Hauptstadt Washington einst eine Hardcore-Punkszene geblüht hat? Die Bad Brains, eine der wenigen schwarzen Punkbands, mag man noch kennen, Fugazi auch. Aber die Teen Idles? Oder Minor Threat?

„Diese Bands waren nicht die berühmtesten der Welt, aber sie haben einige der berühmtesten der Welt beeinflusst: die Red Hot Chili Peppers, Rage Against The Machine, die Beasty Boys, Green Day“, erklärt Grohl. „Ich betrachte mich als Musiker aus Washington D. C. auf Lebenszeit.“

Sein erster Gig fand 1985 hier statt: als Schlagzeuger von Scream bei einem Benefizkonzert von Amnesty International gegen das südafrikanische Apartheidregime. Und auch in Washington fand sich musikalisch zusammen, was man für unvereinbar halten mag. Die mehrheitlich weißen Punks und die schwarzen Funkmusiker der Go-Go-Bewegung schlossen sich in den 1980er-Jahren zu Funkpunk-Partys zusammen: Ein erstaunliches Phänomen, ist Washington doch sonst bis heute noch eine der amerikanischen Städte, in der die Ethnien am stärksten voneinander getrennt sind.

„Letztlich stammen wir alle von dem ab, was vor uns gekommen ist“, singt Grohl in „Something from Nothing“. Oder, mit den Worten von Muddy Waters: „Der Blues hatte ein Baby, und sie nannten es Rock 'n' Roll.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.10.2014)