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Wien modern: Das Schweben der neuen Musik

(c) APA (ARCHIV DER GESELLSCHAFT DER MUSI)
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Eröffnung mit zum Teil betörenden zeitgenössischen Werken von Bernhard Lang, Gérard Grisey und Georg Friedrich Haas, dem 2014 ein Schwerpunkt gilt.

Überall höre man nur „the sound of breaking and falling, crashing and destruction“: Selbst eine Schriftstellerin wie Virginia Woolf, rief Philipp Blom in Erinnerung, sehnte sich angesichts der Herausforderungen durch die historische künstlerische Moderne manchmal „nach der alten Würdigkeit und sogar der Faulheit meiner Vorfahren, die, statt wie Wahnsinnige durch die Luft zu wirbeln, ruhig im Schatten mit einem Buch träumten“.

In der Eröffnungsrede des Festivals Wien modern schlug der Historiker eine Brücke über 100 Jahre: von einem Wien, in dem Freud, Schönberg, Schnitzler oder Schiele in den Kampf gegen die Fassaden gezogen waren, bis in die Gegenwart, „ähnlich energiegeladen und ähnlich orientierungslos“. Habe damals der Fortschrittsglaube regiert, lebe Europa heute in zukunftsloser Zeit, darauf bedacht, dass bloß die Gegenwart nicht aufhöre, denn jede Veränderung sei Verschlechterung . . .

Die Vielfalt der aktuellen „Grammatiken“ in der zeitgenössischen Musik mag tatsächlich manches Ohr verwirren und sich mit jener natürlichen Faulheit spießen, die uns gern und gerade in der Auseinandersetzung mit Kunst befällt. Von Geräuschen des Zerbrechens, Fallens, Stürzens, der Zerstörung konnte beim Eröffnungskonzert allerdings keine Rede sein.

Deutlicher Bezug zum Film

Nicht, dass es keine zu bekämpfenden Fassaden (oder herunterzureißende Masken) gäbe. Aber die zum Auftakt präsentierten Werke strebten vielmehr nach dem Konstruktiven – auch wenn etwa Bernhard Lang in seiner „Monadologie XXIII ,. . . for Stanley K.‘“ (2013) auf nur allzu bekanntes historisches Material zurückgegriffen und dieses zu einem ironisch verbrämten Gelegenheitswerk neu verarbeitet hat, einer Hommage an die in Stanley Kubricks Film „2001: A Space Odyssey“ verwendete Musik.
Nacheinander bleiben Stücke von Richard Strauss, Johann Strauß und György Ligeti nach ein paar Takten in stampfend repetitiven, sich überlagernden Schleifen hängen: ein deutlicher Hinweis auf den starken Bezug zu Film und Fernsehen, der sich diesmal durch das Programm zieht. Die zum künstlerischen Material erklärten Eigenschaften des Klangs und dessen akustischen Phänomene hingegen standen bei den zwei umfangreicheren, stärkeren Werken des Abends im Mittelpunkt: Gérard Griseys altbekannt-betörende „Transitoires“ aus den „Espaces Acoustiques“ sowie das erst kürzlich uraufgeführte „concerto grosso Nr. 2“ von Georg Friedrich Haas, dessen Schaffen ein Schwerpunkt gilt.

Bei den amorph schillernden, von allerlei Schwebungseffekten kolorierten Klangschwaden stieß das Klangforum als Impulsgeber und Verstärkung, nicht aber als distinkt wahrnehmbare eigene Entität zum RSO Wien unter Cornelius Meister: Schwerelos ineinanderfließende Schönheiten.

Auf Ö1: 2. 11., 19.30 Uhr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.10.2014)