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Frau Kreisky trägt keinen Hut

„Seien Sie mir nicht böse“, sagte Leopold Gratz einst leise, „aber der einzige Journalist ohne Krawatte ist einer aus Ihrem Blatt!“ Und heute? Was heißt da „over-“, was „underdressed“? Über Bügelfaltokratie, Nadelstreifsozialismus und die Frage, ob die „Eleganz“ je zurückkehren wird.

Der Anruf klang wie eine verschlüsselte Botschaft, wie ein Code-Satz: „Frau Kreisky trägt keinen Hut!“, sagte eine weibliche Stimme, anonym, ohne Anrede. Und dann, eine Spur dringender und dezidierter noch einmal: „Frau Kreisky trägt keinen Hut!“ Aus. Das Telefon war wieder stumm.

Was war das? Eine geheimnisvolle Nachricht, eine Meldung, vielleicht an die falsche Adresse gerichtet? Das kurze Telefonat sollte sich dann relativ schnell aufklären. Es stammte aus dem Sekretariat des Bundeskanzlers, und es ging um den weiblichen Dresscode eines Damen-Tees, der tags darauf für die Gemahlin eines ausländischen Regierungschefs geplant war. Frau Kreisky trägt keinen Hut! Ein Hinweis für meine Frau, dass sich auch die anderen Eingeladenen danach richten sollten. Es war die Zeit, da bei den Damen zu bestimmten Anlässen Kopfbedeckungen en mode waren. Oder besser: de rigeur, um bei der Diktion zu bleiben.

Das war die Zeit, da der Begriff „Eleganz“ noch seine eigene Bedeutung hatte – mit allem, was dazugehört: Kleidung, Benehmen, Sprache. Der Begriff hat sich gewandelt. Man sollte, man könnte ihn auf seine heutige Bedeutung hin prüfen. Gibt es ihn heute überhaupt noch? Wird er heute noch gebraucht, ist das, was man noch im 20. Jahrhundert als elegant bezeichnet hat, im 21. aktuell geblieben? Jüngst kommentierte die „Süddeutsche Zeitung“ auf Seite eins eine Umfrage unter jungen Leuten, die zur Überraschung des Autors durchaus der Meinung waren, die Älteren und Alten dürften sich ruhig bunter kleiden, lebhafter, nicht so langweilig, so fad. Nur: Was heißt „bunt“? Und wie ist es dann mit dem Dresscode bestellt, was darf man wann und wo? Ist alles eine Frage und ein Problem des Alters?

„No brown after six“ sei heute nicht mehr gültig, heißt es. Es ging um das Schuhwerk der Herren, und es war seinerzeit (zu wessen Zeit eigentlich?) nicht üblich, am Abend braune Schuhe zu tragen. Nicht üblich? Fast verboten. Es war jene Zeit, da ein indessen in höchsten Ehren ergrauter Generaldirektor einen jungen Mitarbeiter, der zu ihm kam, rügte, weil er zwar durchaus ordentlich gekleidet war, aber Sakko und Hose trug und nicht einen kompletten Anzug. „Herr Kollege, kommen Sie vom Segeln?“, fragte der Chef. Sein Vis-à-vis war betreten. So wie ich es gewesen war, als ich mich in einer ähnlichen Situation befand.

Es war vor Jahren in Buenos Aires, und der dortige Handelsdelegierte hatte mich zu seinem Rotary-Meeting eingeladen. Unterwegs blieb er plötzlich stehen, maß mich von Kopf bis Fuß und sagte dann, dass wir umkehren müssten. Ich müsse mich umziehen. Es sei unüblich, beim Clubtreffen nicht im kompletten einfarbigen Anzug zu erscheinen. Ich zog mich um.


Ich erinnere mich an Wiens Corso

Frau Kreisky trägt keinen Hut? Nein, Dresscodes sind von gestern. In Mitteleuropa jedenfalls und im Besonderen in Österreich. In Wien zumal. Dass das Goldene Quartier im ersten Bezirk, das elegante Einkaufsviertel des René Benko, von Kunden nicht gerade überlaufen ist, soll da kein Gradmesser sein. Gibt es überhaupt noch Einkaufsstraßen, die „Eleganz“ als Bezeichnung verdienen? Vor Jahrzehnten war ein Gesellschaftsspiel populär, das „Spekulation“ hieß und ein Vorläufer des DKT war. Man konnte Häuser und Hotels in österreichischen Städten kaufen, und zwar vor allem auch in Straßen, die damals als „elegant“ galten.

In Wien war es vor allem die Kärntner Straße, deren Häuser am kostspieligsten waren. Eine Eleganz von anno dazumal? Der Kärntner Straße haben heute der Graben und der Kohlmarkt und sogar die umliegenden Gässchen den Rang abgelaufen. Nein, um Eleganz zu illustrieren, bildet die Verbindung zwischen Oper und Stephansplatz nicht gerade das beste Beispiel. Am wenigsten dann, wenn man die Kärntner Straße mit ähnlichen Verkehrs- und Flanierflächen Einkaufslustiger in anderen Hauptstädten vergleicht. In Paris etwa. Der Vergleich macht Sie unsicher! Es gibt Ausnahmen, gewiss. Aber sie sind rar. In der Rue de Rivoli sind selbst die Touristen, vorallem die Touristen, nicht so freizeitmäßig gekleidet wie im Stadtzentrum der österreichischen Bundeshauptstadt.

Aber was heißt „freizeitmäßig“? Was heißt überhaupt „Freizeit“? Im heurigen Sommer, der freilich seine Bezeichnung zu Unrecht getragen hat, prallten in der erwähnten Kärntner Straße die Kontraste aufeinander. Da waren mehr als in vorigen Jahren, so schien es jedenfalls, verschleierte Musliminnen zu sehen, Einkaufstaschen von Nobelmarken tragend, solcherart den Handel belebend. Wo haben sie eingekauft? Vielleicht doch im Goldenen Quartier? Und dann sind da jene Gäste, die den Anschein haben, als ob sie direkt vom Strand, andere wieder aus dem Hochgebirge in die Stadt kamen. Wiens City im Herbst gleicht bisweilen einer Mixtur von Rummelplatz, Jahrmarkt und Freibad. Der Dresscode in der Innenstadt erinnert anno 2014 an einen Maskenball.

Das war nicht immer so. Ich erinnere mich an die Zeit, da es samstags zwischen elf und zwölf Uhr mittags noch so etwas wie einen Corso gab und die Sirk-Ecke, im Hotel Bristol gelegen, einer der beliebtesten Rendezvousplätze der Stadt war. Sie war nach einem Lederwarengeschäft an der Ecke benannt; heute kann man dort Eis kaufen.

Heute trifft man auch nicht mehr jene Prominenten und Promis, die noch vor dem Zweiten Weltkrieg und vor allem vor dem Ersten vom Schwarzenbergplatz herauf bis in die Kärntner Straße promenierten. Wer dort wandelte, war berühmt oder zumindest bekannt. Der Ungar Ludwig Hevesi hat die Szenen 1895 beschrieben: „Ganze Prozessionen von zweibeinigen Bibern und Zobeln drücken sich aneinander vorbei. An der bekannten Straßenecke, wo alles wie auf Kommando kehrtmacht, stauen sich die Gruppen von Rittern des Chic, der Monokel-Adel, die Bügelfaltokratie.“

Es war einmal. Die Bügelfaltokratie gibt es nicht mehr, der Corso, den ich selbst noch in den Sechzigerjahren erlebt habe, existiert nur mehr dem Namen nach und – siehe da – bezeichnenderweise als Titel einer Billa-Filiale. Allerdings einer noblen. Sie liegt ja an einer Promenierstrecke. Aber wer hat eigentlich noch Zeit zu promenieren? Wer außer den Touristen? Es werden immer mehr, und vor allem die Passagiere von vor Anker gegangenen Donauschiffen pilgern, geführt von durch Fahnenstäbe erkenntliche Guides, durch die Innenstadt. Wer also außer diesen die Gehsteige blockierenden vielköpfigen Gruppen hat Zeit, das zu genießen, was man „Freizeit“ nennt?

Noch einmal: Was ist Freizeit? Freie Zeit, könnte man sagen. Auch Erholungszeit? Und gibt es eine Eleganz in der Freizeit? Noch eine Frage: Ist Kunstgenuss in der Freizeit Erholung? Gibt es also so etwas wie einen Erholungs-Dresscode? Sozio-philosophische Erkundigungen das alles. Wenn jemand sich nach des Tages Müh und Plage im Theater oder Konzert erholt – darf er dies dann in Freizeitkleidung tun, oder muss er sich dem „G'hört sich“ unterwerfen? Zwischenbemerkung: Was versteht man unter „G'hört sich“? Keine Angst, das soll hier nicht behandelt werden; dazu ist der Platz zu gering. Die komplette Gesellschaftsproblematik wäre bei diesem Thema zu diskutieren.

Allein, völlig lassen sich Eleganz, Freizeit und „G'hört sich“ nicht trennen. Gehört es sich, in Jeans in die Oper zu gehen? Gehört es sich, mit offenem Hemdkragen einem philharmonischen Konzert beizuwohnen? Da sind wir dann wieselflink bei der Frage, ob die Krawatte, früher absolutes „Muss“ ordentlicher Herrenbekleidung, heute noch gebräuchlich zu sein hat. Schaut rings umher: Wohin der Blick sich wendet, lacht's – der Hals ist von jeder Enge befreit. Es sei gestattet, Schillers Rede über Österreich, dem Ottokar von Horneck in den Mund gelegt, leicht zu mutieren. Oder zu persiflieren?

„Ein Requiem für die Krawatte“ – so habe ich einmal einen Kommentar überschrieben, der sich unter anderem mit der Änderung dieses Details der Herrenmode befasste. Sie scheint in der Tat zum Anachronismus geworden zu sein. Noch einmal: Schaut rings umher! Vom Beisel bis zum Abendrestaurant sind die Gradmesser der Eleganz nicht gendermäßig verteilt. Der Gradmesser ist ein anderer, ob es sich um einen Herrn oder eine Dame handelt. Ich fühle mich mit Krawatte fast schon overdressed.

Es war nicht immer so. Es gab eine Zeit, da bei sozialdemokratischen Spitzenpolitikern (sie mussten eigentlich gar nicht an der Spitze stehen) der Nadelstreifsozialismus en vogue war, so wie einst die Bügelfaltokratie. Bruno Kreisky war beispielgebend – natürlich nicht für alle. Er war auch unter den Journalisten berühmt für seine Maßanzüge und handgefertigten Schuhe – no brown after six!

Und einer seiner bekanntesten Freunde und Genossen hat ihm nachgeeifert, jedenfalls was die Achtung der Etikette betraf. Es war bei einem SPÖ-Parteitag im Konzerthaus, als mich Leopold Gratz, damals Nationalratspräsident, auf die Seite nahm. „Seien Sie mir nicht böse“, sagte er leise, „aber der einzige Journalist ohne Krawatte ist einer aus Ihrem Blatt!“ Ich war nicht böse.


Griffbereit: die „Redaktionskrawatte“

Gott sei Dank war ich entsprechend angezogen. Natürlich konnte ich nicht umhin, den Delinquenten von der Rüge in Kenntnis zu setzen. Einige Zeit lang lag dann in der innenpolitischen Redaktion eine „Redaktionskrawatte“ griffbereit, für alle Fälle.

Aber was heißt heute „over-“, was „underdressed“? Die Devise ist bei fast allen Gelegenheiten: Come as you like. Und dies lässt wirklich jede Freiheit zu. Dass solches auch der Eleganz den Garaus macht, steht auf einem anderen Blatt. Womit wir wieder beim Thema sind: Was ist Eleganz wirklich? Ist sie nicht, den Zeitläufen entsprechend, längst unaktuell geworden? Stimmt nicht. Bisweilen hat man den Eindruck, es gäbe (für manche, die immer mehr werden) einen Hoffnungsstrahl. Vorerst zwar stechen Herren hervor, die mit Hemd, Sakko und Krawatte auftreten und dunkle Anzüge tragen – Firmenberater etwa, die mit Aktentaschen bewehrt von einem Büro ins andere wandern. Oder Fußballtrainer, die offenbar Wert darauf legen, alsRespektspersonen zu gelten.

Aber immer mehr ist Eleganz anno 2014 (oder soll man „G'hört sich“ sagen?) auch anderswo gebräuchlich. Der grüne Jungabgeordnete, der mit Kapuzenpulli im Parlament zur Angelobung erschien, ist weidlich gerügt worden – sein Aufzug hat seiner Partei nicht gerade genützt. Auch Sebastian Kurz, der jüngste Außenminister der Welt (und in seiner Rolle weitaus besser, als man erwartet hat), nimmtjetzt gelegentlich, aber nur gelegentlich, einen Schlips. Nicht nur deswegen wird er langsam zum Traum aller Schwiegermütter.

Apropos Schwiegermütter: Am deutlichsten wird der Wunsch nach mehr Eleganz (oder was man heute darunter verstehen will) dort sichtbar, wo es darum geht, einen Bund zu schließen, den man noch immer einen „fürs Leben“ nennt, auch wenn es dann anders kommt. Immer häufiger ist auf Hochzeitseinladungen „Cut“ für Herren erwünscht. Und immer häufiger tragen Damen bei dieser Gelegenheit Kopfbedeckungen – sie müssen nicht so aussehen wie jene, die bei den britischen Royals gebräuchlich sind.

Kommt also Eleganz wieder? Dann wäre der beruhigende Hinweis „Frau Kreisky trägt keinen Hut“ überflüssig. Aber noch sind wir nicht so weit. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.10.2014)