Die Mauer ist auf – Gregor Gysi bleibt liegen

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30 Menschen aus Ost und West erzählen in «Goodbye, DDR», wie sie den 9. 11. 1989 erlebten, als die DDR-Grenzen geöffnet wurden und sich die Wiedervereinigung Deutschlands anzukündigen begann.

Was haben Sie an dem Tag gemacht, als US-Präsident John F. Kennedy erschossen wurde? Diese Frage kennt jeder ältere Amerikaner. In Deutschland kann man seit fast 25 Jahren fragen: Was haben Sie gemacht, als am 9. November 1989 in Berlin die Grenzen der DDR geöffnet wurden? In dem von der Ostberliner TV-Journalistin Elke Bitterhof herausgegebenen Buch „Goodbye, DDR“ erzählen 30 Menschen aus Ost und West davon. Dichter, Schauspieler, Politiker, Musiker, Journalisten schreiben, wie sie den Abend erlebten, als Massen von Ostdeutschen in den Westen strömten, weil SED-Politiker Günter Schabowski sich bei einer Pressekonferenz verplappert und verkündet hatte, eine großzügige Reiseregelung für Ostdeutsche sei ab sofort in Kraft.

Man weiß inzwischen, dass die derzeitige deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel am 9. 11. 1989 in der Sauna war. Das machte die Physikerin an der Akademie der Wissenschaften in Ostberlin jeden Donnerstag. Sie schloss sich danach, noch mit der Saunatasche, den Massen an, die über die Bornholmer Straße in den Westen strömten. Merkel hat zwar keinen Beitrag für dieses Buch geschrieben, wohl aber ihr politischer Widersacher Gregor Gysi, der im Dezember 1989 Vorsitzender der SED-Nachfolgepartei PDS wurde. Was also erlebte der heutige linke Oppositionsführer des Bundestages vor 25 Jahren? Er hat die Öffnung verschlafen. „Ich war damals alleinerziehend mit meinem Sohn und schlief, als meine Lebensgefährtin anrief: ,Gregor, die Mauer ist auf!‘ Ich reagierte verschlafen: ,Nachts um zwei Uhr ist eigentlich nicht die Zeit für solche Scherze.‘“ Er blieb im Bett, wusste angeblich aber schon, dass dies „der Anfang vom Ende der DDR“ war.


Erst noch Vorstellung. Ruhe war auch dem bekannten ostdeutschen Journalisten und Schriftsteller Alexander Osang wichtiger als ein nächtlicher Spaziergang in den Westen: „Als ich im Radio hörte, dass die Mauer fällt, bin ich schlafen gegangen. Es klingt heute seltsam, aber ich hatte mehrere Gründe. Ich war müde. Die revolutionäre Stimmung, die seit Wochen herrschte, schlauchte, außerdem zogen wir am nächsten Tag um.“ Dann erzählt er aber doch ganz stimmig und scharfsinnig vom Lebensgefühl damals.

Einige Zeitzeugen bedauern es, damals nicht in Berlin gewesen zu sein. Die Schauspielerin Anja Kling etwa war am 4. November geflohen, mit 19. Sie befand sich in einem Lager in Bayern. „Ich fand's total falsch, in Genf zu sein“, schreibt die Theologin Margot Käßmann. Henry Hübchen, Star der Volksbühne, der schon 1961 den Mauerbau versäumt hatte, weil er in Ferien auf Hiddensee war, musste erst in eine Vorstellung. Danach fuhr er zum Theater nach Köln. „Hamlet“. Countertenor Jochen Kowalski sang an der Komischen Oper. „Orpheus“. Dann ging er heim und wunderte sich über die vielen Leute Unter den Linden. Erst nach dem Anruf eines Freundes brach er auf. Viele der Autoren haben den 9. November tatsächlich gefeiert. Und sie erzählen in diesem kurzweiligen Buch, was sie sonst noch umgetrieben hat im einmaligen Jahr der Wende.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.11.2014)

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