Josefstädter Theater: Das Leben vor dem Mord

(c) Die Presse (Michaela Bruckberger)
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Fernsehstar Bernhard Schir spricht über Ingmar Bergmans Eheschocker „Aus dem Leben der Marionetten“ und seine Rollen als böser Mann.

Der Vorhang geht auf. Die erste Szene ist Mord und Vergewaltigung (von hinten). Was wird das Josefstädter Publikum dazu sagen? Bernhard Schir (46), der ab Donnerstag (5.) die Hauptrolle in Ingmar Bergmans „Aus dem Leben der Marionetten“ spielt, zündet sich eine Zigarette an: „Der Ausdruck, den Bergman für das Geschehen verwendet, ist ,Katastrophe‘. Es geht nicht darum, zu schockieren. Wir versuchen, theatralische Übersetzungen zu finden. Natürlich mutig, aber es soll nicht so sein, dass man sagt: Oh Gott, Kinder, das möchte ich jetzt aber nicht sehen im Theater. Für die Darstellung von Gewalt und Nacktheit muss das Theater eine andere Sprache finden als der Film. Wenn das nicht gut inszeniert und selbstsicher gespielt wird, kann es gefährlich schnell unangenehm werden. Aber Philip Tiedemann ist ein wunderbarer Regisseur ...“

Im ersten Direktionsjahr Herbert Föttingers 2007 hat Tiedemann an der Josefstadt „Das Fest“ von Thomas Vinterberg inszeniert. Es geht um Missbrauch in der Familie. Die Aufführung war ein großer Erfolg. Schir spielte das Opfer der väterlichen Schändungen. Er weiß also, wie das Publikum abseits von Premieren auf provokante Szenen reagiert: „Wir hatten vor dem ,Fest‘ große Ängste“, erzählt der gebürtige Wiener, der heute in Berlin lebt, „es gab aber weder einen Skandal noch Flucht des Publikums. Die Aufführungen waren voll bis zum Schluss.“ Schir hat schon in der Zeit, als Otto Schenk Direktor war, in der Josefstadt gespielt: „Dieses Publikum geht gerne ins Theater. Ich schätze seine Liebe und Treue zu dem Haus. Wenn die Aufführung gut ist, akzeptieren die Besucher jedes Wagnis.“

„Aus dem Leben der Marionetten“, Bergmans Film, stammt aus dem Jahr 1980. Es geht um einen Ehemann, der ausrastet und eine Prostituierte tötet – anstelle seiner Ehefrau, mit der er im Krieg liegt. „So einfach ist das nicht“, sagt Schir, „der Titel ist eine Metapher. Der Mensch lebt teilweise fremdgesteuert. Er ist nicht wirklich Herr seines Lebens. Dieser Peter Egerman hat viele Probleme. Seine Geschäfte brechen ihm weg. Die Ehe ist zu einem Machtkampf verkommen. Er hat sexuelle Probleme, Depressionen, Schlafstörungen. Schließlich sucht er Hilfe bei einem Psychiater, der ein Bekannter von ihm ist – und erzählt ihm von seinen Fantasien, dass er seine Frau umbringen will. Der Psychiater wimmelt ihn ab, weil er ausgerechnet an diesem Tag ein Schäferstündchen mit Peters Frau hat.“

Würden bei einem Psychiater nicht normalerweise bei Mordfantasien die Alarmglocken läuten? Schir: „Der Psychiater kennt die extrem leidenschaftliche Beziehung dieses Paares seit Jahren, auch die Kränkungen und Verletzungen, weil die beiden ihre Konflikte coram publico austragen. Er reagiert weniger als Analytiker, sondern einfach als Mensch, sagt Peter, er soll einen Cognac trinken und spazieren gehen. Bergman lässt vieles offen. Man weiß nicht, ob Peter von dem Verhältnis des Analytikers mit seiner Frau weiß. Jedenfalls belauscht der Betrogene das Liebesgeflüster...“

Wie spielt man einen Menschen, der in eine Art Wahnsinn kippt? „Mit größtmöglicher Einfachheit, konzentriert, natürlich, fast privat. Bloß keine Virtuosität. Die Dialoge sind leicht und unprätentiös, sie beschreiben einzigartig, genial und ganz direkt Abgründe. Ich habe mir schon vor zehn Jahren viele Filme von Bergman angeschaut und jetzt wieder. Er ist unvergleichlich. ,Das siebente Siegel‘ z. B. hat heute noch immer etwas fast Avantgardistisches.“

Fünf Filme im Jahr, oft Krimis

Nicht aus Frust über das Theater („obwohl mich das Husten anfangs gestört hat“) ist Schir von Wien weggegangen, „sondern weil ich drehen wollte.“ Drei bis fünf Filme sind es pro Jahr, oft Krimis. Meist spielt er den bösen Kerl. Schir lacht: „Schön, dass Sie das so wahrnehmen. Die Bösen sind oft die besten Rollen beim Film. Aber ich lasse mich ungern in eine Schublade stecken. Ich habe Glück. Ich spiele Liebhaber, Mörder und allein erziehende Väter, zuletzt auch eine Komödie.“ Theater und Fernsehen, das ist heute für Schauspieler kein Gegensatz mehr. Hauptsache, man habe eine solide Ausbildung, meint Schir. Er selbst schaffte es nach einem Jahr Kellertheater in Innsbruck mit 20 Jahren aufs Reinhardt-Seminar: „Es gab über 500 Bewerbungen und mehrere Prüfungsrunden. Nach einer Woche sagte Susi Nicoletti zu mir: Willkommen im Seminar. Das war ein großer Moment!“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.03.2009)

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