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Osteuropa: Das gefährliche Hetzen zum Euro

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Polen und Ungarn wollen den Euro schneller als erlaubt – Experten raten ab.

WIEN/MÜNCHEN. Minus 30 Prozent, minus 22 Prozent, noch einmal minus 22 Prozent: Nein, das sind keine Lockangebote aus dem Winterschlussverkauf, sondern die Abwertung von polnischem Zloty, tschechischer Krone und ungarischem Forint gegenüber dem Euro in sechs Monaten.

Logisch, dass die Regierungen und Notenbanken dieser EU-Staaten in heller Aufregung sind. Schließlich wurde der rasante Aufstieg dieser „neuen“ EU-Mitglieder großteils in Euro finanziert. So laufen laut der Ratingagentur Fitch 70 Prozent aller ungarischen Kredite in Fremdwährungen. Ihre Löhne und Gehälter bekommen Ungarn, Polen und Tschechen aber in Forint, Zloty und Kronen. Folglich müssen sie mit immer weniger wert werdendem Geld immer teurer werdende Kredite begleichen. Der im Vergleich zum Westen ohnehin bescheidene Wohlstand schrumpft somit dramatisch.

 

Im Visier der Spekulanten

Zudem geraten die abwärts trudelnden Ostwährungen ins Visier der Spekulanten. Am Mittwoch richtete Polens Notenbankgouverneur Slawomir Skrzypek einen flammenden Appell an die westlichen EU-Staaten, sie mögen jenen Banken keine Staatshilfen gewähren, die auf den Finanzmärkten Osteuropas spekulierten.

Was läge näher, als sich rasch unter den Schutz des Euro zu stellen? Diese Idee wurde vergangenen Sonntag beim EU-Sondergipfeltreffen erörtert. Ungarns Premierminister Ferenc Gyurcsany schlug vor, jene zweijährige Phase zu verkürzen, innert derer ein Kandidat Wechselkurs und Inflation streng kontrollieren muss, bevor er den Euro einführen darf. Polens Premier Donald Tusk sprang ihm bei: Man solle den Kandidaten trotz deutlich höherer Teuerung den Euro zugestehen.

Wäre es klug, Polen, Ungarn, Rumänien, die drei baltischen Staaten und Tschechien auf der Überholspur zum Euro hetzen zu lassen? „Das ist als Hilfe in der Krise ungeeignet. Ich würde es diesen Ländern derzeit prinzipiell nicht raten, der Eurozone beizutreten“, sagte Zsolt Darvas, Geldpolitikexperte an der Brüsseler Ideenschmiede Bruegel, zur „Presse“.

 

Giftiger Kredit zum Nulltarif

Er begründet seine Einschätzung dreifach. Erstens würden von den genannten Euroaspiranten nur Tschechien und Polen von der Verkürzung des zweijährigen „Wechselkursmechanismus II“ profitieren. Doch Tschechien will keine Verkürzung, und auch Polens Notenbankchef Skrzypek ist dagegen.

Zweitens hätten Ungarn und Rumänien nichts davon, ihre Wechselkurse für weniger als zwei Jahre mit Gewalt (und dem Einsatz von Fremdwährungsreserven) zu stabilisieren und die Teuerung so zu kontrollieren, dass sie nur noch die erlaubten 1,5 Prozentpunkte über dem Schnitt der drei Euroländer mit der niedrigsten Inflation bleibt. Denn beide Staaten haben sowieso viel zu hohe Inflationsraten. Die Balten wiederum sind schon im Wechselkursmechanismus II, haben aber Probleme, dessen sonstige Kriterien zu erfüllen.

Das dritte und stärkste Argument gegen eine Euroeinführung in der Krise ist das Risiko, einen falschen Kurs zu wählen, zu dem die jeweilige Währung zwei Jahre lang in engen Grenzen schwanken darf und der dann typischerweise als Wechselkurs bei der Einführung des Euro dient. Darvas verweist auf das mahnende Beispiel Portugal. Das habe den Escudo bei der Euroeinführung zu hoch bewertet – mit negativen Folgen für die Wirtschaft, die seither nicht und nicht in die Gänge kommt.

Im Falle der Osteuropäer sei angesichts der Abwertungen das Gegenteil zu befürchten. Zloty, Krone, Forint und Co. würden im Vergleich zum Euro wohl zu billig bewertet. Sobald die Konjunktur wieder anzieht und der Euro eingeführt wird, würden die realen Zinssätze sinken. Es gebe also (giftigen) Kredit zum Nulltarif, weil die „Risikoprämien“ dieser Länder nach dem Eurobeitritt schrumpfen und dank der harten Hand der Europäischen Zentralbank die Inflation sinken würde. Was dann folgt, konnte man in Spanien und Irland beobachten: ein unvernünftiger Bauboom samt anschließendem Platzen der Immobilienblase.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.03.2009)