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Schönborn für "Große Koalition" von Biologie und Theologie

Der Wiener Erzbischof Christoph Schönborn.
(c) APA (ROBERT JAEGER)
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Kardinal Christoph Schönborn bleibt bei seinem Satz "Evolution kann wahr sein". Das Bibelverständnis des Kreationismus ist sicher nicht jenes der Katholischen Kirche.

"Nicht auf getrennten Weiden, sondern friedlich miteinander auf der selben Weide" sollten nach Ansicht von Kardinal Christoph Schönborn Biologie und Theologie grasen, "man kann sagen, in Großer Koaltion". Auf beiden Seiten bestehe die Gefahr, "Grenzüberschreitungen zu machen", sagte der Wiener Erzbischof Mittwochabend bei einem Vortrag im Rahmen der von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) veranstalteten Tagung zum Thema "Evolution" in Wien. Als Beispiel nannte Schönborn den britischen Biologen und bekennenden Atheisten Richard Dawkins, dem er "Ideologie" vorwarf.

Dawkins, der in seinem Buch "Der Gotteswahn" massiv theistische Religionen angreift, solle "mit Mitteln der Philosophie seinen Atheismus zu begründen versuchen, aber soll die Naturwissenschaften rauslassen", sagte Schönborn. Den Vertretern des "Intelligent Design" tue man unrecht, wenn man sie als Kreationismen bezeichne, "das sind sie nicht, das sind ehrliche Naturwissenschafter", sagte der Kardinal. Sie würden aber den methodischen Fehler begehen, zu glauben, dass höhere Komplexität auf Ebene naturwissenschaftlicher Methoden ein Beweis für einen Designer sei, der sich nicht mit den Mechanismen der Evolution erklären lasse.

Evolution im Denken


Befragt, ob er heute noch zu seinem Satz aus seinem Gastkommentar in der "New York Times" von 2005 stehe, die "Evolution kann wahr sein", betonte Schönborn, dass es "auch im Denken eine Evolution gibt". In den vergangenen Jahren habe ihn die "überwältigende Evidenz der Zusammengehörigkeit alles Lebenden" sehr beeindruckt. Dennoch habe ihn noch keine wissenschaftliche Erkenntnis in seinem Glauben erschüttert. "Ich habe viel dazugelernt, bleibe aber bei dem Satz, die Evolution kann wahr sein", denn die Popper'sche These von der Falsifizierbarkeit müsse auch für die Evolution gelten. "Es kann sein, dass eines Tages eine bessere Theorie kommt, auch wenn es unwahrscheinlich ist", sagte Schönborn.

Die Evolutionsforschung könne nur fragen, wie die Formen des Lebens sich entwickelt haben. Beanspruche die Naturwissenschaft, die Frage nach dem Ziel unseres Daseins zu beantworten, "verlässt sie den Boden ihrer Wissenschaftlichkeit und wird zur Weltanschauung". Hier sauber zu unterschieden, erscheine ihm für die Zukunft wichtig.

Der Evolutionstheorie-kritische Artikel von Schönborn in der "New York Times"  war heftig umstritten. Der Erzbischof sieht sich selbst mit jener Strömung, die an einen "intelligenten Planer" des Kosmos glaubt, "zu Unrecht immer noch in Verbindung gebracht". Der Artikel sei "etwas holzschnittartig" gewesen und "hätte noch einiger Differenzierung bedurft", so Schönborn. Dennoch sei es ein Gewinn, wenn "die Diskussion über die vitalen Fragen offen und öffentlich" geführt würde.

"Unstatthafte" Vereinfachung


Die Idee der Erschaffung fertiger einzelner Wesen oder Arten ist für den Kardinal absurd. "Sie ist so unhaltbar wie die kreationistischen Thesen von einer Erschaffung der Welt in sechs 24-Stunden-Tagen, wie die pseudowissenschaftliche Spekulationen über eine 'junge' Erde, über eine historische Deutung der Sintflut, etc." Es sei aber eine ebenso "unstatthafte" Vereinfachung, "den bibel-fundamentalistischen Kreationismus mit einem fundierten Schöpfungsglauben 'in einen Topf zu werfen', was häufig geschieht". Das Bibelverständnis des Kreationismus sei sicher nicht das der Katholischen Kirche und das der großen christlichen Denktradition.

Doch auch für das "Intelligent Design" findet der Erzbischof kritische Worte: Der Versuch dieser Schule, hohe Komplexität in der Natur als "Beweis für ein 'intelligent design' zu bewerten, krankt an dem fundamentalen Denkfehler, dass 'design', Plan, Zielgerichtetheit nicht auf der Ebene der Kausalität gefunden werden kann, mit der sich die naturwissenschaftliche Methode befasst", sagte Schönborn. Mit anderen Worten: Mit dem wissenschaftlichen Prinzip von Ursache und Wirkung können Design oder Zielgerichtetheit nicht erklärt werden.

Dennoch ist auch Schönborn davon überzeugt, "dass sich in der Schöpfung ein Ursprung und ein Ziel, und somit etwas, das man ein 'intelligent design' nennen könnte, erkennen lässt". Es sei für ihn eine "sinnvolle, vernünftige Sichtweise", auf einen Schöpfer zu schließen. "Ich erwarte mir nicht von der naturwissenschaftlichen Forschung, dass sie mir Gott beweist. Das kann sie so wenig, wie sie das Gegenteil beweisen kann", so der Kardinal.

(Ag.)