Vor der Premiere. Burg-Star Markus Hering über Kunstmenschen, Botho Strauß und kapitalistischen Realismus.
Die Presse: Wie gut hat sich die „Trilogie des Wiedersehens“, in der Sie einen Kunstverein-Direktor spielen, seit 1976 gehalten?
Markus Hering: Das ist ein sehr aktuelles Stück. Erst hat Regisseur Stefan Bachmann gemeint, es sei sehr zeitgebunden, er wollte die Distanzierung herausarbeiten. Beim Proben haben wir herausgefunden, dass es zeitlos und auch sehr heutig ist. Nur im Jargon ist die Vernissage-Gesellschaft den Siebzigerjahren zuzuordnen.
Wann sahen Sie die ersten Strauß-Stücke?
Hering: Als ich auf der Schauspielschule in Hannover war. „Kalldewey, Farce (1981) oder Groß und Klein (1978) mochte ich schon recht gern. Botho Strauß hat einen scharfen Blick auf die Gesellschaft und ist auch komisch. In ganz wenigen Sätzen schafft er es, ein Ehedrama herauszuarbeiten.
Haben Sie bereits einen Lieblingssatz? Und wie halten Sie es mit der Malerei?
Hering: Mir gefällt „Red ich zu dumm? Zu viel? Zu laut?“. Die Typen, die im Stück auftreten, haben mich an eine Begebenheit in meiner Jugend erinnert. Zu uns ins Dorf (im Siegerländer Holzhausen) kam ein Ausstellungsmacher mit langen, grauen, gepflegten Haaren. Manchmal hat er sie zu einem Pferdeschwanz gebunden. Sein Auftreten war für unser pietistisches Dorf eine Sensation. Ich hatte damals als Tischlerlehrling auch lange Haare, aber sie waren ungepflegt. Fünf Jahre war dieser Kunstmensch bei uns. Man fragte ihn in künstlerischen Dingen um Rat. Dann war er plötzlich wieder weg. Er hat uns in der Provinz die Kultur verkauft, er kam ja immerhin aus Bremerhaven.
Kommt Ihnen das Kunst-Milieu vertraut vor, im Vergleich zu dem des Burgtheaters?
Hering: Das Milieu im Stück ist provinzieller, aber bei den Beziehungsproblemen kommen wir alle auf den Punkt. Da sind wir alle zu Hause, beim Versteckspiel, bei den Liebesgeschichten! Die Aufführung ist textgetreu. Nur die Art, über die Probleme zu reden, muss man anders anpacken, man kann da nicht in den Siebzigerjahren verharren. Es gibt 16 gleichrangige, schöne Rollen. Bei den Blenden zwischen den Szenen werden wir uns etwas einfallen lassen. Durch die Drehbühne ergibt sich ein eigener Rhythmus.
Was bedeutet kapitalistischer Realismus, von dem der Ausstellungsmacher Moritz redet?
Hering: Er hat etwas Subversives. Das Hauptbild stellt Kiepert, ein Mitglied des Vorstandes des Kunstvereins, in eindeutiger Pose mit einem Freund dar. Das sind die Kapitalisten für den Moritz, das Bild heißt Karneval der Direktoren vom Maler Bracke. Im Titel schwingt Ironie mit. Moritz macht sich einen bösen, großen Spaß mit diesem alles und nichts sagenden Ausdruck. Die Ausstellung wird verboten. Moritz hängt sich das anstößige Bild um, und der Konflikt scheint wieder von Neuem zu beginnen.
Es geht auch um die Freiheit der Kunst. Waren die Siebzigerjahre selbstbewusster?
Hering: Sicherlich. Die Ohnmacht gegenüber dem Staat hat seither enorm zugenommen. Das finde ich frustrierend. Damals war viel mehr möglich. Heute haben wir eine erschreckende gesellschaftliche Feigheit. Wo gibt es heute noch Massendemonstrationen? Dabei mangelt es nicht an Anlässen. Es gibt allein durch die EU immer mehr Vorschriften, man will die Atomkraft wieder forcieren, drängt auf Gentechnik. Zugleich nimmt die Solidarität ab. Das einzige Argument lautet derzeit: Arbeitsplatz.
Wie klingt für Sie Botho Strauß im Vergleich mit Elfriede Jelinek oder Gert Jonke?
Hering: Strauß ist ein typisch deutscher Schriftsteller. Die Verrücktheit von Jonke hat er nicht. Jelinek schreibt Textflächen. Strauß kommt vom Theater und weiß genau, wie er etwas baut. Im Jonke-Kosmos kann man sich anfangs leicht fremd fühlen. Als ich den ersten Entwurf der „Chorphantasie“ (2003) las, dachte, ich, wer soll das jemals machen? Da gab es 50-seitige Monologe, die dann allerdings eingedampft wurden. Seine Bilder waren beim ersten Lesen fremd. Ich wusste aber rasch, dass ich das machen wollte. Ich verstehe nicht, dass seine Stücke kaum nachgespielt werden. Diese Rollen müsste sich doch jeder Schauspieler wünschen. Aber die Deutschen tun sich mit Sprachspinnereien schwer.
Was wünschen Sie sich als nächste Rollen?
Hering: „Peer Gynt“ oder „Platonow“. Zuletzt habe ich fast nur Uraufführungen gemacht. Da habe ich mich sehr wohlgefühlt in diesen ungepflügten, neuen Feldern.
Auf einen Blick
■Markus Hering wurde 1960 in Siegen geboren. Seit 2002 gehört er zum festen Ensemble des Burgtheaters.
■„Trilogie des Wiedersehens“ hat am 6.3. im Burgtheater Premiere. Beginn: 19 Uhr, Spieldauer: drei Stunden. Nächste Termine: 7. (19h) u. 8. März (17h). Tel.: 514 444 140
("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.03.2009)