Darwin-Symposium: Große Koalition mit Gott

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Kardinal Schönborn distanziert sich vom „Intelligent Design“. Auch die Genetik denkt um: Erworbene Eigenschaften können doch vererbt werden.

Ein „Rest an Konflikten“ solle bleiben, plädierte Akademie-Präsident Peter Schuster schmunzelnd: Man wolle doch keine Große Koalition zwischen Bio- und Theologie. Eineinhalb Stunden später meinte der von Schuster zum Symposium über Evolution eingeladene Kardinal Schönborn nicht nur im Scherz, eine solche Koalition wäre so übel nicht.

Tatsächlich herrschte in der vollen Aula der Akademie der Wissenschaften versöhnliche Stimmung, gefördert durch Eingeständnisse des Kardinals. Auf die Kritik am Titel seines Vortrags („Schöpfung und Evolution – zwei Paradigmen“) – gab er schlicht zu, dass das Wort „Paradigma“ nicht gut gewählt war. Und den Vorwurf von Biologen, ein Theologe habe auf ihrem Symposium nichts zu suchen, begegnete er mit Dank für „das Zeichen akademischer Offenheit und Freiheit“.

Für Darwin, den er ausführlich zitierte, hatte der Kardinal freilich auch ein wenig Tadel bereit: „Ein fleißiger Theologiestudent dürfte er nicht gewesen sein.“ So sei sein Begriff von Schöpfung etwas simpel gewesen, wie der der heutigen Kreationisten,

Von diesen distanzierte sich Schönborn abermals. Aber auch von den Verfechtern des „Intelligent Design“, deren Argumente er in seinem umstrittenen Artikel in der „New York Times“ (2005) verwendet hatte. Der Artikel sei, räumte er ein, „etwas holzschnittartig“ gewesen. Man könne das „Design“, den Plan, nicht auf der Ebene der Kausalität finden, mit der die Naturwissenschaft arbeitet; sein Wort von der „overwhelming evidence of design“ sei „nicht naturwissenschaftlich gemeint“ gewesen.

 

„Vierte Kränkung“: Sinnlosigkeit

Dennoch pocht Schönborn – wie Benedikt XVI. – auf die Vernunft, auch im Glauben. Es sei zwar nicht naturwissenschaftlich, aber „sinnvoller“ und „vernünftiger“, an einen Schöpfer zu glauben als an ein sinnloses, unerbittlich vergängliches Weltall, in dem nur kurz Bewusstsein aufflammt. Die Sinnlosigkeit sei die „vierte Kränkung“ (nach Kopernikus, Darwin und Freud), gegen sie helfe Gottesglaube. „Wir können uns Schöpfung nicht vorstellen, weil wir nur Entwicklung kennen. Der Schöpfung kommen wir nahe, wenn wir uns staunend fragen: Warum gibt es die Welt?“ Eine subtile Verbeugung vor der Evolutionstheorie, die sie ebenso subtil in die Schranken weist.

Aufregender, wenn auch dem Regime der Kausalität völlig treu, war ein anderer Vortrag. Eva Jablonka, Biologin an der Universität in Tel Aviv, plädierte für einen echten Paradigmenwechsel: für explizite Rehabilitierung des Lamarckismus.

Jean-Baptiste de Lamarck, ein Vorläufer Darwins, glaubte, dass Eigenschaften, die ein Individuum im Lauf seines Lebens erworben hat, an die nächste Generation vererbt werden können. Noch vor zehn Jahren wiesen fast alle Biologen diese Idee zurück, „lamarckistisch“ war, so Jablonka, ein „dirty word“. Heute weiß man: Zumindest manchmal werden durch Reaktion auf Umwelteinflüsse erworbene Eigenschaften sehr wohl vererbt. Jablonkas verstörende Illustration: Es ist vorstellbar, dass der unerträgliche Stress der Menschen im Gazastreifen auf die nächste Generation nicht nur „kulturell“ übertragen, sondern auch vererbt wird.

Wie soll das passieren? Über die Keimbahn – via Samen- oder Eizelle –, aber nicht durch genetische Information im engeren Sinn (der DNA-Sequenz), sondern „epigenetisch“. Etwa über kleine RNA-Moleküle, die in den Keimzellen von einer Generation in die nächste wandern. Oder über chemische Markierung der DNA, die den Generationensprung übersteht. Auch das hätte man vor zehn Jahren nicht für möglich gehalten.

Der Text des Schönborn-Vortrags ist auf www.charles-darwin-jahr.at nachzulesen.