Aus der Krise steuern durch weniger Steuern

Auch der Fiskus liefert gerne Anreize, um die Nachfrage zu steigern. Aber die Beschenkten müssen mitspielen.

Statt selbst Geld auszugeben, kann der Staat auch seinen Bürgern Geld in die Hand drücken, auf dass sie ihren Konsum steigern. Dabei braucht er nicht einmal aktiv werden. Andere erledigen, sobald die Krise einmal da ist, seine Arbeit: die automatischen Stabilisatoren. Gibt es mehr Arbeitslose, wird auch mehr Arbeitslosengeld ausbezahlt. Sinken die Einkommen, dann sinkt die Steuerbelastung noch stärker. Diese Mechanismen verdanken wir unserem Wohlfahrtsstaat mit seinem progressivem Steuersystem – Errungenschaften, die das Amerika der Weltwirtschaftskrise noch nicht kannte.

In einer schweren Krise steigt freilich der Druck auf die Politiker, die Nachfrage der Steuersubjekte aktiv zu stimulieren. Auch hier gibt es ein reiches Arsenal an Wunderwaffen, von Steuersenkungen über Investitionsanreize bis zu Konsumgutscheinen. Im Vergleich zum Staat als Bauherr haben diese Geschenke einen klaren Vorteil: Sie wirken, soweit sie wirken, ziemlich schnell – vor allem dann, wenn sie zeitlich begrenzt sind. Die Frage ist nur: Wie stark wirken sie?

Aus Shoppern werden Sparefrohs

Denn die Beschenkten könnten sich zieren. Unternehmen investieren nicht, obwohl sie eine neue Maschine vorzeitig abschreiben könnten. Statt zu konsumieren legen private Haushalte das zusätzliche Geld aufs Sparbuch. Nach den Modellen liberaler Ökonomen wird der „Homo oeconomicus“ nie anders handeln, weil er sich an seinem Lebenseinkommen orientiert und nicht daran, wie viel er gerade in der Kasse hat. Als rationales Wesen durchschaut er, dass der Staat das verschenkte Geld bei der nächsten Steuerreform zurückfordern wird. Also wäre es unvernünftig, es auszugeben.

Dieses Mantra der Angebotsökonomie wurde in den letzten Jahren zaghaft in Zweifel gezogen. Studien zeigten, dass Konsumgutscheine eilig eingelöst werden. So rational, wie in den Modellen angenommen, scheinen die Menschen oft nicht zu agieren. Ein neuer Konsens könnte lauten: Die Multiplikatoren sind größer als null, aber doch weit kleiner, als Keynes und seine Schüler es sich erhofft hatten. Doch während die Forscher noch grübeln, wie sie die Unvernunft in ihre Modelle einbauen können, schlägt nun eine neue Weltwirtschaftskrise zu.

In ihr scheinen die gewohnten Dogmen wieder zu gelten, wenn auch aus anderen Gründen: der großen Unsicherheit und der Angst vor der Zukunft. Die hoch verschuldeten US-Haushalte sind froh, wenn sie mit zusätzlichem Geld ihre Kredite zurückzahlen können. Wer keine Hypotheken hat, sorgt für für die schlechten Zeiten vor. Unternehmen mit Überkapazitäten und knapper Kassa investieren trotz aller Anreize nicht. Damit verpuffen die staatlichen Gaben vielleicht genau dann, wenn Hilfe am nötigsten wäre.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.03.2009)

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