Erst im Krieg verheilte die große Depression

USA. Roosevelts „New Deal“ war ein sozialpolitischer Durchbruch, bleibt aber ökonomisch bis heute umstritten.

Über die Große Depression der 30er-Jahre in Amerika lassen sich zwei Geschichten erzählen, eine einfache kleine und eine komplizierte große. Die kleine ist in den Lehrbüchern für den Geschichtsunterricht nachzulesen, und auch schlichte Naturen können ihr leicht folgen: Erst kam, wie aus heiterem Himmel, der Börsencrash am „Schwarzen Freitag“. Dann war da ein Präsident Hoover, der zu lange darauf vertraute, dass der Markt alles wieder ins Lot bringen würde. Die Folgen seines Zauderns: Unternehmen gingen bankrott, 15 Millionen Bürger – 25 Prozent der Erwerbsbevölkerung – waren arbeitslos, die Durchschnittslöhne fielen um 60 Prozent. Als Herbert Hoover endlich aktiv wurde, machte er alles falsch, was er falsch machen konnte: Er versuchte, durch hohe Einfuhrzölle – „buy American“ lässt grüßen – die Binnenkonjunktur zu stärken, und provozierte damit eine Welle protektionistischer Maßnahmen anderer Länder, die den Welthandel um zwei Drittel einbrechen ließ. Zudem reduzierte die Zentralbank die Geldmenge um ein Drittel, statt sie zu erhöhen – was später der monetaristische Ökonom Milton Friedman als Hauptursache für die Große Depression ansah.

Doch dann gewann Franklin D. Roosevelt die Wahlen 1932, erfand mit dem „New Deal“ das erste Mega-Konjunkturprogramm der Geschichte, und alles wurde gut. Erstmals gab es eine allgemeine Sozialversicherung. Der Staat schuf Jobs, gleichsam aus dem Nichts: Die eben noch Arbeitslosen bauten Brücken, Straßen, Flughäfen und bewässerten den „Staubgürtel“ im Mittleren Westen. Die Preise für Agrarprodukte wurden staatlich fixiert, um den in Not geratenen Bauern zu helfen. Die Verelendung der Massen konnte gestoppt werden. Dahinter standen die Theorien des britischen Ökonomen Keynes, die Bereitschaft zum „deficit spending“ und der unerschütterliche Optimismus eines Präsidenten, dessen Lächeln signalisierte: Wir meistern jede Krise.

So weit die vereinfachte Version. Über die wahren, komplexen Zusammenhänge wurden viele Bücher geschrieben. Dabei stehen die sozialpolitischen Errungenschaften meist außer Streit. Dafür wurde der „New Deal“ zum ideologischen Schlachtfeld zwischen linken und rechten US-Ökonomen. 1995 meinte fast die Hälfte der US-Volkswirte, das Konjunkturpaket habe die Krise verlängert.

Kreatives „trial and error“

Sie kritisieren Roosevelts Steuererhöhungen, die dramatische Ausdehnung der Bürokratie und die dirigistische Preispolitik. Bei der entscheidenden Frage, was die Krise in den Griff brachte, verschwimmen die Grenzen, je tiefer man in den Fakten wühlt: Schon Hoover versuchte sich in Schuldenpolitik und wurde deshalb von Roosevelt als „Verschwender“ gebrandmarkt. Sein Nachfolger versuchte zuerst, mit geldpolitischen Mitteln die Deflation zu stoppen. Erst als letztes Mittel griff er zum „New Deal“ – und dahinter stand keine langfristige Strategie, sondern der Mut zu kreativen Experimenten, einem ständigen „trial and error“.

Haben also die Bauprogramme und Sozialtransfers die Wende gebracht – oder doch eher die „bank holidays“, die für eine Beruhigung im Finanzsektor sorgten, oder die Zinssenkungen von 1935? Feststeht nur zweierlei: Heute, in einer globalisierten Wirtschaft und einem weit höheren Grundstock an Staatsschulden, würde ein „New Deal“ weit weniger Chancen haben. Und zweitens: Wirklich besiegt wurde die Große Depression erst durch den Weltkrieg, den Boom der Rüstungsindustrie, der Euphorie des Sieges und der in Bretton Woods geschaffenen stabilen Nachkriegsordnung. Womit zumindest bewiesen wäre: Der Krieg ist leider doch der Vater aller Dinge, und Psychologie ist die halbe Konjunktur.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.03.2009)

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