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Ebola wird den US-Konservativen Stimmen bringen

(c) REUTERS (RICK WILKING)
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Die tiefe Emotion des Ekels, die zur Abwehr körperlicher Gefahren entwickelt wurde, schlägt auf politisches Handeln durch.

Wird Ebola den Ausgang der Wahlen in den USA beeinflussen, und zwar so, dass die Demokraten noch tiefer stürzen und die Konservativen noch lauter triumphieren, als man es erwarten konnte, als die Seuche noch kein Thema war? Es ist zu vermuten: Politik wird nicht nur von aktuellen Interessen und rationalem Abwägen bestimmt, sondern auch von älteren und tieferen Kräften, von Gefühlen, vor allem einem: Ekel. Wenn er kommt, legt sich die Nase in Falten, die Kehle verkrampft, der Mund öffnet sich, im milderen Fall leicht, im schwereren weit, dann erbricht er.

So etwas gibt es im (sonstigen) Tierreich nicht. Natürlich spucken auch andere aus, was ihnen übel schmeckt – und damit Gefahr signalisiert –, aber die Vorstellung, von einer Suppe zu löffeln, in der für ein paar Sekunden eine tote und obendrein desinfizierte Kakerlake geschwommen ist, lässt nur uns die Haare zu Berge stehen. Auch in ein Hotelbett, in dem in der Nacht zuvor ein Gast gestorben ist, steigen wir lieber nicht. Das gilt für alle Menschen – es ist partiell kulturell überformt, wir essen keine Insekten, andere tun es mit Genuss –, es hat auch einen guten bzw. bösen Grund: Fast über die gesamte Menschheitsgeschichte hinweg kam die größte Bedrohung von Infektionskrankheiten. Man musste verhindern, dass Gefährliches in den Körper kam, Schmutziges, Verrottetes und alles, was nach Körpersäften aussah, von Blut bis zu Urin.

Menschen zu „Kakerlaken“ machen

Seit einem halben Jahrhundert ist die Infektionsgefahr durch Antibiotika gebannt – ein Stück weit –, der Abwehrreflex blieb. Und er zeigte sich lange schon nicht nur im grob Materiellen – was isst man, was fasst man an?
–, er wurde ausgedehnt und überhöht, ins Feld der Moral und Politik: Wenn wir einen Menschen „ekelhaft“ nennen und sein Verhalten „schmutzig“, dann meinen wir das nicht nur metaphorisch. Sondern dann wird der andere im schlimmsten Fall aus der Menschheit hinaus und in die Totzuschlagenden hinein definiert: Er ist dann Ungeziefer, etwa „Kakerlake“, so war das bei den Nazis, später bei den Hutu und Tutsi, zuletzt hatten die Türken in Deutschland darunter zu leiden, es zieht sich durch die Geschichte.

Und durch die Gehirne bzw. Charaktere: In US-Psychologenlabors hat sich früher schon gezeigt, dass der Anblick von Obdachlosen – aber auch von Neonazis – Ekel weckt, man kann ihn vom Zorn dadurch unterscheiden, dass er die Herzfrequenz sinken lässt, man sieht es auch an Aktivitäten des Gehirns. Und nun wurden wieder Probanden in ein Labor geladen, in das von Read Montague (Virgin Tech): Der platzierte sie in Magnetresonanzröhren und zeigte ihnen Fotos, bedrohliche, ekelerregende, freundliche, neutrale. Anschließend fragte er ihre Reaktionen ab, auch ihre politischen Überzeugungen.

Die zeigten einen Konnex mit einer Gruppe von Bildern, den ekelerregenden. Er war so stark, dass Montague bald aus der Reaktion auf ein einziges Bild – ein ekelerregendes, vor allem eines mit einem verstümmelten Tierkörper – die politische Überzeugung vorhersagen konnte, noch bevor er sie abgefragt hatte: Je stärker der Ekel sich zeigte – im Gehirn, gar nicht so sehr in der abgefragten Meinung –, desto konservativer war die politische Meinung (Current Biology, 30. 10.).

„Konservativ“ versteht sich hier im Sinne der US-Parteien, bei denen die Demokraten als weltoffener und toleranter gelten, die Konservativen als verschlossener gegenüber allem Neuen und Fremden und abwehrbereiter. Auf die Bedrohung durch Ebola umgelegt, würde das „Grenzen dicht!“ bedeuten. Aber wie sollte so etwas die Wahlen beeinflussen: Wer konservativ ist und wählt, war und hat es vor Ebola auch schon getan. Das Gleiche gilt für die Gegenseite? Nein, es gibt noch ein Experiment, Erik Pelzer und David Pizarro (Cornell) haben es 2011 auf dem Campus ihrer Universität unternommen (Psychological Science, 18. 3. 2011): Sie haben Studenten abgefangen und sie nach ihren politischen Überzeugungen befragt.

Sanitärmüll modifiziert Meinung

Es gab nur ein kleines Hindernis: Die Befragten mussten zu den Befragern entweder über ein kleines Mäuerchen steigen oder über einen kleinen Haufen Sanitärmüll, leere Desinfektionsmittelflaschen etwa. Die wirkten, via Ekel: Sie erinnerten an die alten Drohungen von Schmutz und Infektion und verschoben die politischen Meinungen aller – der Konservativen wie der Liberalen – ein Stück weit(er) hin ins Konservative.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.11.2014)