„Citizenfour“: Edward Snowden, Geheimnisvorträger

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Laura Poitras inszeniert in „Citizenfour“ die Enthüllung der umfassenden Datenüberwachung durch die US-Geheimdienste als klaustrophobischen Thriller. Den Aufdecker Edward Snowden porträtiert sie als nachdenklichen Helden.

Die letzte Szene von „Citizenfour“, dem bemerkenswerten neuen Dokumentarfilm der Amerikanerin Laura Poitras, führt gleichzeitig die Hoffnung auf die Wirkkraft des Enthüllungsjournalismus wie ihre Enttäuschung vor Augen.

An einem Tisch in einem Moskauer Apartment sitzen Edward Snowden, der weltberühmte Enthüller der Überwachung des globalen Datenverkehrs durch die US-Geheimdienste, und Glenn Greenwald, jener Journalist, dem Snowden diese Geheimnisse im Juni 2013 anvertraut hat. Greenwald hat Snowden in seinem russischen Exil aufgesucht, um ihm eine Neuigkeit kundzutun: Offensichtlich gibt es nach ihm einen zweiten Maulwurf innerhalb der National Security Agency (NSA), der brisante Geheimnisse an die Öffentlichkeit zu bringen bereit ist. Aus Achtsamkeit davor, versehentlich Hinweise auf die Identität dieser Person vor Poitras' laufender Kamera zu offenbaren, teilt Greenwald Snowden diese Nachrichten in einer Abfolge von dahingekritzelten Zettelbotschaften mit. Snowden fällt aus allen Wolken: „Das könnte das Profil dieser ganzen politischen Situation auf ein neues Niveau heben.“

Abschluss der 9/11-Trilogie

Doch er irrt. Was Greenwald ihm hier mitteilt, wurde heuer im April großflächig berichtet. Doch die Offenbarung, dass alle US-Drohnenangriffe über die Luftwaffenbasis im deutschen Ramstein koordiniert werden dürften und der Befehl zum Abschuss von mutmaßlichen Terroristen in Ländern wie Pakistan oder Somalia stets von Präsident Barack Obama persönlich erteilt wird, hat zu keinem öffentlichen Aufschrei geführt. Schon Snowdens Enthüllung dessen, dass alle US-Telekomkonzerne Gesprächsdaten aller ihrer Kunden an die NSA liefern müssen, regt in den USA heute nur mehr eine ebenso motivierte wie randständige Minderheit von Verteidigern des Rechts auf Privatsphäre auf. Wieso sollte sich breiter Protest an dem Umstand entzünden, dass der ohnehin im Volk nicht mehr sehr beliebte Präsident in fernen Ländern mögliche Attentäter bombardieren lässt?

Und dennoch ist Poitras' Film ein wichtiger Beitrag zum Verständnis der amerikanischen Befindlichkeit im zweiten Jahrzehnt nach den Anschlägen vom 11. September 2001. „Citizenfour“ ist der dritte Teil der Trilogie, die Poitras 2006 mit „My Country, my Country“ begonnen hat, ihrem berührenden Porträt des mutigen Bagdader Gefängnisarztes Riyadh al-Adhadh und der ersten freien Wahlen im Irak. Darauf ist im Jahr 2010 der Film „The Oath“ gefolgt, in dem sie einen ehemaligen Leibwächter von Osama bin Laden im Jemen aufspürt und ihn bei seiner Arbeit als Taxifahrer begleitet.

Dass Poitras sich nun der Geschichte von Snowden annimmt, ist ein Ergebnis ihrer Arbeit an diesen beiden Filmen. Seit ihrer Zeit im Irak wurde die aus einer Bostoner Oberschichtfamilie stammende, heute 50-jährige Poitras mehrere Dutzend Male bei der Einreise in die USA festgehalten und verhört. Grenzbeamte wollten ihre Kamera und ihre Aufzeichnungen in Beschlag nehmen, die Anti-Terror-Behörden legten seitenlange Protokolle über ihre Verhöre an; die US-Terrorfahnder unterstellten ihr fälschlich, im Irak Kontakte zu Terroristen gehabt zu haben. Dass sie der Familie des Bagdader Arztes al-Adhadh, die vor der Gewalt in ihrem Land ins Ausland flüchten musste, Geld überwies, machte sie zusätzlich suspekt. Seit 2012, nach gut 40 Anhaltungen an US-Flughäfen, lebt Poitras in Berlin. Dort kontaktiert sie Snowden Anfang 2013 in einem anonymen, kryptischen E-Mail. Er sei ein US-Geheimdienstmitarbeiter, der brisante Informationen mitzuteilen habe. Mehr als sein Ehrenwort könne er erst geben, wenn sie eine spezielle Software zur Verschlüsselung ihrer elektronischen Kommunikation installiere. „Sie fragen, wieso ich Sie gewählt habe? Sie haben sich selbst gewählt“, schreibt Snowden auf Poitras' entsprechende Frage und verweist auf ihre Filmarbeit.

So landet die Filmemacherin gemeinsam mit Greenwald, der damals für den „Guardian“ gearbeitet hat, in Snowdens Hotelzimmer in Hongkong. Die Szenen dort machen das Klaustrophobische der Lage dieses heute 31-Jährigen spürbar, der seine persönliche Freiheit aufs Spiel setzt, um eine seiner Ansicht nach wichtige Wahrheit zu veröffentlichen. „Wenn sie mich verhaften, verhaften sie mich“, hält er seinen Interviewern lakonisch entgegen. Snowden ist nachdenklich, reif, uneitel: etwas, was man über Greenwald nicht immer sagen kann.

Noch kein Verleih in Österreich

Inmitten all des Ernstes blitzt immer wieder ungewollte Komik durch; wenn Snowden dem anfangs in Fragen der E-Mailverschlüsselung recht unbeholfenen Greenwald mit Engelsgeduld erklärt, wieso er beim nächsten Interview bitte vorab die Datenkarte aus dem Laptop entfernen soll. Oder wenn just in dem Moment der Feueralarm losgeht, in dem Snowden seine Daten zu erklären beginnt. Oder wenn er sich mit einem Handtuch verhüllt, um sein Passwort vor möglichen Teleskoplinsen geschützt einzutippen.

In Deutschland läuft „Citizenfour“ dieser Tage an, erstaunlicherweise hat sich für Österreich noch kein Verleih gefunden. Es ist zu hoffen, dass sich dies rasch ändert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.11.2014)

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