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Die Ökonomie der Evolution

SYMPOSIUM. Wirtschaftswissenschaften und Biologie befruchten sich gegenseitig.

Evolution und Ökonomie haben viel mehr miteinander zu tun, als man denken möchte. „Die Evolution benutzt typische wirtschaftliche Begriffe“, sagte der Wiener Wirtschaftswissenschaftler Erich Streissler am Donnerstagabend bei dem großen Evolutionssymposium, das diese Woche in Erinnerung des 200. Geburtstags von Charles Darwin in Wien stattfand.

Darwin lebte in einem liberalen Umfeld, in dem die ökonomische Theorie von Adam Smith weit verbreitet war. Einer der Grundgedanken: Der individuelle Mensch ist frei, er lebt in einem Wettbewerb – „ein typisch ökonomischer Begriff“, so Streissler. Auch dass Dinge sich weiterentwickeln, sei „eine typische ökonomische Sache“. Wichtig sei dabei: Smith betonte, dass die „Evolution“ langsam und unvorhersehbar verlaufe. Der „Kampf ums Überleben“ dagegen entstammt dem Werk des Ökonomen Robert Malthus. Dieser postulierte, dass ein Ressourcenmangel (etwa Lebensmittel) zu einem „struggle for existence“ führe, in dem sich eine Population anpassen müsse – und zwar durch Selektion von Individuen mit günstigeren Eigenschaften im Wettbewerb.

Die große Leistung Darwins war demnach in Streisslers Augen, dass er diese Ideen auch auf Dinge außerhalb der menschlichen Sphäre ausgeweitet hat. Die zentralen Begriffe der damaligen Ökonomie prägen deshalb bis heute die Sprache der Evolutionsbiologie (siehe Lexikon).

Der Einfluss der Wirtschaftswissenschaft auf die Biologie ist aber keine Einbahnstraße: Seit einiger Zeit gibt es eine Gegenbewegung namens „evolutionäre Ökonomie“, in der biologische Gedanken wieder in die Welt der Wirtschaft einfließen sollen. Die derzeitige Wirtschaftswissenschaft könne weder die Strukturen noch den Wandel beschreiben, führte Kurt Dopfer, Evolutionsökonom aus St. Gallen, am Freitag aus. Nachsatz: Deshalb habe die Ökonomie keine Erklärung für die jetzige Krise. Das wollen die evolutionären Ökonomen ändern.

„Uns erscheint eine Synthese der Ideen von Darwin und Smith als besonders fruchtbarer Weg“, so Dopfer. Konkret: eine Arbeitsteilung unter der Bedingung von kontinuierlicher Neuerung. Der erste Teil, die Arbeitsteilung, ist ein zentraler Begriff bei Smith, der durch die Evolution erklärt werden kann. Jede kulturelle Fertigkeit sei nämlich durch evolutionäre Vorgänge („Trajektorien“) – Variation, Selektion, Übertragung, Bewahrung – entstanden.


Evolution erklärt Arbeitsteilung

Das gilt freilich auch für Tiere: Makaken beispielsweise benutzen Werkzeuge zum Knacken von Nüssen oder haben gelernt, Kartoffeln zu waschen. Spezifisch menschlich sei allerdings das Zusammenspiel der vielen erworbenen Fähigkeiten. Dopfer: „Affen evolvieren kulturelle Fähigkeiten, aber nicht als arbeitsteilige Struktur.“ Das Gegenteil gelte für Termiten: Diese hätten zwar eine hochspezialisierte Arbeitsteilung, hinter der aber keine kulturelle Evolution stecke.

LEXIKON

„Evolution“ ist ein zentraler Begriff in den Theorien des „klassischen“ Ökonomen Adam Smith. Er meint damit Wirtschaftswachstum bzw. langsame und unvorhersagbare Veränderungen in der Wirtschaft.
„Selektion“ kommt ebenfalls aus der klassischen Ökonomie – und zwar in einer ähnlichen Bedeutung wie „Choice“ (Wahl).
Der „Kampf ums Überleben“ nimmt eine bedeutende Stellung bei Robert Malthus' Beschreibung von Populationen ein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.03.2009)