„Dial ,M‘ For Murder“ ist ein mehrfach verfilmter Klassiker von Frederick Knott. Auch auf der Bühne wirkt das Stück noch.
Wie führt man den perfekten Mord aus? Dieses Thema hat den Thriller-Großmeister Alfred Hitchcock des Öfteren gereizt. Vollendet verfilmt wurde von ihm ein kaltblütig im Detail geplantes Verbrechen 1954: Der Broadway-Hit „Dial ,M‘ for Murder“ von Frederick Knott („Bei Anruf Mord“) wurde auch in Hollywood zum Hit, mit der 24-jährigen Grace Kelly in der Rolle der wohlhabenden Ehefrau, die der nach außen hin charmante Gatte ermorden lassen will. Es hat inzwischen mehrere Remakes gegeben. Die Handlung mit ihren überraschenden Wendungen blieb eben einfach reizvoll fürs große Kino.
Vienna's English Theatre ließ sich nun zur Aufführung des originalen Dreiakters hinreißen (Premiere war am Dienstag) und hat mit diesem „well-made play“ gewonnen. Regisseur Ken Alexander gelingt es, in knapp zwei Stunden, die Atmosphäre von London in den Fünfzigerjahren zu erzeugen, individuelle Charaktere unaufdringlich herauszuarbeiten und auch die Spannung bis zuletzt zu halten. Zum Teil sehr junge englische Darsteller erzeugen die Intensität eines Hörspiels auf der kleinen Bühne (ein schickes Interieur der neuen Sachlichkeit mit offener Bar, beigem Bakelittelefon und damals modernem Radio). Man ist als Zuseher dem Geschehen so nah, dass jede Nuance sitzen muss. Hier gelingt das auch.
Wir befinden uns in einem eleganten Apartment in einem besseren Viertel von London. Sheila Wendice (Emily Stride, so kühl wie Kelly) hat den Autor Max Halliday (Oliver Tilney gibt ihn erst aalglatt, dann übertrieben besorgt) zu Gast. Die beiden hatten eine kurze Affäre, eher er einen Job in New York annahm. Sheila ist nervös. Sie wurde mit Briefen erpresst. Beide glauben, dass ihr Mann noch nichts von ihrem Verhältnis weiß. Sie will es auch nicht auffrischen. Seit ihr Mann die Tenniskarriere aufgegeben hat, scheint es in der Ehe wieder zu klappen. Da platzt der Gatte schon herein. Man tauscht Belangloses aus. Tony Wendice (Chris Polick mit anhaltendem Kampfgrinsen) schickt die beiden allein ins Theater, schützt Arbeit vor. Doch als sie weg sind, hat er einen Gast, den er zu einem Mord erpressen will. Captain Lesgate (George Beach) geht nach einigen Drinks auf den Handel ein. Wird der teuflische Plan, der Anrufe als Alibi und einen entwendeten Schlüssel benötigt, aufgehen? Inspector Hubbard, im beigen Staubmantel und bei hellem Verstand, schaut sich ganz genau an, welche Schals oder Strümpfe als Tatwaffe dienen konnten, welche Rolle eine blutige Schere spielte. Roger Ringrose gibt ihn souverän.
Bei diesem Krimi wird rasch klar, wer die Bösen und die weniger Bösen sind. Danach zittert man allein wegen des Ablaufs paradoxerweise um den eigentlichen Täter, sieht den Ermittler sogar als unwillkommenen Eindringling. Hier ist die Inszenierung so zügig, dass sich die Sogwirkung ganz automatisch einstellt. Vor allem aber vermitteln die Darsteller tatsächlich das Lebensgefühl, die Eleganz und den Snobismus Großbritanniens, als es fast noch ein Weltreich war und eine Thriller-Queen wie Agatha Christie ungehemmt morden lassen durfte.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.11.2014)