Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Ungewöhnliche Erfindung: Furchen gegen Fluglärm

(c) APA/EPA/REMKO DE WAAL (REMKO DE WAAL)
  • Drucken

Ein Landschaftsplaner hat nahe dem Großflughafen Schiphol einen Park errichtet, der Schallwellen von Flugzeugen „einfängt“.

Vermutlich wohnt niemand gern neben dem Airport Schiphol am Rand von Amsterdam. Europas viertgrößter Flughafen liegt inmitten einer Ebene, Schallwellen können sich dort ungehindert ausbreiten. Über 1000 Starts und Landungen verzeichnet der Flughafen jeden Tag, etwa jede Minute donnert ein Flieger vorbei. Die Startbahn heißt nicht umsonst niederländisch lautmalerisch Polderbaan (wobei Polder eigentlich für die Marschlandschaft steht).

Es wundert nicht, dass hunderttausende Bewohner der näheren Umgebung von Fluglärm belästigt werden. Ja, noch in 50 Kilometern Entfernung – in dieser Zone liegen ganz Amsterdam sowie Städte wie Den Haag, Utrecht und sinnigerweise Leiden – kann der Turbinenlärm aufgrund der topografischen Eigenschaften hörbar sein.

Nun aber hat der niederländische Landschaftsarchitekt Paul de Kort einen ungewöhnlichen Schalldämpfer entwickelt: In der hauptbetroffenen Ortschaft Hoofddorp (kaum zwei Kilometer von der nächsten Startbahn entfernt, etwa 74.000 Bewohner) hat er eine Art Park geschaffen, der die Schallwellen dämpft. Auf einem Areal von 33 Hektar Größe wurden über 150 Furchen ins Ackerland gegraben, jede ist drei Meter tief und elf Meter von der anderen entfernt. Die Strukturen orientieren sich an den sogenannten chladnischen Klangfiguren: Das sind die schönen geometrischen Muster, die sich wie von Geisterhand formen, wenn man etwa eine Metallplatte mit Sand bestreut und eine Schallquelle, etwa Lautsprecher oder Stimmgabel, daran hält; Namensgeber ist der deutsche Physiker Ernst Florens Chladni (1756–1827), der die Musterbildung erkannte und studierte und so die moderne Akustik begründete.

 

Verminderung um 30 Prozent

Nun haben auch Schallwellen von Jetturbinen bestimmte Charakteristika, und die Furchenlandschaft des Buitenschot Land Art Parks modelliert solch langwellige, niederfrequente Wellen nach, bzw. orientiert sich an chladnischen Mustern, die sie erzeugen würden. Folge: Ein Teil des Schalls wird zurückgeworfen, ein Teil absorbiert. Die geometrischen Furchen, die zum Teil quer zu den Wellen liegen, wirken wie ein akustischer Prellbock. Messungen ergaben, dass der Lärm dadurch signifikant zurückging, der Schallpegel sank um immerhin fünf Dezibel, was einer subjektiven Lärmverminderung um 30 Prozent entspricht. „Schwellen der Ruhe“, nennt de Kort seine Furchen poetisch.

Den dämpfenden Effekt von Furchen im Acker stellten Bewohner bereits vor Jahren fest, als sie die Äcker bestellten. Zusammen mit der Gemeinde Haarlemmermeer gab die Flughafengesellschaft eine Studie in Auftrag, die die Möglichkeiten eines Immissionsschutzes ausloten sollte. Daraufhin wurde das Büro H+N+S Landscape Architects mit einer Bebauung der Marschlandschaft beauftragt. Eine clevere Gestaltung der Parzellen sollte die Schalldämmung verbessern. Paul de Kort gestaltete in der Lärmhölle einen pittoresken Landschaftspark, durch den ein Radweg führt und der im Sommer für künstlerische Events genutzt wird.

Der Buitenschot Land Art Park gibt auch ästhetisch einiges her. Aus der Luft mutet er wie ein mystisches Inka-Relikt an. Das Projekt ist indes nicht frei von Kritik: Angrenzende Bauern beschwerten sich, ihre Ernte sei durch die Flurbereinigung gesunken. Der Grat zwischen Immissionsschutz und ökologischer Balance ist schmal. Der Flughafenbetreiber ist jedoch von dem Konzept überzeugt und hat die Kosten in Höhe von drei Millionen Euro großteils übernommen.

 

Bald auch in anderen Ländern

Um das angestrebte Ziel einer Schallreduzierung von zehn Dezibel, das ist eine Halbierung der Lautstärke, zu erreichen, soll der Landschaftspark auf 60 Hektar vergrößert werden. Das Projekt soll auch auf internationaler Ebene fortgesetzt werden – Fluglärm gibt es schließlich nicht nur in Holland.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.11.2014)