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Arbeitslose: Wenn der Berufswunsch AMS heißt

Die Presse (Clemens Fabry)
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Sehen wir uns die Arbeitsimmigration, die Arbeitsmarktfitness von Schulabgängern, das AMS-Qualifikationssystem etc. tabulos an – da liegt der Schlüssel zur Arbeitsmarktmalaise.

Österreich hat also die Spitzenposition in der europäischen Arbeitslosenstatistik an Deutschland verloren und wird in den kommenden Jahren weiter zurückfallen. Die Nachricht ist an sich nicht weiter aufregend, denn so niedrig, wie viele hierzulande geglaubt haben, war (und ist) die Arbeitslosenrate ohnehin nur, weil das Land Meister im Arbeitslosenverstecken ist. Zählt man die 200.000 Grundsicherungsbezieher und die paar hunderttausend vorzeitig in den Ruhestand geschickten Frühpensionisten dazu, dann sind wir in Europa ja schon lange eher im Mittelfeld zu suchen.

Was uns aber zu denken geben sollte, ist der Trend: Während 21 von 28 EU-Ländern unterdessen die Trendwende geschafft haben, steigt die Arbeitslosigkeit in Österreich weiter an. Und wird das mit Sicherheit auch 2015, sehr wahrscheinlich aber auch in den folgenden Jahren tun. Das sollte zu Reaktionen führen.
Dass man mit den üblichen, bei solchen Anlässen (auch jetzt) abgesonderten Politikerfloskeln nicht weiterkommt, haben wir unterdessen gesehen. Dass wir, wie viele offenbar noch immer hoffen, aus der Arbeitslosigkeit substanziell „herauswachsen“ werden, ist ebenfalls eine Illusion: Die dafür notwendigen BIP-Wachstumsraten jenseits von 2,5 Prozent sind mittelfristig völlig unrealistisch.

Da sollte man jetzt einmal nachsehen, ob im Umfeld des heimischen Arbeitsmarktes wirklich alles so paletti läuft, wie man uns einredet. Evaluierung nennen das Betriebswirtschafter gern. Und in deren Rahmen muss man angesichts der Detailentwicklungen (zum Beispiel wächst die Arbeitslosigkeit bei schlecht ausgebildeten Immigranten und älteren Arbeitnehmern besonders stark) auch ein paar unangenehme und möglicherweise auch politisch unkorrekte Fragen stellen.

Fangen wir an:

► Holen wir auf der Schiene der Arbeitsimmigration wirklich die richtigen Leute ins Land? (Bevor jetzt jemand reflexartig nach der Xenophobie- oder gar der Nazi-Keule greift: Wir reden hier nicht von Asyl, sondern von ganz normaler Arbeitsimmigration). Ein Großteil der Immigration läuft de facto ja nicht über die mit strengen Qualifikationskriterien versehene Rot-Weiß-Rot-Card, sondern über andere Kanäle. Arbeitsimmigranten aus Nicht-EU-Ländern weisen in weit überdurchschnittlichem Ausmaß unterdurchschnittliche Qualifikation auf. Genau diese Gruppe stellt aber jetzt schon die mit Abstand meisten Arbeitslosen, weil schlecht qualifizierte Jobs im Land schlicht weniger werden. Fachkräfte im mittleren Bereich (qualifizierte Handwerker, Facharbeiter), also jene, die trotz Krise noch gesucht werden, sind unter den Immigranten dagegen deutlich unterrepräsentiert. Gibt es da Lösungskonzepte oder lässt man das einfach weitertreiben?

► Haben wir die richtigen Anreizsysteme, intensiv Arbeit zu suchen? Im Problembereich niedrig qualifizierter Tätigkeiten ist der Abstand zwischen Grundsicherung und möglichem Arbeitseinkommen in vielen Fällen offenbar wenig motivierend und der Druck, sich wenigstens um einen Job zu bemühen, nicht sehr groß. Das führt dazu, dass sich Menschen aus dem Arbeitsmarkt offenbar völlig ausklinken. Da bildet sich etwa in Wiener Problembezirken gerade eine Subkultur mit gesellschaftlichem Konfliktpotenzial – in der die Chancenlosigkeit wirklich vererbt wird. Eine Lehrerin berichtete neulich völlig entgeistert von einer Schülerin (Eltern beziehen Grundsicherung, Brüder arbeitslos, leider kein Einzelfall mehr), die auf die Frage nach ihrem Berufswunsch ernsthaft mit „ich geh AMS“ antwortete. Wird ihr ja täglich vorgelebt, dass das funktioniert . . .

► Haben wir die passenden Rahmenbedingungen, um ältere Arbeitnehmer (die zweite große Problemgruppe) bis 65 im Job zu halten? Danach sieht es nämlich nicht aus. Eher schon nach einem Vollversagen der Sozialpartner in dieser Frage, die anderswo, etwa in Skandinavien, durchaus zufriedenstellend gelöst ist. Und nein: Nur das Pensionsalter anheben und nicht mehr vermittelbare 55-Jährige bis 65 einfach „durchadministrieren“ ist keine Lösung.

► Vermitteln die doch recht teuren AMS-Kurse die richtigen Qualifikationen für die Wiedereingliederung? Angeblich hat es da zuletzt ja deutliche Verbesserungen gegeben, der siebente „Wie bewerbe ich mich richtig“-Kurs für 60-Jährige oder der Computerführerschein für IT-Spezialisten sollten also der Vergangenheit angehören. Aber in der Vermittlungsstatistik kommt das noch nicht so toll herüber. Das AMS-Kurswesen einmal richtig auf Effizienz zu durchleuchten, wäre wahrscheinlich nicht die schlechteste aller Ideen.

► Vermitteln die Pflichtschulen „Arbeitsmarktfitness“? Junge Menschen mit maximal Pflichtschulabschluss stellen das größte Kontingent in der Jugendarbeitslosenstatistik. Und die Klagen potenzieller Lehrherren über Kandidaten, die sich mit Grundrechnungsarten schwertun und keinen geraden Satz zu Papier bringen, sind Legende. Auch hier ist enormer Verbesserungsbedarf nicht zu übersehen.

► Sind die „Konjunkturoffensiven“, die die Regierung bei Arbeitsmarktverschlechterung gern ausruft, wirklich so arbeitsmarktwirksam, dass ein vernünftiges Kosten-Nutzen-Verhältnis herausschaut? Sie betreffen ja in hohem Ausmaß Großprojekte in der Bauwirtschaft (die zwar von Konjunkturschwankungen besonders abhängig ist, aber auch seit Jahrzehnten als überdimensioniert gilt). Selten wird evaluiert, ob die gewünschte Wirkung wirklich eingetreten ist oder ob man im Wesentlichen nur ein Tunnelbaumaschinen-Beschäftigungsprogramm finanziert hat. Erfolgversprechender wären wahrscheinlich Maßnahmen, die das Wirtschaftsklima insgesamt verbessern und Unternehmen zu Investitionen im Land inspirieren, statt Abwanderungspläne zu wälzen. Und zwar nicht erst dann, wenn die Malaise schon angerichtet ist.

Tabulose Antworten auf diese Fragen zu finden (nachdem man ideologische Scheuklappen abgelegt hat, selbstverständlich) und dann auch entsprechende Handlungen zu setzen, würde dem Arbeitsmarkt deutlich mehr helfen als das übliche, mit ein paar Baumilliarden untermauerte Krisen-Wahlkampfgeschwurbel. Die Arbeitslosigkeit lässt sich damit zwar nicht gänzlich beseitigen (dafür ist die Differenz zwischen Arbeitskräfte- und Stellenangebot zu groß), aber die Sache einfach mit altbekannter österreichischer Stillstandspolitik treiben zu lassen, sollte keine Option sein. Denn die Jobs, die wir jetzt verlieren, werden wohl nicht mehr zurückkommen.

E-Mails an: josef.urschitz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.11.2014)