Zwei Jahre lang schrieb Ludwig Wittgenstein während des Ersten Weltkriegs „geheime Tagebücher“. Sie zeigen den Philosophen viel mystischer als bisher bekannt. Wilhelm Baum hat die Herausgabe dieser Kriegsnotizen mit erläuternden Essays ergänzt.
Gott ist angekommen. Ich traf ihn im Fünf-Uhr-fünfzehn-Zug.“ So beschrieb der britische Ökonom und Mathematiker John Maynard Keynes seine Wiederbegegnung mit Ludwig Wittgenstein. Man schrieb das Jahr 1929, in dem der 40-jährige Philosoph nach dem Scheitern seiner Karriere als Volksschullehrer nach Cambridge zurückkehrte. Dort hatte ihn Keynes 15 Jahre zuvor kennengelernt, zu einer Zeit, als er sich alles andere denn göttlich fühlte.
Sein Versuch, den Bachelor of Arts zu erlangen, war an seiner Sturheit gescheitert, sich den akademischen Gepflogenheiten zu unterwerfen, mit seinen beiden Lehrern, Bertrand Russell und George Edward Moore, hatte er sich zerstritten, und nach einer Reise mit David Pinsent nach Island musste er sich selbst gegenüber wohl seine Liebe zu ihm eingestehen. Im Frühjahr 1914 zog er sich wochenlang auf seine Hütte in Norwegen zurück und wollte, wie er notierte, „mit sich selbst ins Reine kommen“. Als er im Juli nach Wien zurückkehrte, war ihm nur sterbenselend zumute.
Um den Tod zu finden, gibt es kaum eine bessere Gelegenheit als einen Krieg. Bereits am 7.August 1914 meldet sich Ludwig Wittgenstein als Einjährig-Freiwilliger – nicht, weil er Gott, Kaiser und Vaterland verteidigen, sondern, weil er sterben will. Er wird dem 2.Festungsartillerieregiment in Krakau zugeteilt. Mit Datum 9.August 1914 beginnt der junge Soldat seine „Geheimen Tagebücher“, die den Kern des von Wilhelm Baum herausgegebenen Buchs „Wittgenstein im Ersten Weltkrieg“ ausmachen. Diese persönlichen Notizen enden zwei Jahre später, bilden aber ohnehin nur eine Ergänzung zu den schon vor Jahren publizierten nicht kryptografierten Tagebüchern Wittgensteins aus der Kriegszeit, die vor allem philosophische Eintragungen enthalten und Schritte zur Entstehung des „Tractatus“ darstellen.
Mit der Bedienung eines Scheinwerfers auf dem Wachschiff Goplana, das auf der Weichsel patrouillierte, wäre auch ein weniger technisch Begabter wie Wittgenstein nicht ausgelastet gewesen. Er hat deshalb ausreichend Zeit, an einer Abhandlung zu arbeiten, mit der er ein für alle Mal klarstellen wollte, was sich mittels Sprache ausdrücken lässt und was nicht. Als er im Sommer 1918 noch einmal Heimaturlaub bekommt, schließt er in Hallein den „Tractatus logico-philosophicus“ ab. Der Text wird 1921 in der Leipziger Vierteljahresschrift „Annalen der Naturphilosophie“ erstmals publiziert.
Wäre es nach Wittgenstein gegangen, so hätte diese Abhandlung in der Innsbrucker Zeitschrift „Brenner“ erstveröffentlicht werden können. Auf sie ist Wittgenstein durch eine positive Notiz in Karl Kraus' „Fackel“ aufmerksam geworden. Den Herausgeber Ludwig von Ficker hielt er deshalb für integer genug, um einen Teil seines Erbes bedürftigen Talenten weiterzureichen: „Ich möchte Ihnen eine Summe von 100.000Kronen überweisen und Sie bitten, dieselbe an unbemittelte österreichische Künstler nach Ihrem Gutdünken zu verteilen“, schrieb Wittgenstein an den Gründer der Zeitschrift. Die Sache zog sich dann eine Weile hin, aber zuletzt profitierten unter anderem Kokoschka, Rilke, Trakl, Theodor Haecker als Übersetzer der Werke Kierkegaards, die im „Brenner“ veröffentlicht und von Wittgenstein eifrig rezipiert wurden, und die Zeitschrift selbst.
Viele solcher Einzelheiten aus dem Leben Wittgensteins rund um die Kriegszeit finden sich in Wilhelm Baums Erläuterungen, in die er die „Geheimen Tagebücher“ eingebettet und durch zwei Erinnerungen von Kameraden zu Wittgensteins Kriegsgefangenschaft in Monte Cassino ergänzt hat. Baum will mit diesem Band zeigen, dass der Logiker, der von den Positivsten „über Jahrzehnte hinweg missverstanden wurde“, in Wahrheit ein „großer Mystiker“ war, dessen Denken in einer Reihe mit Wilhelm von Ockham oder Nikolaus von Kues steht: „Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies zeigt sich, es ist das Mystische“, findet sich unter 6.522 im „Tractatus“. Ein Satz, der unbedingt zum viel zierten Schlusssatz dieses Werks mitzudenken wäre. Denn Wittgenstein hielt zwar alle metaphysischen Aussagen für sinnlos, war aber von einem „mystischen Zeigen“ überzeugt, das sich nicht im Medium der Sprache ausdrücken ließe: „Der Sinn der Welt muss außerhalb ihrer liegen“ („Tractatus“, 6.41).
Die mystische Seite Wittgensteins erhält mit den „Geheimen Tagebüchern“ jedenfalls eine Aufwertung. Wenig überraschend, dass er nicht in den „Wiener Kreis“ gefunden hat. Ob er in den „Brenner“-Kreis gepasst hätte, muss offen bleiben. Den Zugang dazu verwehrte ihm Ludwig von Ficker mit der Ablehnung, den „Tractatus“ in seiner Zeitschrift zu veröffentlichen. Zu der Zeit, als Wittgenstein darum bat, arbeitete der Volksschullehrer und „Brenner“-Mitarbeiter Ferdinand Ebner an seinem sprachphilosophischen Werk „Das Wort und die geistigen Realitäten“, das sich – wenn auch mehr von theologischer Seite her – ebenso vehement gegen metaphysisches Geschwafel richtete.
Dass „alle Philosophie Sprachkritik“ sei, wie Wittgenstein schrieb, hätte Ebner zweifellos unterschrieben und eventuell ergänzt durch: echte Theologie auch. „Denken am Leitseil der Sprache“ war Ebners Credo. Dass die Interpretationen der Sprache der beiden Volksschullehrer „ein Abgrund trennt“, wie Ludwig von Fickers Einflüsterer, der Innsbrucker Philosoph Hans Windischer, gemeinthat, ist deshalb gar nicht einzusehen.
Für die österreichische Philosophiegeschichte ist es vielmehr sehr bedauerlich, dass die beiden Denker sich nicht kennengelernt haben. Ebner kommentierte im August 1920 von Fickers Bericht an ihn über Wittgensteins Spende mit einem Jean-Paul-Zitat: „Der Teufel ist in unseren Tagen los, aber auch der Heilige Geist.“ Jede Zeit, so scheint es, hat eben ihre eigenen Heiligen. ■
Wilhelm Baum (Hrsg.)
Wittgenstein im Ersten Weltkrieg
Die „Geheimen Tagebücher“ und die Erfahrungen an der Front (1914–1918). 168S., geb., €18 (Kitab Verlag, Klagenfurt)
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.11.2014)