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Helmut Kohls Wettlauf mit der Weltgeschichte

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Fall der MauerEPA
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Der Bonner Kanzler saß gerade nichts ahnend beim Staatsbankett in Warschau, als die Mauer fiel. Der ganze Tross unterbrach den Staatsbesuch („wir kommen wieder!“) und flog auf Umwegen nach Berlin.

Im Bonner Kanzleramt hält am Abend des 9. November 1989 der 34-jährige Sekretär Stephan Eisel „Stallwache“. Alle Chefs sind in Warschau bei Bundeskanzler Helmut Kohls Staatsbesuch, sein außenpolitischer Intimus, Horst Teltschik, Walter Neuer, Chef des Kanzlerbüros. Sogar Juliane Weber, Kohls Sekretärin und engste Vertraute, ist nach Warschau mitgeflogen. Eisels Büro liegt neben dem Eduard Ackermanns. „Ede“ ist Kohls Faktotum, ist politischer Berater, einfach Mädchen für alles. Man sieht fern: die Liveübertragung der Pressekonferenz von Günter Schabowski. „Es war uns unklar, ob die Grenze nun offen ist oder nicht“, erzählt Eisel später dem „Presse“-Korrespondenten, „aber wir spürten, dass sich Gewaltiges tut.“

Gegen 20 Uhr telefoniert Ackermann mit der Delegation in Warschau. Es beginnt dort soeben das Staatsbankett mit Ministerpräsident Mazowiecki, Kohl ist nicht erreichbar. Erst nach dem Dinner, gegen 21 Uhr, ruft Kohl in Bonn zurück. Ackermann: „Herr Doktor Kohl, halten Sie sich fest: Die DDR-Leute machen die Mauer auf.“ – „Sind Sie sicher, Ackermann?“ – „Das Fernsehen überträgt live aus Berlin, ich kann es mit eigenen Augen sehen.“ – „Das ist ja unfassbar!“

Ackermann und Eisel ist schnell klar, dass der Kanzler seinen Polen-Besuch unterbrechen und zurückfliegen müsse. Aber wie? Nach Berlin kommt man nur mit den Fluglinien der Alliierten. Die Flugbereitschaft der Bundeswehr, die Kohl von Frankfurt nach Warschau gebracht hat, darf wegen des Vier-Mächte-Status nicht nach Berlin fliegen.

Die Zeit drängt: Der regierende Bürgermeister Walter Momper von der SPD hat für den nächsten Tag um 17 Uhr eine Großkundgebung angesetzt, wohl um CDU-Chef Kohl auszubremsen. Der Flughafen Warschau ist gesperrt (Nebel), trotzdem fliegt die Bundeswehr Kanzler und Außenminister Genscher nach Hamburg. Von Ramstein startet eine US-Maschine nach Norden, Eisel kann die avisierte Maschine von British Airways wieder stornieren, für die extra eine Crew zusammengerufen wurde. Für ihren Aufwand stellt man dem Kanzleramt nichts in Rechnung. In Hamburg klappt das Timing so perfekt, dass Kohl direkt auf dem Rollfeld die Flieger wechseln kann und rechtzeitig in Berlin ankommt. Am 10. Oktober stehen um 17 Uhr Momper und Willy Brandt vor dem Brandenburger Tor. Und im Zentrum: Genscher und Helmut Kohl.

[ Aus: Ewald König, „Menschen, Mauer, Mythen“, Mitteldeutscher Verlag]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.11.2014)