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Die Folgen einer Unabhängigkeit

BELGIUM EU SPAIN REGION
Proteste in BrüsselEPA
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Ein katalanischer Staat wird wohl nicht EU-Mitglied bleiben. Unklar ist, ob Katalonien überleben kann. Sicher ist, dass die Konsequenzen für Spanien verheerend wären.

Madrid und Barcelona streiten seit Jahren – sehr hitzig – darüber, ob die Katalanen über die Unabhängigkeit abstimmen dürfen oder nicht. Eine sachliche Debatte über die Folgen kam bisher zu kurz. „Wie ein selbstständiges Katalonien konkret aussehen soll, wird nur am Rand thematisiert. Detaillierte Szenarien landen nicht auf den Titelseiten“, beklagt Paul Freudensprung, österreichische Eventmanager in Barcelona. Hier einige zentrale Fragen:


• Bleibt Katalonien in der EU? Das ist offen: Die EU-Kommission warnte, dass ein unabhängiges Katalonien nicht automatisch EU- (und Euro-)Mitglied bleiben würde. Die Katalanen müssten sich neu bewerben, für einen Beitritt ist grünes Licht aller EU-Staaten notwendig. Spanien würde vermutlich mit Nein stimmen. Durch die unilaterale Unabhängigkeitserklärung – und die Konfrontation mit Madrid – droht ein riskanter politischer Schwebezustand. Die Regierung in Barcelona argumentiert hingegen, dass es in den EU-Verträgen keinen Passus über einen automatischen EU-Ausschluss gebe. Es gehe also nicht um rechtliche, sondern um politische Fragen. Vor vollendeten Tatsachen gestellt, werde Brüssel einlenken. Victor Terradellas Regierungspartei CiU sieht in den Warnungen aus Brüssel nur „abschreckende Rhetorik“. Niemand habe ein Interesse an einem Katalonien außerhalb der EU. Auch Spanien werde wegen der engen Handelsverflechtungen schließlich die Abspaltung akzeptieren. Ein Ausschluss aus EU und Euro würde auch Madrid hart treffen: Ein Großteil der Exporte in die EU gehe durch Katalonien, „Zölle wird Madrid nicht verkraften“. Brüssel werde „in einer Übergangsphase“ wohl vermitteln müssen.


Würde Katalonien überleben? Auch hier gehen die Meinungen auseinander. Internationale Banken wie JP Morgan und UBS warnen vor „katastrophalen Auswirkungen“, die sich auch aus dem EU- und Euro-Austritt ergeben würden. Da Katalonien nicht mehr vom Binnenmarkt profitieren und keinen Zugang zu Finanzierungen durch EU und Zentralbank hätte, drohe ein Rückgang des BIPs von bis zu 20 Prozent. Angesichts der unsicheren Lage würden vermutlich internationale Firmen die Region verlassen: 2013 investierten diese 3,5 Mrd. Euro in Katalonien. Weiterer Unsicherheitsfaktor ist der Anteil der Schulden, den Katalonien von Spanien übernehmen müsse. Die prospanische Societat Civil Catalan warnt gar vor einem Kollaps: Der Handel mit Spanien würde um 45 Prozent zurückgehen, der mit EU-Ländern um ein Viertel, die Arbeitslosigkeit steigen.Die deutsche DZ-Bank ist optimistischer. Die Region sei dank der im Vergleich zu Spanien höher entwickelten Industrie (Automobil-, Pharma- und Chemiebranche) „durchaus überlebensfähig“. Ein Austritt aus EU und Eurozone wäre ein Rückschlag, aber kein Drama: Katalonien könne etwa der europäischen Freihandelszone Efta beitreten.


• Würde Spanien überleben? Experten sind sich einig, dass der Verlust Kataloniens verheerende Folgen hätte: Obwohl die Katalanen nur 16 Prozent des Bevölkerungsanteils stellen, erwirtschaften sie ein Fünftel des BIPs und 38 Prozent der Exporte. Wichtige Unternehmen wie Gas Natural, Mango oder Caixabank sind hier beheimatet. 39 Prozent aller internationalen Firmen in Spanien befinden sich in der Region. Die Abspaltung könnte das Euro-Problemland, das gerade mühsam wieder wirtschaftlich auf die Beine kommt, zurück in die Krise stürzen: Die Trennung würde Investoren abschrecken – und sich auf Staatsanleihen auswirken, warnt Moody's. Und es drohe ein Dominoeffekt: Den Katalanen könnten bald die Basken folgen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.11.2014)