Erfolgshungrige Wölfinnen in Neulengbach zu Gast

Bei den Wolfsburgerinnen wird Jubel langsam zur Gewohnheit: Im Mai verteidigten sie als erstes deutsches Team den Champions-League-Titel.
Bei den Wolfsburgerinnen wird Jubel langsam zur Gewohnheit: Im Mai verteidigten sie als erstes deutsches Team den Champions-League-Titel.Imago
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Nur elf Jahre nach der Gründung zählt Wolfsburgs Frauenfußballteam zu Europas absoluter Spitze. Heute ist der Titelverteidiger der Champions League bei Neulengbach zu Gast.

Der Name ist ein in der Fußballwelt bekannter, die Titelsammlung der vergangenen Jahre umfasst alles, was es im Frauenfußball zu gewinnen gibt. Mit dem VfL Wolfsburg kommt heute (14 Uhr) im Achtelfinalhinspiel der Champions League der derzeit beste Klub Europas ins Wienerwaldstadion von Österreichs Serienmeister Neulengbach. Die Deutschen reisen nicht nur als amtierender Meister und Tabellenführer, sondern auch als Titelverteidiger der Königsklasse an. Was Bayern München und allen anderen Männerteams bislang verwehrt geblieben ist, ist den Wolfsburgerinnen vergangenen Mai als erstem deutschen Klub gelungen: In Lissabon wiederholten sie ihren Champions-League-Sieg von 2013. In der Eliteliga ist Wolfsburg überhaupt so gut wie unantastbar. Seit der Premiere vor zwei Jahren ging von 20 Spielen nicht ein einziges verloren.

Die Wolfsburger Erfolgsgeschichte ist eine imposante und gleichzeitig eine sehr junge. Erst vor elf Jahren wurde beim deutschen Bundesligisten die Frauenabteilung ins Leben gerufen, nach einem Ab- und sofortigem Wiederaufstieg (2006) folgte vor vier Jahren die Neuaufstellung. „Alles, was der VfL Wolfsburg macht, muss als Ziel den Erfolg haben und zwar den maximal möglichen. Diesen Anspruch haben wir auf die Frauen übertragen“, erklärt Geschäftsführer Thomas Röttgermann im Gespräch mit der „Presse“.


Im Eiltempo nach oben. Als einer von drei Geschäftsführern ist Röttgermann seit 2010 für die Frauenabteilung verantwortlich und bei den Herren für Vertrieb, Sponsoring und Infrastruktur zuständig. „Wir als Verein wollen Fußball komplett anbieten. Dazu zählt unverzichtbar auch der Frauenfußball“, betont der 54-Jährige. Gemeinsam mit dem Trainer und Sportlichen Leiter, Ralf Kellermann, wurde vor vier Jahren die Basis erarbeitet, um „dauerhaft Höchstleistungen zu zeigen“. Dass das Konzept derart schnell Früchte tragen würde, kam überraschend. Bereits 2013 beendete Wolfsburg die zwölf Jahre dauernde Herrschaft von Potsdam und Frankfurt und krönte sich mit dem Triple aus Meisterschaft, Cup und Champions League. Vergangene Saison sicherte man sich in Liga und Königsklasse erneut den Titel. „Ich wäre keine Wette eingegangen, dass der Erfolg so schnell eintritt. Aber dass er eintritt, dafür hätte ich mich schon ziemlich weit aus dem Fenster gelehnt“, bekennt Röttgermann. Mit dem Erfolg kamen auch die Zuschauer: Vergangene Saison wurde mit 12.464 Zuschauern in der Partie gegen Frankfurt nicht nur ein neuer Ligarekord aufgestellt, auch der Schnitt von 2933 Besuchern war der höchste aller zwölf Teams. Ein neues Stadion wird bereits gebaut, die Eröffnung erfolgt 2015.

Unkenrufe der Konkurrenz, dass der kometenhafte Aufstieg einzig den finanziellen Zuwendungen von Hauptsponsor VW zu verdanken sei, weist Röttgermann entschieden zurück: „Es ist immer einfach, einen Klub, der sich schnell entwickelt, durch Fehlinformationen in Misskredit zu bringen.“ Genaue Zahlen zum Budget will der Geschäftsführer nicht preisgeben, doch sei dieses nicht höher als das der Mitstreiter. „Wir haben einen großen Vorteil gegenüber reinen Frauenvereinen: Wir haben durch den Männerfußball bereits eine Infrastruktur. Das kostet uns aber kein zusätzliches Geld.“ Ebenso wenig wurden Topspielerinnen mit Traumgagen nach Wolfsburg gelockt. Vielmehr gebe das Gesamtpaket aus sportlicher Erfolgsaussicht, beruflicher Absicherung und solider Vereinsstruktur den Ausschlag. „Bei uns finden die Spielerinnen ein Leistungsumfeld vor, in dem sie ihre persönlichen und sportlichen Zielsetzungen erreichen können.“

Wolfsburgs Leistungsträgerinnen zählen inzwischen auch im DFB-Team zum Stammpersonal. Für die Zukunft wurde mit einem eigenen Nachwuchsinternat vorgesorgt. „Wir sind im Frauenfußball noch nicht so professionell wie bei den Männern, aber die Entwicklung eigener Spielerinnen ist für uns ein ganz wichtiges Standbein“, sagt Röttgermann. Noch steht das Scouting allerdings am Anfang, weshalb sich die Suche vorerst auf Deutschland konzentriert.


Noch viel Potenzial. Obwohl Deutschland im Frauenfußball gemeinsam mit den USA und den skandinavischen Ländern eine Vorreiterrolle einnimmt, ist man in Wolfsburg überzeugt, dass das volle Potenzial noch längst nicht ausgeschöpft wird. „Der Frauenfußball muss die Möglichkeiten, die er hat, konsequent nutzen“, sagt Röttgermann. Das erklärte Ziel lautet mehr und eine selbstbewusstere mediale Präsenz, nur dann könne die Identifikation mit Teams und Einzelspielerinnen abseits der Stadienbesuche gelingen. Ein etablierter Vereinsname kann sich dabei freilich als hilfreich erweisen, doch bislang stellen neben Wolfsburg nur Bayern München, Leverkusen, Hoffenheim und Freiburg auch ein Frauenteam in der Bundesliga. Dabei sind die Synergien groß, könnten neue Fans und Sponsoren generiert werden. „Ein reiner Fußballverein, der sich an die gesamte Bevölkerung richten will, tut gut daran, auch das Thema Frauenfußball zu integrieren“, meint Röttgermann. Zumal dieser schon jetzt ein gewinnbringendes Geschäft sei. „Der Nutzen für den Sponsor und die Erlöse sind deutlich höher als die Aufwendungen.“

Den ewigen Vergleich zwischen Frauen- und Männerfußball erachtet Röttgermann nicht für sinnvoll. „Wer glaubt, dass Frauenfußball die Popularität des Männerfußballs erreichen wird, ist auf dem Holzweg.“ Zu groß sei der Vorsprung der Männer in Sachen Professionalität und Anhängerbindung. Nichtsdestotrotz hat auch der Frauenfußball rosige Zukunftsaussichten. „Fußball allgemein fesselt die Menschen und er wird sich immer weiterentwickeln.“

Zahlenspiel

11Jahre
ist die Gründung der Frauenabteilung beim VfL Wolfsburg her. Damals trat das Team des WSV Wolfsburg geschlossen über. 2005 erfolgte der Abstieg aus der Bundesliga, doch gelang der sofortige Wiederaufstieg.

5Titel
wurden in den letzten beiden Jahren gewonnen: zweimal die Champions League und die deutsche Meisterschaft sowie einmal der Cup.

2933Zuschauer
besuchten in der vergangenen Saison im Schnitt die Heimspiele – der Topwert der Liga. Mit 12.464 Fans im Spiel gegen Frankfurt wurde zudem ein neuer Rekord aufgestellt. 2015 wird das neue Stadion eröffnet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.11.2014)

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