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Initiative Global Watch: "Rassismus ist ein Monster"

WIEN: POLIZEI-GROSSEINSATZ NACH ABGEBROCHENEM EM-QUALIFIKATIONSSPIEL
WIEN: POLIZEI-GROSSEINSATZ NACH ABGEBROCHENEM EM-QUALIFIKATIONSSPIELAPA/HELENA MANHARTSBERGER
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Ein Freiheitskämpfer, der Seite an Seite mit Nelson Mandela kämpfte, hat eine Initiative gegen Rassismus und Diskriminierung ins Leben gerufen.

Stellung beziehen, Nein sagen zum Rassismus, ganz im Sinn von Nelson Mandela: Tokyo Sexwale, ein Freiheitskämpfer, der Seite an Seite mit Mandela gekämpft hat, hat das erste globale Gipfeltreffen der Sportwelt gegen Rassismus und Diskriminierung ins Leben gerufen.

Am 20. und 21. November wird in Johannesburg die Initiative Global Watch eine globale Charta sowie ein Barometer zur Bekämpfung des Rassismus in allen Sportarten lancieren.

 

Herr Sexwale, wie viel Nelson Mandela steckt in Global Watch?

Tokyo Sexwale: Wir betrachten diese Initiative weitgehend als Vermächtnis Nelson Mandelas im Kampf um eine friedliche und prosperierende Welt ohne Rassendiskriminierung. Natürlich lassen wir uns von seinem berühmten Zitat zu diesem Thema inspirieren: „Der Sport hat die Kraft, die Welt zu verändern. Er hat die Kraft, zu inspirieren. Er hat die Kraft, Menschen zu vereinen, wie das sonst nur wenige Dinge können. Er spricht die Jugend in einer Sprache an, die sie versteht. Der Sport kann Hoffnung wecken, wo zuvor Verzweiflung war. Er ist mächtiger als Regierungen, wenn es darum geht, Rassenschranken niederzureißen. Er lacht jeglicher Art von Diskriminierung ins Gesicht!“

 

War Mandela begeistert von dieser Initiative?

Wir haben Madiba, wie wir ihn nennen, lang vor seinem Hinscheiden davon in Kenntnis gesetzt, denn er wusste über die Fifa-Kampagne aus dem Jahr 2006 zur Bekämpfung von Rassismus und Diskriminierung Bescheid. Gemeinsam haben wir die Entscheidung getroffen, gegen den Rassismus zu kämpfen – nicht nur im Sport, sondern überall auf der Welt. Wenn wir uns nur auf den Fußball konzentrieren, entsteht der Eindruck, Rassismus sei ein Fifa-Problem. Das ist falsch. Auch in Motorsport, Rugby, Cricket, Basketball, Volleyball, Tennis und in anderen Sportarten fallen Menschen diesem Übel zum Opfer. Das Problem ist viel weitreichender. Der Rassismus ist ein gesellschaftliches Problem. Er ist wie ein Monster, das versucht, den Sport zu unterwandern. Der Rassismus ist nicht aus dem Sport hervorgegangen, aber er kann ihm auf jeden Fall großen Schaden zufügen. Wenn wir nicht aufstehen, sondern zulassen, dass Rassismus den Sport überwältigt, dann werden wir zu einem Leben in einer feindseligen Welt verdammt sein.

 

Es gibt zahlreiche Initiativen und Institutionen, die sich deutlich gegen Rassismus positionieren. Worin unterscheidet sich Global Watch davon?

Sie alle finden unseren Beifall. Das Europaparlament, die Vereinten Nationen, die Fifa, das IOC und andere haben allesamt Erklärungen zur Bekämpfung des Rassismus im Sport und im Fußball abgegeben, die wir uns angeschaut haben. Mit dem Internationalen Tag zur Beseitigung der Rassendiskriminierung am 21. März hat die Fußballgemeinde noch einmal untermauert, wie wichtig es ist, den Rassismus auszuradieren. Bislang gibt es keine globale, zentralisierte und abgestimmte Führung in diesem Kampf, der den gesamten Sport betrifft. Das ist es, was fehlt und was Global Watch bieten wird. Das ist der Unterschied.

 

Sie fangen aber nicht bei null an, oder?

Nein, ganz sicher nicht. Wir werden auf der guten Arbeit und dem langjährigen Engagement vieler großer und kleiner Organisationen und Einzelpersonen auf der ganzen Welt aufbauen. Global Watch selbst ist aus der Kampagne „Sag Nein zum Rassismus“ im Fußball hervorgegangen, die während der WM 2006 in Berlin von der Fifa lanciert wurde. Schon damals war ich der Ansicht, dass ein Dreh- und Angelpunkt, eine Dachorganisation, eine Plattform zur Bekämpfung des Rassismus erforderlich ist. Es wurde vorgeschlagen, dass die Südafrikaner bei dieser Initiative die Führung übernehmen sollten. Das erste Gipfeltreffen von Global Watch im November in Johannesburg zielt nun darauf ab, basierend auf einer Reihe von Grundprinzipien, einen Leitplan zur Bekämpfung von Rassismus und Diskriminierung im Sport ins Leben zu rufen. Außerdem wollen wir nationale Gipfeltreffen anregen, an denen für die einzelnen Länder nationale Verhaltensregeln verabschiedet werden können. Darüber hinaus werden wir eine globale Charta und ein globales Barometer lancieren.

Was verstehen Sie darunter?

Bei der globalen Charta, die den Vereinten Nationen zur Verabschiedung vorgelegt werden soll, handelt es sich um ein kurzes Dokument mit allen Verhaltensregeln für den gesamten Sportbereich. Diese Charta wird mithilfe eines Barometers überwacht. Es gibt zahlreiche Barometer zu Armut, Gesundheit, Wohlstand, Korruption und diversen anderen Dingen. Es gibt jedoch noch kein Barometer zu Rassismus im Sport. Beim Barometer von Global Watch handelt es sich um einen Index, an dem sich ablesen lässt, welchen Ländern die Ausmerzung des Rassismus in den einzelnen Sportbereichen ein ernstes Anliegen ist. Damit wird die Einhaltung der Charta Land für Land überwacht und die höchstmögliche Transparenz und Glaubwürdigkeit des Verfahrens sichergestellt. Dieser Index soll von einem international anerkannten und unabhängigen Gremium in Form eines jährlich veröffentlichten Berichts erstellt werden. Unter anderem wird die Mandela-Stiftung das Barometer für Global Watch verwalten.

 

Sie haben die Ernennung von Carlo Tavecchio zum neuen Präsidenten des italienischen Fußballverbands kritisiert. In seiner Rede über den Zustrom ausländischer Spieler nach Italien sagte Tavecchio wörtlich: „Hier bekommen wir Opti Poba, der zuvor Bananen gegessen hat und dann plötzlich in der ersten Mannschaft von Lazio spielt.“ Wo wird Italien auf dem Barometer von Global Watch landen?

Lassen Sie mich vorwegnehmen, dass sich Global Watch – ganz im Sinn von Mandela – entschieden der Versuchung widersetzen wird, die Charta oder das Barometer für Rachezwecke zu missbrauchen. Wir werden immer sehr vorsichtig und einfühlsam sein, denn unangebrachte Beschuldigungen können Leben zerstören. Allerdings wurde durch die Kommentare dieses Gentleman, falls sie so stimmen, Öl ins Feuer gegossen – insbesondere, weil sie jungen und unschuldigen Menschen galten. Da wird ein vollkommen falsches Signal ausgesendet. Menschen wie Nelson Mandela, Joseph Blatter, Beckenbauer, Pelé und viele andere sind sich darin einig, dass im Kampf gegen den Rassismus eine Null-Toleranz-Strategie gefahren werden muss. Der italienische Fußball hat sich mit der Wahl dieses Herrn daher in eine Situation gebracht, die intensive Überprüfungen erfordert.

 

In Italien gab es in jüngster Zeit eine Reihe rassistischer Zwischenfälle. Ex-Milan-Spieler Kevin-Prince Boateng verließ während eines Freundschaftsspiels aus Protest über rassistische Beschimpfungen den Platz. Mario Balotelli ist noch immer Opfer rassistischer Gesänge. Ist das Verlassen des Platzes eine angemessene Reaktion?

Wir erinnern uns daran, was Balotelli passiert ist und dass seine Geste viele Fragen aufgeworfen hat. Das Verlassen des Platzes ist zwar verständlich, sollte jedoch nicht gefördert werden, da es den Menschen in die Hände spielen könnte, die den Sport zerstören wollen. Rassisten werden feiern, während echte Fans die Leidtragenden sind. Gleichzeitig bin ich aber auch nicht immer mit Regeln und Richtlinien einverstanden, die besagen, dass ein Spieler, der unter solchen Umständen das Spielfeld verlässt, mit einer Geldbuße belegt oder gesperrt werden kann. Die Verbände und zuständigen Organisationen müssen auch die Umstände in Betracht ziehen. Ich kann verstehen, dass solch ein Spieler den Platz verlassen möchte. Rassistische Beschimpfungen verletzen die Seele und nehmen die Lust am Spiel.

 

Das U21-Team von Manchester City hat in der Partie gegen HNK Rijeka in Novigrad das Spielfeld verlassen. Im Anschluss veröffentlichte Global Watch eine Stellungnahme, in der der Mut der Nachwuchsspieler gelobt wurde.

Diese jungen Männer haben ihre moralische Haltung mit Stärke und Mut zum Ausdruck gebracht. Aber wir müssen ihnen dennoch weiterhelfen. Wie ich bereits sagte, ist das Verlassen des Spielfelds ein Akt der Verzweiflung. Es muss ein Organ geben, das für diese Menschen einsteht. Und an dieser Stelle kommt Global Watch ins Spiel – um Sportfunktionäre und Administratoren von Aufgaben zu entbinden, die nicht zu ihrem Kerngeschäft gehören und sie von ihrem eigenen Fachgebiet wegführen. Wir sind da, um aufzuklären, vorzubeugen, zu überwachen, zu sensibilisieren, und wenn es nötig ist, können Bestrafungen eingefordert werden.

 

Balotellis Teamkamerad Ciro Immobile sagte, 2014 sollten wir eigentlich nicht mehr über Rassismus reden müssen.

Ich wünschte, das wäre der Fall. Die Ausmerzung dieses Übels ist ein langer Weg. Unser Ziel ist es, den Rassismus im 21. Jahrhundert zu beseitigen. Es gibt noch viel zu tun. Ich erinnere noch einmal an Boatengs Worte vor den Vereinten Nationen. Er sagte: „Rassismus geht nicht weg wie Kopfschmerzen. Er ist eher mit Malaria zu vergleichen. Er ist ansteckend und breitet sich aus.“ Global Watch wird dieses Übel auf dem Spielfeld und in der Gesellschaft als Ganzes bekämpfen. Wir müssen gegen die Ursachen vorgehen. Wir müssen geeignete wirkungsvolle Maßnahmen ergreifen, gewissermaßen eine Medizin verabreichen, ohne dabei den gesamten Körper zu zerstören.

 

Fifa-Präsident Joseph Blatter sagte, Fußballverbände sollten verstärkt von ihrem Recht Gebrauch machen, Klubs zu sperren und Punkteabzüge vorzunehmen, statt Geldstrafen zu verhängen.

Blatter hat vollkommen recht. Die Fifa hat eine Resolution verabschiedet, und wir haben uns beim Fifa-Kongress auf Mauritius auf Sanktionen geeinigt. Mit Sanktionen allein werden wir den Rassismus allerdings nicht besiegen. Dazu ist mehr erforderlich. Rassisten müssen den Druck zu spüren bekommen. Wir müssen sie mit allen erdenklichen Mitteln unter Druck setzen, sonst wird nichts passieren. Derzeit hat Blatter weltweit die Führung übernommen und dem Rassismus die Rote Karte gezeigt. Viele andere müssen sich ebenfalls deutlicher positionieren. Leere Stadien stellen nicht unbedingt die geeignetste Strafe dar. Damit bestraft man möglicherweise 20.000 bis 80.000 Menschen oder sogar noch mehr. Sollen Tausende leiden, weil ein Dummkopf eine Banane geworfen oder eine kleine Gruppe sich die Gesichter angemalt und Affengesänge angestimmt hat? Man sollte den Bananenwerfer ausfindig machen und aus dem Stadion verbannen, aber sicher nicht alle Zuschauer. Zwangsabstieg ist ebenfalls heikel. Und was ist, wenn die Person, die die Banane auf den Platz wirft, dafür bezahlt wurde?

 

Bayern München wurde wegen eines homophoben Banners im Viertelfinale der Champions League gegen Manchester United mit einem Teilausschluss der Fans bestraft.

So viel ich weiß, hat man dem Rassismus in Deutschland die Rote Karte gezeigt und ganz eindeutig Stellung gegen Diskriminierung bezogen. Ich finde, Deutschland ist heute viel intoleranter, was Rassismus angeht. Meiner Ansicht nach hat Franz Beckenbauer als LOK-Vorsitzender bei der WM eine ganz besondere Rolle dabei gespielt. Deutschland hat die Welt 2006 mit einer hervorragenden Botschaft zu sich eingeladen: „Die Welt zu Gast bei Freunden“. Ich erinnere mich noch daran, wie wir in Berlin gemeinsam im Stadion standen und die Kampagne „Sag Nein zum Rassismus“ lanciert haben. Ist das nicht paradox? Da standen wir nun, 70 Jahre später, in demselben Stadion, in dem Hitler bei den Olympischen Spielen von 1936 der Welt seine schreckliche Theorie von der Herrenrasse beweisen wollte – aber dieses Mal haben wir uns dort im Kampf für das Gute vereint!

 

Sind wir im Sport noch zu zurückhaltend beim Ergreifen geeigneter Maßnahmen?

Schauen Sie, was mit Donald Sterling, dem Besitzer des Basketballteams der Los Angeles Clippers, passiert ist. Nachdem die Aufzeichnungen der rassistischen Aussagen Sterlings aufgetaucht waren, hat der NBA-Verantwortliche Adam Silver ihn lebenslang gesperrt. Dann wurde er gezwungen, seine Anteile am Team zu verkaufen. Sterling ist Milliardär, ein sehr mächtiger Mann, nicht nur ein Bananenwerfer. Dennoch wurde sehr strikt mit ihm umgegangen. Wir bewundern die ausgesprochen schnelle, gerechte und entschiedene Vorgehensweise der NBA. So etwas würden wir gern häufiger sehen – selbstverständlich nach einer ordnungsgemäßen und eingehenden Untersuchung.

 

Barcelonas brasilianischer Verteidiger Daniel Alves wurde dafür gelobt, dass er auf einen Bananenwurf beim 3:2-Sieg gegen Villarreal am 27. April reagierte, indem er die Banane einfach aß. Später trat er sogar dafür ein, dass der Bananenwerfer, der ein weltweites Aufbegehren gegen Rassismus ausgelöst hatte, seinen Job wiederbekommen sollte, den er Berichten zufolge aufgrund des Zwischenfalls bereits verloren hatte.

Das Beispiel von Dani Alves zeugt von Reife. So sollte die Welt reagieren. Diese Art der Reaktion ist auch ganz im Sinn Nelson Mandelas. Alves ist ein Opfer, das Mitgefühl für andere empfindet. Ich habe immer betont, dass wir im Kampf gegen Rassismus Führungspersönlichkeiten, Kämpfer, starke Menschen brauchen. Sie müssen mit gutem Beispiel vorangehen, und Alves hat bewiesen, dass er zu diesen Menschen gehört. „Wenn Alves ein Affe ist, dann sind wir alle Affen.“ Das hat Neymar damals gesagt. Hervorragende Haltung von Barcelona, sich dahinterzustellen! Wir haben ihnen allen damals gesagt: „Gut gemacht, Gentlemen!“ Ihr Aufruf zum Handeln ist Bestandteil der Aufklärung, die unsere Initiative leisten will. Ich betone noch einmal, dass es Global Watch nicht darum geht, Rache zu üben. Uns geht es nicht darum, Menschen zu zerstören. Wir möchten die Menschen aufklären. Wir möchten eine bessere Gesellschaft schaffen.

 

Gibt es denn Sanktionen, die richtig sind?

Darüber werden wir auf diesem Gipfel sprechen. Die Fifa hat beispielsweise schwere Sanktionen verhängt, als Südafrika aufgrund des rassistischen und diskriminierenden Apartheid-Systems 1964 gesperrt und 1976 ausgeschlossen wurde. Unsere Hauptziele sind Aufklärung und Sensibilisierung sowie Überwachung und Prävention. Sanktionen und Strafen sollten nur das letzte Mittel sein.

Gipfel

IM SINN VON NELSON MANDELA. Der Global-Watch-Gipfel findet am 20. und 21. November in Johannesburg statt. Global Watch ist ein Vermächtnis von Nelson Mandela. Mandela starb am 5. Dezember 2013 im Alter von 95 Jahren. „Der Sport hat die Kraft, die Welt zu verändern.“ So lautet die Botschaft, die zu seinem Vermächtnis geworden ist. Die Initiative Global Watch ist ein Gemeinschaftsprojekt der Mandela-, Doha-Goals- und Sexwale-Stiftungen.

Mehr unter: www.nelsonmandela.org

www.globalwatch-racism.org
APA

Steckbrief

1953
wurde Mosima Gabriel „Tokyo“ Sexwale in Johannesburg geboren.

In den 1970er-Jahren
kämpfte er mit Nelson Mandela gegen die Apartheid in Südafrika und musste für 13 Jahre ins Gefängnis. In der Folge blieb er der Politik mit kurzer Auszeit treu.

1998
gründete er die Firma Mvelaphanda Holdings und stieg zum drittgrößten Diamantenhändler der Welt auf. Zudem unterstützt er vielfältige soziale Engagements.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.11.2014)