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Drogenküchen: "Breaking Bad" made in Austria

Seit 2011 dürfte hier Crystal-Meth in großem Stil produziert worden sein.
Seit 2011 dürfte hier Crystal-Meth in großem Stil produziert worden sein.Stanislav Jenis
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Ein Chemieprofessor produziert Crystal Meth – ein Stoff für eine erfolgreiche amerikanische TV-Serie. Doch die Polizei stößt nun auch in Österreich immer häufiger auf Drogenlabors.

Schlussendlich hat der verstopfte Kanal sie verraten. Die braune Brühe, die daraus auf die Straße gelaufen ist. Es war das zweite Mal in diesem Jahr, dass der Kanalinhalt aus den Rohren getreten ist. Und noch einmal wollten die Bewohner im kleinen Ort Hirschenwies in Niederösterreich, nahe der tschechischen Grenze, die Sache nicht auf sich beruhen lassen. Also hat die Bürgermeisterin eine Anzeige erstattet und die Kläranlage informiert. Schon davor hatten die Nachbarn komische Gerüche wahrgenommen, die aus ihren Toiletten stiegen. Der Geruch von Chemikalien – in einem Ort mitten im Grünen. An Drogen dachte da freilich noch niemand.

Fast wären sie der Polizei auch noch entkommen. Er sei Maler und arbeite viel mit Terpentin, bekam die Polizei von einem der Männer in dem Haus zu hören, als sie im September 2014 vor der Tür stand. Das passte zu dem Bild, das man von den zwei seltsamen Männern im Ort hatte. Einer sei freischaffender Künstler, erzählte man sich. Die Wende brachten schließlich die 400 Gramm Crystal Meth, die die Beamten bei der anschließenden Hausdurchsuchung fanden. Am Ende hatte die Polizei 1125 Liter der Chemikalie Toluol, 15.000 ephedrinhältige Tabletten, mehrere Waffen sowie verschiedene Chemikalien sichergestellt. Es ist das bisher größte Drogenlabor, das die Polizei jemals in Österreich ausgehoben hat.

Seit dem weltweiten Erfolg der Serie „Breaking Bad“ ist Crystal Meth in aller Munde. Der Chemieprofessor Walter White finanziert sich darin durch das Produzieren und Dealen mit der Designerdroge sein Leben. Doch während die Serie 2013 zu Ende gedreht wurde, fängt in Österreich das Problem mit Crystal Meth erst richtig an. Seit 2010 konnte die Polizei ein exponentielles Wachstum der Crystal-Meth-Delikte verzeichnen. Konnten 2012 noch 3,5 Kilo an Crystal Meth sichergestellt werden, waren es 2013 schon 7,4 Kilo. Vor allem die beiden Bundesländer Oberösterreich und Niederösterreich werden mit der Droge überschwemmt. Was auch mit ihrer geografischen Lage zu tun hat. Crystal Meth (das offiziell Methamphetamin heißt) wird oft in Tschechien hergestellt und dann in Österreich verkauft. 338 dieser böhmischen Küchen, wie man solche Drogenlabors umgangssprachlich nennt, wurden laut UN World Drug Report 2013 in Tschechien ausgehoben (vorwiegend in den Regionen Süd- und Nordböhmen). Von insgesamt 350 europaweit.

Besser zu Hause kochen.Doch mittlerweile zeichnet sich eine neue Entwicklung ab. So entdeckt die Polizei immer häufiger auch in Österreich kleine Suchtmittellabors, in denen Crystal Meth und andere Drogen produziert werden. Offizielle Zahlen gibt es dazu zwar noch nicht, aber „die Zahl der Crystal-Meth-Küchen nimmt auf jeden Fall zu“, sagt Markus Ölzant vom Landeskriminalamt Niederösterreich, Ermittlungsbereich Suchtgiftkriminalität.

So konnte die Polizei – abgesehen vom Labor in Hirschenwies – im Frühjahr ein Drogenlabor in Frankenmarkt aufdecken, in dem ein 22-Jähriger mit Chemikalien experimentiert hat, ein Crystal-Meth-Labor in Amstetten auflösen und erst Anfang Oktober einen Drogenring im oberösterreichischen Bezirk Rohrbach ausheben. Rund um ein Ehepaar im kleinen Ort Ulrichsberg (mit dem Auto gerade einmal zehn Minuten von der tschechischen Grenze entfernt) hat eine größere Schmugglerbande jahrelang Crystal Meth, LSD und Speed von Tschechien nach Oberösterreich geschmuggelt. Das Ehepaar betrieb weiters ein kleines Labor in Ulrichsberg, wo die Polizei nicht nur eine große Cannabisplantage fand, sondern auch Chemikalien für Drogenexperimente. Mit ihnen dürfte das Ehepaar unter anderem versucht haben, Cannabisöl herzustellen. Laut Polizei haben der 50-jährige Mann und die 30-jährige Frau mit dem Verkauf der Drogen ihre eigene Sucht finanziert. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Warum nun auch in Österreich vermehrt Crystal Meth produziert wird, darüber kann die Polizei nur mutmaßen. „Wenn jemand in Tschechien Crystal Meth kauft, dann weiß er halt nicht, was drinnen ist. Da werden sich einige denken: Ich produziere für mich selbst und für andere mit und finanziere so meine Sucht“, sagt Kriminalist Ölzant.

Denn die Droge ist verhältnismäßig leicht herzustellen. 15 bis 20 Quadratmeter reichen schon, um sich ein Labor einzurichten. Schlüsselzutat ist Ephedrin oder Pseudoephedrin, das auch in manchen Tabletten (ebenso in Hustensäften) enthalten ist. Da große Mengen solcher ephedrinhaltigen Medikamente in Österreich schwer erhältlich sind, schmuggeln viele Drogenköche die Tabletten aus Tschechien oder der Slowakei ins Land. Danach wird unter Beihilfe von Chemikalien (Jodwasserstoff, roter Phosphor, Salzsäure etc.) die Droge hergestellt. Damit das unbemerkt bleibt, verwenden die Köche Kohlefilter, die die Gerüche weitgehend eindämmen.

Land und Stadt. Die Polizei vermutet Drogenlabors daher nicht nur in abgelegenen Grenzgebieten, sondern auch mitten in der Stadt. Ende 2013 wurden zwei Linzer festgenommen, die auf ihrer Terrasse Crystal Meth herstellten.

Anders in Hirschenwies: Um den Ort mit den gerade einmal rund 100 Einwohnern zu erreichen, fährt man stundenlang durch Wald und Wiesen. Hirschenwies selbst besteht aus idyllischen Einfamilienhäusern, deren Dächer zwischen den Hügeln hervorleuchten. Bekannt ist der Ort durch das nahe Moorbad Harbach, zu dem die Gemeinde auch gehört. Hirschenwies hat keine Schule und keinen Supermarkt, auch keine Kirche. Die jungen Leute im Ort wandern ab. Wer hier wohnt, ist entweder schon in Pension oder hat einen Zweitwohnsitz. Wiener, Burgenländer, Oberösterreicher verbringen hier ihren Lebensabend. Man kennt sich, und irgendwie auch wieder nicht. „Fast alle hier sind alt“, erzählen zwei Frauen, die sich über den Gartenzaun unterhalten. Die beiden Männer seien nie im Ort aufgetaucht, nur hin und wieder habe man vor dem Haus ein Auto gesehen.

Mittlerweile weiß man: Der ältere (52) kommt aus Amstetten, der jüngere (47) aus Melk. Einer von ihnen war in Frühpension, der andere – ein Fleischer – arbeitslos. Sie hatten das winzige Haus, das etwas versteckt auf einer Anhöhe hinter Bäumen steht, von seiner Besitzerin (die nicht im Ort wohnt) gemietet. Mit den Drogen dürften sie ihr Leben finanziert haben.

Dass etwas mit dem Haus nicht stimmen könnte, haben die Nachbarn aber schon länger vermutet, denn: Die beiden Männer seien immer in der Nacht gekommen und vor dem Morgengrauen wieder gefahren. Ein BMW und ein Geländewagen seien dann vor der Türe gestanden. „Und wir haben noch geredet: Die werden doch wohl nicht wie in Amstetten jemanden im Keller versteckt haben“, erzählt eine Frau aus dem Ort. Auf Drogen wäre niemand gekommen. Die beiden Männer hätten den Kontakt zu anderen gescheut. Einmal wollte ein Nachbar die Schneeschaufel ausborgen, da wäre einer der beiden Männer richtig aggressiv geworden, erzählt sie.

Bis zu 80 Prozent Reinheitsgehalt. Erst der verstopfte Kanal brachte den Fall im September 2014 ins Rollen. Die beiden hatten Chemikalien und Kohlefilter offenbar jahrelang in der Toilette entsorgt. Irgendwann machte das der Kanal nicht mehr mit.

Dabei waren sie auf ihrem Gebiet echte Profis. Bis zu 80 Prozent reines Crystal Meth hätten sie produziert. Normal sei ein Reinheitsgrad von 30 bis 40 Prozent, sagt Polizist Ölzant. Die Tabletten für die Produktion haben sie über Bulgarien eingeführt. Die Lebensgefährtin des Melkers, eine Altenpflegerin, komme aus Bulgarien, sie wurde auf freiem Fuß angezeigt. 120 Gramm hätten die Männer mit einer Produktion hergestellt und das innerhalb von zwölf bis 16 Stunden. Überschlagsmäßig gerechnet, macht das bis zu 10.000 Euro pro Produktion. Derzeit sitzen die beiden in Untersuchungshaft. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Die hohen Gewinne beim Verkauf von Crystal Meth dürften schlussendlich auch der Grund dafür sein, dass derzeit in Österreich (übrigens ebenso in Deutschland) so viel von der Droge verkauft wird. „Der Erlös wirft für die Beteiligten mehr ab“, sagt Erwin Pilgerstorfer, Leiter der Einsatzgruppe Nord in Oberösterreich. Oberösterreich hat im vergangenen Jahr die Einsatzgruppe gegründet, um mit der tschechischen Polizei besser zusammenarbeiten zu können. Mehrere grenzübergreifend agierende Drogenküchen und -banden konnten so seither ausgehoben werden.

Droge für Leistungsgesellschaft. Denn die Nachfrage nach Crystal Meth ist ungebrochen. Sozialarbeiter und Krankenhäuser schlagen schon längst Alarm ob der hohen Anzahl an Süchtigen, die sich dort melden. Crystal Meth zählt zu den Drogen, die besonders schnell und stark abhängig machen. Körper und Geist verfallen innerhalb kürzester Zeit. Eine Substitutionstherapie dafür gibt es nicht.

Trotzdem: „In einer Leistungsgesellschaft ist so etwas gut zu verkaufen“, sagt Pilgerstorfer. Crystal Meth wirkt aufputschend und euphorisierend. Und es ist auch für ältere Menschen attraktiv, weil es sexuell stimulierend wirkt. Zuletzt hatte Pilgerstorfer den Fall eines 60-Jährigen, der von Crystal Meth abhängig war. So etwas soll immer wieder vorkommen.

In Hirschenwies dürfte kein Crystal Meth verkauft worden sein. Im Ort ist wieder Ruhe eingekehrt. Nur die Kosten für den kaputten Kanal – die wollen die Einwohner nicht übernehmen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.11.2014)