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Mauerfall-Jubiläum: Magische Momente in Berlin

Zehntausende Berliner und Touristen aus aller Welt promenierten am Wochenende – wie hier im Regierungsviertel an der Spree – entlang der ehemaligen Grenze, die leuchtend weiße Ballons markierten.(c) REUTERS (PAWEL KOPCZYNSKI)
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Berlin im Zauber der Gedenkfeiern: Kerzen, Rosen und Ballons erinnerten an den Fall der Mauer. Kanzlerin Merkel war gelöst wie selten – trotz Aufflackerns der Debatte um den „Unrechtsstaat“ DDR.

Am Ende hatte sogar Claus Weselsky, der Buhmann der Nation mit dem unverkennbar sächsischen Idiom, ein Einsehen. Der Chef der Lokführergewerkschaft pfiff den Streik am Samstagabend vorzeitig ab, der Deutschland und seine Hauptstadt erneut tagelang ins Chaos gestürzt hatte. Die Züge rollten wieder in Berlin und dem Rest der Republik. Und so gingen an einem grau-trüben Sonntag die Gedenkfeiern zum 25. Jahrestag des Mauerfalls in Berlin weitgehend ungestört in Szene.

Zum stimmungsvollen Ausklang entschwebten am Abend 7000 weiße Ballons in den Nachthimmel. Eine symbolische Aktion, die die einst geteilte Stadt für ein November-Wochenende verzaubert hat wie ehedem die Verhüllung des Bundestags durch Christo. Berlin leuchtete und strahlte wie zu Weihnachten und sandte ein Signal an die Welt hinaus – ein magischer Kumbaya-Moment.

Begonnen hatten die Feierlichkeiten allerdings mit einer Dissonanz unter der Reichsratskuppel, mit einem vorhersehbaren Eklat im Plenum. Auf Einladung des Bundestagspräsidenten Norbert Lammert zupfte der Liedermacher Wolf Biermann ein wenig auf seiner Gitarre, ehe es, mit giftigem Blick an die Fraktion der Linkspartei, an die „Elenden“ und „Reaktionären“ gewandt, aus ihm herausbrach. „Drachenbrut“, spuckte er verächtlich aus, und in den Reihen der Linken breitete sich eine Mischung aus Missmut und Unbehagen aus. Er lasse sich den Mund nicht verbieten, selbst und schon gar nicht im Hohen Haus, sagte der unbequeme Dichter, den die Diktatur 1976 nach einer Tournee im Westen ausgebürgert hatte.

Bleierne Zeiten in der Diktatur

Bei Dissidenten und Regimegegnern wie Biermann oder Bundespräsident Joachim Gauck sitzt das Misstrauen gegen die politischen Erben des DDR-Regimes tief. Weil sich in Thüringen die Linke mit Hilfe der SPD und Grünen anschickt, den Ministerpräsidenten zu stellen, ist die Debatte um den „Unrechtsstaat“ und seiner Repression just zum Jubiläum mit ungeahnter Intensität aufgeflammt. Auch die Kanzlerin brach ihr Schweigen, als sie den Koalitionspartner SPD wegen des bevorstehenden Tabubruchs, der Wahl des Links-Kandidaten Bodo Ramelow, scharf anging. Zeitzeugen beschworen die „bleiernen Zeiten“ herauf, das Schicksal der „Eingemauerten“, die Demütigung und Ohnmacht.

Derweil entschuldigte sich die Parteispitze der Linken in einer Erklärung für das Unrecht der SED, der Staatspartei der DDR, aus deren Reihen 1990 ihre Vorgängerpartei PDS hervorgegangen war. Die alten Kader wanderten mit, auch als sie sich 2007 mit der westdeutschen, von Linksgewerkschaftern dominierten Protestpartei Wasg fusionierte. Zugleich wandten sich Gregor Gysi & Co. gegen eine „Schwarz-Weiß-Malerei“.

Frontstadt des Kalten Kriegs

Ausgenommen von der Aufwallung blieb indes nicht einmal Michail Gorbatschow. Der frühere sowjetische Staatschef, als Ehrengast vom Checkpoint Charlie bis zum Brandenburger Tor herumgereicht, genießt in Deutschland, als eine Ikone der Wiedervereinigung liebevoll „Gorbi“ genannt, Heldenstatus – im Gegensatz zu seiner Heimat. Der 83-jährige Polit-Rentner beklagte sich bitter über den Vertrauensbruch des Westens, der seine Zusagen gegenüber Moskau nicht eingehalten und stattdessen mit der Nato-Osterweiterung strategisch Kapital aus der Schwäche Russlands geschlagen habe.

Wie Henry Kissinger warnte auch er jetzt in der einstigen Frontstadt des Ost-West-Konflikts, in der John F. Kennedy, Ronald Reagan oder Willy Brandt denkwürdige Sätze formuliert hatten, neuerlich vor einem Rückfall in den Kalten Krieg. Auch Helmut Kohl, der „Vater“ der Wiedervereinigung, hegt einen Groll – gegen die Bürgerrechtler, die er von der Stasi unterwandert wähnte.

Angela Merkel war derweil blendender Laune, gelöst wie selten. Mit einem süffisanten Lächeln öffnete sie ein Absperrband, plauderte und schüttelte Hände. Im Bundestag hatte sie Wolf Biermann einen freundschaftlichen Klaps auf die Schulter gegeben – was gewissermaßen einem Ritterschlag gleichkam. Und im Berliner Ensemble, dem von Claus Peymann geführten Brecht-Theater am Schiffbauerdamm, besuchte sie ein Biermann-Konzert. In der Diktion des Dichters erinnerte sie an die Gängelung und Drangsalierung des DDR-Regimes.

Wer hätte gedacht, dass die damals 35-jährige Physikerin, die die historischen Stunden am Abend des 9. November 1989 fast in einer Sauna verschwitzt hätte, um später doch noch in einer Wohnung Wildfremder in Westberlin zur Feier des Tages mit einem Bier anzustoßen, das vereinigte Deutschland 25 Jahre später unangefochten regieren würde? In einem ungewohnten Gefühlsausbruch bekannte sie, wie froh es ihr jedes Mal ums Herz sei, wenn sie durch das Brandenburger Tor spaziert. „Träume können wahr werden.“

Hier erklang abends dann Beethovens „Ode an die Freude“, dirigiert von Daniel Barenboim. Beim Bürgerfest unter dem Motto „Mut zur Freiheit“, moderiert von „Tatort“-Star Jan Josef Liefers, ließen es Udo Lindenberg, mit seinem vielumjubelten „Sonderzug nach Pankow“, und Peter Gabriel dann rockiger angehen. „Wowi“, Berlins scheidender Bürgermeister Klaus Wowereit, hatte in der ersten Reihe noch einmal einen letzten Auftritt im Rampenlicht der Weltöffentlichkeit.

Die Meile vor dem ehemaligen Wahrzeichen der Teilung war beinahe so voll wie zur Fußball-WM, nur dass sich die Freude stiller manifestierte als beim WM-Triumph Deutschlands vor vier Monaten. Doch überall, ob in der Versöhnungskapelle, im Mauerpark oder im Konzerthaus am Gendarmenmarkt, glühten die Menschen, teils mit Kerzen und Rosen in den Händen, im Gedenken an die Opfer, vor innerer Genugtuung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.11.2014)