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Die Gewinner des Euro-Absturzes

(c) REUTERS (RALPH ORLOWSKI)

Analyse. Die europäischen Zentralbanker drücken den Wert des Euro nach unten und entfachen einen Abwärtswettkampf der Währungen. Davon können heimische Anleger und Kreditnehmer profitieren.

Wien. Mit einem so heftigen Absturz haben wohl wenige gerechnet: Wenige Wochen vor Jahresende ist der Euro nur noch rund 1,24 Dollar wert. Seit Anfang Jänner 2014 hat die europäische Einheitswährung somit fast zehn Prozent gegenüber dem US-Dollar eingebüßt.

Die Währungsstrategen der Deutschen Bank prognostizieren sogar, dass der Euro im Jahr 2017 weniger als einen US-Dollar wert sein wird. Das wäre bis dahin ein weiterer Wertabfall von fast 25 Prozent. Zugegeben, derlei Prognosen sind für Anleger mit großer Vorsicht zu genießen. Nicht nur, weil die Deutsche Bank während und seit der Finanzkrise mit Skandalen und Gerichtsprozessen enorm an Renommee verloren hat. Sie ist zudem auf dem Devisenmarkt ein ganz großer Spieler, die Grenze zwischen objektiver Untersuchung und Eigeninteresse ist bei solchen Währungsanalysen oft fließend.

Dennoch ist heute auch klar ersichtlich, dass die Europäische Zentralbank (anscheinend) alles unternimmt, um den Euro zu schwächen, sprich den Außenwert zu anderen Währungsblöcken zu drücken. Die EZB hält den Leitzins künstlich unten und kauft riskante Wertpapiere auf. Derzeit funktioniert diese Strategie, wie die Euro-Dollar-Paarung verdeutlicht. Die europäischen Firmen haben damit bessere Exportchancen auf dem US-Markt. Und die EZB hofft, dass deren Firmengewinne und Investitionen die erlahmte Eurowirtschaft wieder in Schwung bringen.

Bleibt die Frage, wie die US-Notenbank auf das Abwärtstreiben der EZB-Banker reagiert. Zumindest Japans Notenbanker haben sich bereits in den Währungs-Abwärtswettkampf eingeschaltet. Tokios Notenbanker haben kürzlich angekündigt, ihre Geldpolitik drastisch zu lockern. Binnen weniger Wochen sackte der Yen zum Euro um rund fünf Prozent ab (heute notiert er bei 142 Yen).

 

US-Aktienanleger im Plus

Für Aktienanleger, die nicht nur auf mögliche Kursgewinne, sondern auch auf Wechselkursvorteile schielen, ergibt sich somit ein interessantes Anlageumfeld. Denn jene, die in US-Aktien investieren, könnten bei einem weiteren Euroabfall zusätzliche Währungsgewinne einstreifen. Und zwar in beachtlicher Höhe.

Ein Szenario: Wer Anfang September 20.000 Euro in US-Aktien investiert hat, steht heute mit einer beträchtlichen Rendite da. Gemessen am Leitindex Dow Jones hat der US-Aktienmarkt zwar nur um drei Prozent zugelegt. Aber mit dem zusätzlichen Währungsgewinn beläuft sich der Gewinn auf fast neun Prozent – und das in weniger als zweieinhalb Monaten. Der Vermögenszuwachs wurde dabei zu zwei Dritteln vom geänderten Wechselkurs gespeist (Kosten und Steuer sind dabei noch nicht berücksichtigt).

Für jene, die den Euro-Absturzprognosen der Analysten trauen, ergeben sich auch jetzt noch gute Chancen. Wenn man heute Dollar-Aktien kauft und der Euro notiert in einem halben Jahr bei 1,18 Dollar – (und das Aktienkursniveau ist ähnlich dem aktuellen) – dann hat der Anleger allein aus der Währungskomponente einen Nominalgewinn von fünf Prozent erzielt (Kosten und Steuern sind nicht berücksichtigt).

Eine andere Gruppe heimischer Finanzmarkt-Akteure wird den Währungswährungswettlauf nach unten auch mit Wohlwollen betrachten: jene Kreditnehmer, die noch im japanischen Yen verschuldet sind. Durch den heftigen Yen-Abfall zum Euro der vergangenen Tage hat sich die (Buch-)Kreditschuld ihrer Fremdwährungsdarlehen deutlich verringert. Damit hat sich der Yen für viele als ideale spekulative Finanzierungswährung entpuppt.

Ein Beispiel: Jemand, der sich Anfang 2000 im japanischen Yen mit 100.000 Euro verschuldet hat, hat sich in der Zwischenzeit nicht nur knapp 35.000 Euro an Zinsen erspart. Auch die (Buch-)Kreditschuld hat sich seither verringert – und zwar auf 76.000 Euro. Ein Viertel der Kreditschuld wurde einfach wegradiert – dank der günstigen Währungsentwicklung. (ker)

AUF EINEN BLICK

Der Euro hat heuer gegenüber dem US-Dollar bereits zehn Prozent an Wert verloren. Die Experten der Deutschen Bank glauben gar, dass die Gemeinschaftswährung im Jahr 2017 auf unter einen Dollar fallen könnte. Ob es so weit kommt, ist aus heutiger Sicht freilich schwer abzuschätzen. Aber: Von der Währungsschwäche des Euro profitieren derzeit vor allem US-Aktienanleger. Auch für Yen-Kreditnehmern ist die Situation dieser Tage günstig.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.11.2014)