USA: Soldatenkult und Schamgefühl in Amerika

(c) EPA (SHAWN THEW)
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Vier Jahrzehnte nach dem Ende der Wehrpflicht haben so wenige Amerikaner militärische Erfahrung wie nie zuvor. Kriegsveteranen werden zu hohen Anlässen massenmedial und werbetauglich heroisiert, im Alltag aber peinlich ignoriert.

Wer am Dienstag einen Blick in den wuselnden Kurznachrichtendienst Twitter wirft, wird sich eines Schlagworts und eines Bildsujets nur schwer erwehren können: Unter #concertforvalor werden Schnappschüsse prominenter und gewöhnlicher Amerikaner, die ihre rechte Faust auf das Herz legen, die digitalen Weiten durchfluten. Besagtes „Concert for Valor“, das „Konzert für den Heldenmut“, wird am Dienstagabend hunderttausende Menschen auf die National Mall in Washington ziehen, wo vor dem Kapitol Bruce Springsteen, Metallica, Eminem und zahlreiche andere Stars musizieren werden, um „den Mut und die Opfer der Veteranen, aktiven Mitglieder der Streitkräfte und ihrer Familien zu ehren“, wie es auf der Website der Veranstalter heißt.

Diesem voraussichtlich weltweit bisher größten Konzert anlässlich des Veterans Day, einem Nationalfeiertag zu Ehren der Kriegsveteranen aller Kriege mit amerikanischer Beteiligung, ging eine enorme PR-Kampagne voraus. Das Bankunternehmen Chase Manhattan und der Kaffeelokalkonzern Starbucks bezahlen die Veranstaltung, der Kabelfernsehsender HBO überträgt sie direkt. Howard Schultz, der Gründer von Starbucks, hat zudem zeitgerecht mit dem „Washington Post“-Redakteur Rajiv Chandrasekaran ein Buch veröffentlicht, das zur Unterstützung der Veteranen aufruft. Er sei bei einem Besuch der Offiziersschule in West Point darüber erschüttert gewesen, „wie fremd mir diese Mitbürger sind, die sich für unser Heimatland einsetzen“, sagte Schultz in einem Interview mit der „Huffington Post“. Das habe ihn dazu bewogen, zum Advokaten der Veteranen zu werden. „Wir brauchen eine nationale Debatte darüber, wie wir unsere Veteranen respektieren und ehren.“

Politiker ohne Kriegserfahrung

Von den regelmäßigen Ordensverleihungen durch den Präsidenten über die Praxis an US-Flughäfen, Soldaten in Uniform bei der Sicherheitskontrolle schneller durchzulassen, bis hin zu den Cheerleaderinnen, die in der Woche vor dem Veterans Day in knappen Militärhöschen und Hemdchen über Basketballplätze und Footballfelder hopsen: Die Heldenverehrung der Männer und Frauen in Uniform, welche in den USA zu einer unhinterfragten Form der Nationalfolklore geworden ist, erscheint so manchem Besucher aus Europa befremdlich.

In der eigenen Lebenserfahrung der Amerikaner jedoch scheint der Militärdienst immer seltener auf. Laut der Brookings Institution hat nur jedes fünfte Mitglied des aktuellen US-Kongresses selbst gedient – ein historischer Tiefststand; Anfang der Achtzigerjahre waren noch drei Viertel der Senatoren und Abgeordneten Veteranen.
Vier Jahrzehnte nach der Abschaffung der Wehrpflicht durch Präsident Richard Nixon hat kaum ein Amerikaner militärische Erfahrung und nur wenige Verwandte oder Bekannte in den Streitkräften. In den beiden jüngsten Kriegen in Afghanistan und im Irak haben rund 2,5 Millionen Amerikaner gedient: also nicht einmal jeder hundertste. Dass sich im Durchschnitt alle 80 Minuten ein Veteran umbringt und die Arbeitslosigkeit unter ehemaligen Soldaten wesentlich höher ist als jene unter Zivilisten, sorgt für Bedauern, aber keine politischen Reformen.

Die Wehrpflicht als Kriegsbremse

Andrew Bacevich findet das alarmierend. Der emeritierte Professor der Boston University hat als Offizier in Vietnam gekämpft und 2007 seinen Sohn, einen Oberleutnant der Army, bei einem Bombenanschlag im Irak verloren. Bacevich argumentiert seit Jahren für die Wiedereinführung der Wehrpflicht als demokratische Bremse, um die USA vor gedankenlosen Feldzügen zu bewahren. Die Fiaskos in Afghanistan und im Irak zeigen, was dabei herauskomme, „wenn man sich auf eine große, stehende Armee verlässt. Wenn man es erlaubt, dass die Bürger die Tuchfühlung mit ihrem Militär verlieren. Wenn man die Sicherheitspolitik allein dem Staat überlässt“, so Bacevich im Frühjahr im Gespräch mit der „Presse“. Von Ehrenbekundungen bei Sportveranstaltungen und ähnlichen symbolischen Akten der Heldenverehrung hält er nichts. „Die Truppen zu unterstützen ist der zentrale Glaubenssatz unserer bürgerlichen Religion geworden. Aber um die Truppen zu unterstützen, muss man nichts Substanzielles tun. Es fordert die Bürger zu keiner ernsthaften Verantwortung auf.“

Für die Einführung der Wehrpflicht gebe es auch triftige moralische Gründe, argumentiert der Staatsrechtler Michael Sandel in seinem Klassiker „Justice: What's the Right Thing to Do?“ (Penguin, 2009). Er verweist erstens darauf, dass sich in den USA die Oberschicht fast komplett aus dem Wehrdienst ausgeklinkt hat. 1956 meldeten sich von den 750 Absolventen der prestigeträchtigen Universität Princeton 450 zum Militärdienst; 2006 taten das nur neun von 1108. Zweitens sei Landesverteidigung keine Leistung wie jede andere, die man beliebig den Marktkräften überlassen könne. Er zieht den Vergleich mit der Berufung zum Geschworenendienst bei Gericht: „Wir betrachten die Tätigkeit der Rechtsprechung als Verantwortung, die alle Bürger tragen sollten.“

Mehrheitsfähig ist diese Sicht in den USA allerdings nicht. 74 Prozent sagten 2013 in einer Umfrage des Pew Research Centers, sie seien gegen die Einführung der Wehrpflicht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.11.2014)

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