Manager: Kühle Rechner statt kühner Pioniere

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Dringend gesucht: In der Krise fehlen im wilden Osten Sanierer westlichen Stils. In Firmen mit westlichen Müttern müssen in dieser Situation wieder vermehrt Expatriates aus den Zentralen einspringen.

Wien. Schön war die Zeit: Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs war in den Ländern des ehemaligen Ostblocks erst einmal Pioniergeist angesagt. Als Managertyp waren mutige Macher gefragt, die unerschrocken genug waren, immer weiter in den wilden Osten vorzudringen. Sehr viele von ihnen kamen aus Österreich, Herbert Stepic von Raiffeisen International ist ein Prachtexemplar. Der Erfolg gab dem Haudegen recht. Wer als Erster vor Ort war, pflanzte sein Fähnchen auf – in Form von hohen Marktanteilen.

Nun folgt die Ernüchterung: Die Krise hat auch die CEE-Länder voll erfasst, und was sich nun am schnellsten angleicht, sind die Anforderungen an Topmanager. „Gesucht werden plötzlich klassische Rationalisierer und Sanierer, die Kosten und Liquidität im Griff haben“, erklärt Markus Kaiser, Partner bei Heidrick & Struggles. Die weltweit führenden Headhunter für Vorstandsetagen steuern ihre Osteuropa-Aktivitäten von Wien aus.

Solche Werte aus dem gesättigten Westen waren in der Zeit ungebremsten Wachstums weniger nötig. Die Folge: Vor allem in Rumänien und Bulgarien sind viele Konzerne „noch weit entfernt von westlichen, fein gesteuerten Organisationen“, weiß Stefan Steger, Heidrick-Chef in Österreich. Ähnliches gelte für den russischen Rohstoffsektor, wo in den Jahren des Preisbooms „nur Schönwetterkapitäne gebraucht wurden.“

Verschärft wird das Problem durch einen anderen Führungsstil: „Die Chefs entscheiden alles selbst, und wenn überall Probleme hochkommen, sind sie überfordert.“ In Firmen mit westlichen Müttern müssen in dieser Situation wieder vermehrt Expatriates aus den Zentralen einspringen. Ergänzt werden sie von Beratern wie etwa von McKinsey; „und die sind“, so Steger, „bei den heimischen Mitarbeitern so beliebt wie die US-Truppen im Irak.“

Weit besser sieht es in vielen Ländern der ersten EU-Erweiterungsrunde aus. „In Ländern wie Tschechien oder Polen ist das lokale Management meist so gefestigt, dass die Konzernzentrale zu ihm auch in der Krise volles Vertrauen hat – nicht anders als etwa zu einer Tochter in Italien.“

Auch West lernt von Ost

Im Übrigen hat der Abschwung für die Personalabteilungen auch etwas Gutes: Mit dem extremen Gehaltswettbewerb und der hohen Fluktuation der letzten Jahre ist es vorerst vorbei. Und der lange Boom hat auch viele Führungskräfte, die ihr Glück in London oder den USA versucht haben, wieder zurück in ihre Heimat gelockt – sie stehen zur Verfügung.

„Vor Kurzem hatten wir den Auftrag, auf der ganzen Welt nach dem besten Russen für für einen Top-Posten in einem russischen Großkonzern zu suchen. Es stellte sich heraus, dass die geeigneten Kandidaten längst zurück in ihrer russischen Heimat waren. Das hat uns überrascht“, erzählt Steger.

Im besten Fall haben solche verlorenen Söhne im Westen viel gelernt, aber sich eines bewahrt: die große Flexibilität, die den Osteuropäer immer schon geholfen hat, tiefe Krisen zu überstehen.

Gerade die erfolgreichsten westlichen Konzerne holen sich deshalb auch Manager aus den CEE-Ländern in die Zentrale, um von ihnen zu lernen, wie man sich schnell, kreativ und oft auch bauernschlau an widrige Umstände anpasst. „Diversität“ heißt das neue Zauberwort – kühle Rechner allein sind eben doch zu wenig.

Auf einen Blick

Hard Facts: Klassische Krisenmanager haben in Osteuropa Konjunktur, die Zeit der rasch expandierenden Pioniere ist vorbei.

Soft Facts: Osteuropäer haben gelernt, Krisen durch Improvisation zu durchtauchen. Auch das ist nun in Konzernzentralen gefragt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.03.2009)

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