Neubau: Dachatelier, Hinterhofstudio

Alte Häuser, neue Bilder: Unterwegs mit Thomas Licek, Leiter von „Eyes On“, durch einen Bezirk mit Film- und Fotohistorie.

Wer vor hundert Jahren etwas auf sich hielt, ein wenig Geld hatte und sich von seiner besten Seite ins Bild setzen lassen wollte, begab sich in die Museumstraße hinter dem Volkstheater und fuhr mit dem Lift bis unters Dach. Dort oben im sogenannten Weghuberhaus von Architekt Rudolf Erdös betrieb Franz Xaver Setzer eines der exklusivsten Fotoateliers von Wien. Viel Licht strömte durch die großen Fenster im Dachgeschoß herein, ideal für Innenaufnahmen ohne Blitz. Nach dem Ableben Setzers machte Marie Karoline Tschiedel, zuerst Assistentin und später technische Leiterin, mit dem Betrieb weiter – an die 70 Jahre lang. Bis 1979, als eines der letzten Tageslichtstudios in Wien. „Im Atelier Setzer-Tschiedel existiert zudem ein riesiges Archiv mit Glasplatten, das nun aufgearbeitet wird“, erzählt Thomas Licek, der Managing Director von „Eyes On – Monat der Fotografie Wien“ auf einer Grätzeltour kreuz und quer durch den fotografie- und einst filmlastigen Bezirk Wien-Neubau.

Raum, Bild, Cluster

Das vor einigen Jahren für Veranstaltungszwecke adaptierte Tageslichtatelier ist ein Ausstellungsort im Rahmen des internationalen Monats der Fotografie in Wien, der den ganzen November andauert. Eine von über 100 Locations über die Stadt verteilt, die räumlich, atmosphärisch und institutionell sehr unterschiedlich sind – vom Museum wie dem Musa, bekannten Adressen wie dem „Westlicht“ bis zu entlegenen Off-Spaces und Kunsträumen. Ganz abgesehen vom Interesse an den fotografischen Arbeiten bringt einen Eyes On „in Räume, in die man sonst nicht kommt“, meint Licek über den architektonischen Nebeneffekt. In fast allen Wiener Gemeindebezirken, aber vor allem im Siebenten – schon aus historischen Gründen. In der Neubaugasse und nahe der Mariahilfer Straße konzentrierten sich von Stummfilmzeit an die Filmstudios, zuliefernde und dienstleistende Unternehmen. Lange war Neubau einer der wichtigsten Industriestandorte Wiens. An der Wende zum 20. Jahrhundert wurde hier sehr viel und flächendeckend neu gebaut. Der Anteil an mehr oder weniger generalsanierten und dachgeschoßausgebauten Gründerzeithäusern ist dabei sehr hoch, Altbau prägt die Wohn- und auch die Lebensqualität in dem Bezirk.

Hinterhof und Frontale

Heute noch sind im Siebenten Filmfirmen und fotografisches Gewerbe geclustert. Um sich ein Bild davon zu machen, empfiehlt Licek eine Route durch die Burggasse, dann einen Schlenker durch die Schottenfeldgasse, weiter zur Westbahnstraße und bis zur Kaiserstraße. „In den Hinterhöfen hatten sich die Filmstudios angesiedelt.“ Großformatig waren diese Häuser angelegt, zumal in vielen auch Industrie betrieben wurde: „In der Schottenfeldgasse sieht man zum Beispiel noch Schmalspurschienen, über die man die Erzeugnisse aus den Fertigungshallen im Hinterhof hinausgebracht hat.“ Dabei bieten sich immer wieder Überraschungen wie etwa die „Galerie Raum mit Licht“, die „hier einen erweiterten Ausstellungsraum eingerichtet hat. Das war früher eine Werkstatt in einem Gartenhäuschen“. Der Weg zu den mitunter versteckten Ausstellungsräumen führt vorbei an vielen kleinen Shops und Lokalen. Immer wieder bleibt der Blick an einem Schaufenster hängen, etwa am „Bildraum 07“ in der Burggasse 7. „Bildrecht“ hat hier in einem alten Geschäftslokal Quartier bezogen und nutzt den hohen Raum für Großformatiges: einen „Tapetenwald“ (von Marko Zink). Ein bemerkenswertes Stück Natur für den Bezirk mit dem wenigsten Anteil an Grünflächen.

("Die Presse", Printausgabe, 15. November 2014)

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