Angesichts des Ölpreisverfalls beruhigt der Kreml, dass das Land widerstandsfähiger sei als andere Ölförderstaaten. Das stimmt höchstens zum Teil. Vieles ist nur Zahlenkosmetik.
Wien. Auch wenn gestern eine leichte Erholung des Ölpreises stattfand, so sucht der jetzige Preisverfall seit Mitte Juni doch seinesgleichen. Es handle sich um die längste Talfahrt seit 1986, so die Agentur Bloomberg. Um über 30 Prozent hat etwa die Nordseesorte Brent nachgegeben und neulich mit unter 77 Dollar je Barrel den tiefsten Wert seit September 2010 erreicht. Gründe dafür gibt es einige: Zur zunehmenden Förderung in den USA kommen die niedrigere Nachfrage und die Wiederaufnahme der Lieferungen aus dem Iran und aus Libyen.
Selbst wenn die Opec die Förderquoten kürzen sollte, ist nicht ausgemacht, dass der Trend gebrochen wird. Weil die chinesische Wirtschaft schwächle, seien auch 2015 weiter sinkende Ölpreise zu erwarten, schreibt die Internationale Energieagentur (IEA).
Versteckte Sorgenfalten
Besonders einem Land wie Russland, dem nach Saudiarabien zweitgrößten Ölexporteur, müssten die Sorgenfalten auf der Stirn stehen. Schon lang vor dem Ölpreisverfall nämlich hat die Stagnation eingesetzt. Für 2014 lautet die Konsensprognose bei Bloomberg 0,3 Prozent Wachstum. Inzwischen schlagen auch die Sanktionen durch und führen zur beschleunigten Kapitalflucht. Nicht zuletzt wegen des Ölpreises ist der Rubel seit Jahresbeginn um ein Drittel gefallen. Das könne sich zwar kurzfristig positiv auf die Importsubstitution auswirken, aber im Ganzen „fördert es das BIP-Wachstum nicht“, so Wirtschaftsminister Alexej Uljukajew.
Die Rubelabwertung hilft immerhin dabei, das durch die geringeren Öleinnahmen entstehende Budgetloch formal zu schließen. So hat dieser Tage auch Premier Dmitri Medwedjew erklärt, dass eine Fluktuation des Ölpreises zwischen 79 und 85 Dollar keine Revision des Staatsbudgets erfordere.
Russland in besserer Position?
Sieht man freilich von der „Zahlenkosmetik“ durch die Devaluation ab, so ist Russland schon empfindlich getroffen. Dem Budget nämlich ist ein hypothetischer Ölpreis von 96 Dollar zugrunde gelegt. Bleibe er um 20 Dollar darunter, entgingen dem Budget etwa 1,4 Bio. Rubel (24 Mrd. Euro), rechnet Igor Nikolajew, Chef des Finanzdienstleisters FBK, vor: Ausgabenkürzungen würden ab 2015 unvermeidlich.
Vor diesem Hintergrund hat Kremlchef Wladimir Putin gestern erklärt, dass Russland mit der ölpreisbedingten Krise leichter zurechtkommen werde als andere Länder. Als Rohstoffstaat gehe man behutsam mit den Währungsreserven um, sagte er: „Sie sind bei uns ausreichend groß.“
Inwiefern das stimmt, hängt von der Perspektive ab: Ende Oktober betrugen sie 428,6 Mrd. Dollar, nachdem sie zu Jahresbeginn 510 Mrd. Dollar betragen hatten. Geschmolzen sind sie, weil die Zentralbank mit dem Geld den Rubel gestützt hatte. Und Putin gibt zu, dass sich so gut wie alle Betriebe um Geld anstellen.
Vor einem Monat hatte Putin besorgt erklärt, die Weltwirtschaft würde zusammenbrechen, wenn der Ölpreis bei 80 Dollar verharrt, denn die wichtigsten Ölförderstaaten hätten ihr Budget ausgehend von über 80 Dollar bis 90 Dollar je Barrel erstellt. Das trifft tatsächlich auf mehrere Staaten der arabischen Halbinsel zu, wobei einige von ihnen tiefer ansetzen und daher um ihr Budget noch lange nicht fürchten müssen, wie Daten von Reuters und der Citibank zeigen.
Die russische Zentralbank hat in einem Horrorszenario einen Ölpreis von 60 Dollar je Barrel für Ende 2015 angenommen. Wie die wichtigsten Wirtschaftsparameter darauf reagieren würden, sei laut Zentralbank unbekannt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.11.2014)