Smart City: Wohlfühlen in wachsenden Städten

Verkehrsforscher wissen: Die Einstellung der Jugend ist nicht mehr so autoaffin.(c) Reuters

Wiener Forscher entwickeln Entscheidungshilfen für Europa und Südamerika, um neue Stadtteile nachhaltiger zu gestalten. Zudem wollen Verkehrsforscher in den Städten der Zukunft Stau vermeiden.

Das rasante Bevölkerungswachstum stellt Städte vor Probleme: Wie strukturiert man wachsende Stadtteile, damit Menschen sich dort wohlfühlen, aber wenig Ressourcen verbrauchen? „Unsere Erfahrung mit der Simulation von Stadtentwicklung in Europa wird derzeit bei einem Projekt in Lateinamerika angewendet“, erzählt Wolfgang Loibl vom Energy Department am Austrian Institute of Technology (AIT).

In dem Projekt entwickelt sein Team eine virtuelle Entscheidungshilfe, wie man in schnell wachsenden Städten nachhaltige Infrastruktur errichtet – am besten kostengünstig. „Einen Flächenwidmungsplan, den wir in Europa gewöhnt sind, gibt es dort nicht“, sagt Loibl: „Daher muss man im Voraus die Infrastruktur so planen, dass sich dort entlang Siedlungen entwickeln, in denen ressourcenschonend Wohnen, Arbeit und Freizeit möglich sind.“

Die Vermeidung von Wildwuchs ist eine der großen Herausforderungen der wachsenden Städte. Derzeit leben weltweit über 50 Prozent der Bevölkerung in Städten, 2030 werden es insgesamt fast fünf Milliarden Menschen sein. Bei der Urban-Future-Konferenz in Graz diskutieren ab nächstem Dienstag 170 Experten über smarte Energie, Mobilität, Kommunikation und Städteplanung.

 

Am Computer durchspielen

Graz selbst ist auf dem Weg zur Smart City: In zwei Bereichen (Graz West und Graz Süd) ist eine der Visionen, bis 2050 die Gesamtenergie aus erneuerbaren Energieträgern zu erzeugen. Derzeit entstehen weltweit 70Prozent der CO2-Emissionen in und um Städte.

Das AIT entwickelt in einem EU-Projekt auch Entscheidungshilfen, wie europäische Städte den CO2-Ausstoß minimieren können. Mit diesem Computerwerzeug können Eingangsdaten auf dem digitalen Stadtplan variiert werden: Wenn man diesen Baublock thermisch saniert, wie viel Energie spart das? Wenn man im gesamtem Bezirk Fotovoltaik anbringt, wie stark sinken die Emissionen? Was bringt das Umrüsten von Öl- oder Gasheizung auf Wärmepumpen? All das lässt sich im Simulationstool ausrechnen und soll Entscheidungsträgern bei der Planung helfen.

Wien ist mit zwei Stadtteilen vertreten: In Liesing sollen bestehende Strukturen hinsichtlich Energieeffizienz saniert werden, wodurch das Gebiet auch neu aufgewertet wird. In der Seestadt Aspern entsteht derzeit eine Smart City auf dem Reißbrett, wodurch man mehr Freiheiten bei der Planung der Maßnahmen hat.

Die Seestadt Aspern nennt auch TU-Mobilitätsforscher Harald Frey als positives Beispiel, wenn es um die Reduktion des Individualverkehrs geht: „Hier gibt es Sammelgaragen. Man fährt nicht mit dem Lift in die Tiefgarage zu seinem Pkw, sondern geht zur Sammelgarage, die gleich weit entfernt ist wie die Haltestelle“, so Frey. Das motiviert ähnlich dazu, auf Bim und U-Bahn umzusteigen, wie in Bezirken, in denen Parkplätze Mangelware sind. Dort lassen viele ihr Auto lieber stehen, als nach der Arbeit eine Stunde Parkplatz zu suchen.

„Die Menschen nutzen immer das Verkehrsmittel, das für sie am bequemsten ist“, sagt Frey. Wien hat durch Parkraumbewirtschaftung und den Ausbau des öffentlichen Verkehrs bereits geschafft, den Autoverkehr zu verringern.

Das zeigt sich auch an der sinkenden Zahl der Führerscheinabsolventen in Wien: „Die Einstellung der Jugendlichen ist nicht mehr so autoaffin“, sagt Frey. Das gelte freilich nur für den städtischen Bereich, im suburbanen und ländlichen Bereich ist die Autoabhängigkeit weiterhin gegeben.

„Modelle, die für Städte der Zukunft den Verkehr berechnen, müssen viel stärker beachten, dass sich das Verhalten der Menschen ändern kann“, betont Frey. Sein Team der TU Wien untersuchte das Verkehrsaufkommen während der Fußball-EM 2008. Die Modelle hatten prognostiziert, dass es auf der Ausweichroute rund um die Public-Viewing-Zone des Rings zu mehr Verkehr kommen würde.

„Tatsächlich waren auf der Ausweichroute, für die großflächige Staus prognostiziert waren, weniger Autos unterwegs als im Vergleichsmonat des Vorjahres: Das bestätigt, dass angekündigte Staus nie stattfinden“, sagt Frey.

 

Stau auf 16 Fahrspuren?

Denn der Mensch nimmt Informationen auf und ändert sein Verhalten. „Wenn Sie Stau verhindern wollen, müssen Sie Fahrspuren reduzieren“, sagt Frey. Das zeigen Beispiele wie Südosttangente oder Südautobahn: „Je attraktiver ich das Angebot mache, umso mehr Leute wollen dorthin, umso mehr staut es sich. Jetzt staut es sich auf der Südautobahn eben auf fünf statt wie früher auf drei Spuren.“

In den USA gibt es sogar eine Strecke, die von zwei Spuren auf 16Spuren pro Richtung erweitert wurde. „Erst dann wurde dort eine Schnellbahnlinie errichtet und das Problem Stau hat sich gelöst“, sagt Frey. Er betont, dass man Verkehr nie am Einzelobjekt messen soll, sondern ein systemisches Denken braucht.

Optimierung des Verkehrsflusses heißt nicht, eine grüne Welle für die Autos zu schaffen, sondern das System multimodal mit all seinen Einzelteilen zu betrachten: Welcher Verkehrsträger hat die höhere Kapazität, wie kann man leistungsfähig bleiben in Kombination von Privat-Pkw, Fahrrad, öffentlichem Verkehr, Taxi, Carsharing und mehr? „Die Menschen sind lernfähig: Das ist wie beim Griff auf die heiße Herdplatte. Wenn man einmal im Stau steht, tritt ein Vermeidungslernen ein. Jeder unangekündigte Stau löst sich nach drei bis fünf Tagen von selbst, da auf andere Verkehrsmittel umgestiegen oder großräumig ausgewichen wird“, so Frey. Darum würden seit Einführung der Begegnungszone in der Mariahilfer Straße im gesamten sechsten und siebten Bezirk täglich 14.000 Autos weniger gezählt. „Strukturveränderungen führen zu Verhaltensänderungen: Vor 20 Jahren wurden in Wien 40 Prozent der Wege mit dem Auto zurückgelegt, heute nur mehr 27 Prozent.“

 

Schnellste Reiseroute finden

Um es den Nutzern noch einfacher zu machen, Alternativen zum Auto zu wählen, entwickeln die ÖBB und die Wiener Linien gemeinsam mit der TU Wien ein neues Bezahlsystem, das alle Modalitäten des Verkehrs einschließen soll – städteübergreifend.

Die App „Smile“ ist als Forschungsprojekt des Infrastrukturministeriums in Entwicklung, bis zu 5000Test-User mit Android-Smartphones können sich auf www.smile-einfachmobil.at anmelden und die Pilotversion testen. „Wenn Sie von der Herrengasse in Wien zum Linzer Hauptplatz wollen, sollen die Tickets dafür mit einer Rechnung auf Ihr Handy kommen“, so Frey. „Smile“ zeigt alle Möglichkeiten der Öffis, von Auto- und Radverleih an, berechnet die Kosten für die Alternativen und soll die schnellste, bequemste und günstige Reiseverbindung anbieten. „Wir entwickeln die Software als offenes System, bei dem sich immer mehr Anbieter, auch Taxi- und Carsharingunternehmen andocken können“, erklärt Frey.

LEXIKON

Smart City nennen sich Konzepte moderner Stadtentwicklung. Leben in der Stadt soll ökonomisch und ökologisch nachhaltig möglich sein.

Die Urban Future Global Conference findet von 18. bis 19. November in Graz statt. In 46 Sessions mit 170 Fachleuten wird über Mobilität, Energie, Wohnen, Stadtplanung und Kommunikation in Städten der Zukunft diskutiert.

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