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Zahnmedizin: Der Arzt bohrt nicht mehr „blind“

(c) Bilderbox
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Eine neue Technologie aus Österreich macht den Knochenaufbau für Oberkieferimplantate weniger schmerzvoll. Kürzlich hat sie auch die Zulassung am US-Markt erhalten.

Mit den Zähnen ist es lebenslang ein Gefrett. Babys, die zahnen, quengeln. Dann freut man sich im Schulalter auf das Dauergebiss – ein Schritt hin zum Erwachsenenalter. Doch kaum sind die bleibenden Zähne da, machen sie bei manchen schon die ersten Mätzchen. Wenn sie ausfallen, behindern sie uns beim Essen, lassen wir sie durch Dritte ersetzen, kosten sie viel Geld, und der Prozess ist langwierig und schmerzvoll. Mit einem Wort: Zähne sind nicht die beste Erfindung der Natur.

Meistens sind die Sechser, also Backenzähne, die ersten, die ausfallen. Nicht so schlimm, denken die Betroffenen oft, denn die entstandene Lücke fällt nicht weiter auf. Doch gerade davor warnt Klaus Eder, Facharzt für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde in Wien Hietzing.

„Viele warten bei diesen Zähnen mit einem Implantat, doch das ist ein großer Fehler. Sie müssen das mit einem Muskel vergleichen. Wenn der Muskel nicht trainiert wird, baut er ab. Genauso ist es bei den Knochen. Das Kauen mit den Zähnen trainiert den Knochen, fällt das weg, wird die Knochenmasse weniger“, sagt Eder.

Das Problem: Es muss im Regelfall mindestens acht Millimeter Knochen vorhanden sein, um ein Implantat setzen zu können. Im Oberkiefer ist jedoch aus beschriebenem Grund häufig zu wenig Knochen vorhanden. Bevor man implantieren kann, muss daher operativ Knochenmaterial aufgebaut werden. Eine bis vor Kurzem für den Patienten sehr schmerzvolle Prozedur, die Schwellungen und Krankenstandstage nach sich zog. Doch damit soll mit der neuen Methode von Klaus Eder Schluss sein. Das Klosterneuburger Start-up-Unternehmen Jeder GmbH Dental Technology, das Eder mit drei Kollegen mithilfe des Seedfinancing-Programms der Austria Wirtschaftservice Gesellschaft AWS 2010 gegründet hat, entwickelte ein Verfahren, das einen schonenden Knochenaufbau im Oberkiefer ermöglicht.

Die seit vielen Jahren gängige Methode ist der klassische Sinuslift. Dabei wird von der Wangenseite her das Zahnfleisch aufgeschnitten und ein Fenster in den Kieferknochen in Richtung Kieferhöhle gebohrt.

 

Sensibler als ein rohes Ei

Das Knifflige: Die Kieferhöhle ist mit einer hauchdünnen Membran, der sogenannten Schneiderschen Membran, ausgekleidet. Bis zu dieser Membran muss der Zahnarzt bohren. Dann muss die Membran vorsichtig angehoben werden, um zwischen Membran und Knochen Platz für das einzubringende Knochenmaterial zu schaffen. Dieser Eingriff ist für den Zahnarzt ein sehr anspruchsvoller Vorgang und erfordert sehr viel Fingerspitzengefühl, denn der Arzt sieht nicht, wann er zur Membran kommt, sondern muss sich auf seine Erfahrung verlassen.

„Sie müssen sich das so vorstellen: Wenn Sie ein rohes Ei ausblasen, haben Sie an der Schalenwand ein ganz dünnes Häutchen. Wenn Sie nun von außen kommend die Schale durchbohren, ist es sehr schwierig, diese Haut nicht einzureißen. Die Zahnärzte sind noch ärmer dran, denn sie sehen nicht auf die Membran, sondern können sie nur erahnen“, veranschaulicht Eder die Schwierigkeiten des bis dato praktizierten Sinuslifts. Bei bis zu 60 Prozent der Eingriffe wird die Membran durchstoßen. Daraufhin muss das Häutchen mit einer künstlichen Membran abgedeckt werden.

„Durch das Jeder-System konnten wir die Perforationsrate auf fünf Prozent senken“, berichtet Andreas Bayerle, der Geschäftsführer des Start-ups. „Mit unserem Verfahren bohrt der Arzt quasi nicht mehr blind“, so Bayerle.

An der Stelle im Kieferkamm, an der später das Implantat eingebracht wird, macht man eine Sackbohrung bis knapp unter den Kieferhöhlenboden. In das Loch wird eine Fräse eingeführt. Das Besondere: Die Fräse rotiert in einer mit Kochsalzlösung gefüllten Druckkammer. Sobald der Arzt die Membran erreicht hat, wird diese durch den Druck der Kochsalzlösung schlagartig angehoben, der Druck fällt ab. Der Arzt kann via Monitor die Druckwerte verfolgen und das Gerät beim kleinsten Druckabfall stoppen. Daraufhin wird die Kochsalzlösung wieder abgepumpt und das künstliche Knochenmaterial eingebracht. „So gelingt es uns, dass die Membran nur in den seltensten Fällen verletzt wird“, erklärt Bayerle.

 

Ein Schnitt weniger

Der weitere Vorteil für den Patienten: Er hat im Vergleich zur Standardmethode nur ein Loch, das verheilen muss und nicht wie beim klassischen Sinuslift zwei Löcher. „Der Patient erspart sich den wangenseitigen Schnitt, der genäht werden muss.“ Wenn mindestens drei Millimeter Restknochen noch beim Patienten vorhanden waren und die Knochenqualität zufriedenstellend ist, kann sogar gleichzeitig mit dem Jeder-Verfahren das Implantat eingesetzt werden. Das ist natürlich der Idealfall, denn dann erhält der Patient in einem Aufwaschen die zusätzliche Knochensubstanz und das Implantat.

Seit 2011 produziert – im Auftrag der Jeder GmbH – die Medizintechnik-Firma Biegler in Mauerbach bei Wien die Geräte in Serie. Sie bestehen im Wesentlichen aus einer Fräse, also einem Bohrer, und einer Pumpe mit einem Display, das den Druck und das Volumen der über die Pumpe eingespritzten Kochsalzlösung anzeigt. 2013 hat sich der niederösterreichische Risikokapitalgeber Tecnet Equity am Zahntechnik-Unternehmen beteiligt. „Im Herbst 2014 ist es uns nun gelungen, die Registrierung am amerikanischen Dentalmarkt durch die FDA, die Arzneimittel- und Medizinprodukte-Zulassungsbehörde der Vereinigten Staaten, zu bekommen“, freut sich Andreas Bayerle über den Erfolg.

„Damit haben wir mit unserem neuartigen System im Bereich der Oberkieferchirurgie Zugang zum weltgrößten Dentalmarkt, den wir in den nächsten Wochen mit entsprechenden Messeauftritten vorbereiten werden.“ Zurzeit wird das Jeder-System bereits in Österreich, Deutschland, Schweiz, Polen, Rumänien und Israel vertrieben und ist in allen weltweit bedeutenden Dentalmärkten durch mehrere Patentfamilien geschützt. Der Preis für ein Jeder-System liegt derzeit übrigens bei 10.000 Euro.

LEXIKON

Knochenaufbau ist notwendig, wenn für das Setzen eines Implantats zu wenig Knochensubstanz vorhanden ist. Knochenmaterial muss in das Kiefer eingebracht werden. Entweder nimmt man körpereigenes Gewebe des Patienten aus dem hinteren Oberkiefer- oder Unterkiefer oder dem Hüftknochen. Auch natürliches Material, unter anderem aus gereinigtem Rinderknochen, ist im Einsatz. Drittens kann synthetisches Material genommen werden, meistens aus Kalzium-Phosphat-Verbindungen, die ähnlich dem Hydroxylapalatit sind, das den Großteil des natürlichen Zahnschmelzes bildet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.11.2014)